Raus aus dem Elfenbeinturm

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin

Das XLAB hat es vorgemacht. Wer heute einen Euro extra für die Wissenschaft haben will, muss direkt auf Unternehmen, Stiftungen und Mäzene zugehen.

Seit der Gründung im Jahr 2000 haben fast 100.000 Schüler und junge Studierende im Göttinger XLAB eigenhändig experimentiert, sich in den zweimal jährlich stattfindenden „International Science Camps“ mit anderen Jungwissenschaftlern aus etwa 40 Nationen ausgetauscht oder Extraschichten für das Abitur eingelegt.

Das XLAB, das sich selbst als Brücke zwischen Schule und Hochschule sieht, trägt auf diese Weise ein großes Stück dazu bei, den naturwissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland zu fördern. In den elf Jahren, die seit der Eröffnung des „Experimentallabors für junge Leute“ vergangen sind, wurden die Kursinhalte immer komplexer, weshalb auch die Ansprüche an Personal und Technik neue Dimensionen angenommen haben.

Für Investitionen in neue Gerätschaften ist im normalen Haushalt allerdings kein Spielraum

„Wir sind zwar ein Teil des Bildungssystems, jedoch nicht des regulären. Als außerschulischer Bildungsort erhalten wir eine öffentliche Förderung, sie ist aber nicht ausreichend, um Personal-und Sachkosten zu decken“, erklärt XLAB-Geschäftsführerin Eva-Maria Neher die finanzielle Problematik der „Nachwuchsakademie“.

Doch anstatt in ihrem „Elfenbeinturm“ zu sitzen und auf großzügige Spender oder die Hilfe des Staates zu warten, hat die umtriebige Biologin, ganz ihrem Naturell entsprechend, zum wiederholten Mal die Initiative ergriffen und sich auf Sponsorensuche begeben. „Wir haben genau geschaut, zu welchem Unternehmen welche Anschaffung passt und dann konkrete Anfragen gestellt“, erzählt die XLAB-Leiterin.

Win-Win-Situation

Dabei ist sie auch bei vielen, in der Region ansässigen, Unternehmen auf offene Ohren gestoßen. So spendete unter anderem Sartorius moderne Messwagen, während die Firma Zeiss dem XLAB mehrere neue Mikroskope überließ. Neher mag es kaum sagen, weil es sehr abgedroschen klinge, aber das Sponsoring hält sie für eine klassische Win-Win-Situation.

Denn das XLAB bekomme wissenschaftliche Geräte von exzellenter Qualität, wohingegen die Unternehmen zum Beispiel ihre Produkte einem internationalen Forschungspublikum präsentieren können.

Das kann Petra Kirchhoff, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Sartorius, nur bestätigen: „Unter den Wissenschaftlern sind auch Sartorius-Kunden zu finden, die unsere Produkte gleich unter Praxisbedingungen testen können.“

Sie führt aber noch einen weiteren Grund für das Engagement des Biotechnologie-Konzerns an: „Bezogen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs möchten wir unsere Bekanntheit weiter erhöhen und uns zudem als attraktiver Arbeitgeber vorstellen.“

Auch bei den Prothesenspezialisten von Otto Bock war der gemeinnützige Moment nicht der entscheidende Antrieb zur Förderung: „Wir sind uns unserer gesellschaftlichen Mitverantwortung als Unternehmen natürlich bewusst, unterstützen Initiativen wie das XLAB aber auch aus eigenem Interesse. So wird es für Unternehmen im Hinblick auf den zu erwartenden Fachkräftemangel immer wichtiger, Nachwuchskräfte für technische Berufe zu gewinnen“, sagt Michael Hasenpusch, Geschäftsführer für Forschung und Entwicklung bei der Otto Bock HealthCare GmbH in Duderstadt.

Der richtige Weg

Dass der von Eva-Maria Neher eingeschlagene Weg des „privaten“ Fundraising der richtige war, belegen nicht nur die 90.000 Euro, die in Form von Geld- und Sachspenden zu Buche stehen, sondern auch die Anerkennung von einem, der es wissen muss: Wilhelm Krull. Der 59-Jährige ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands deutscher Stiftungen.

Er fordert generell ein stärkeres Engagement von Seiten der Wissenschaft, wenn es darum geht, Mittel für Forschungs- und Bildungsprojekte einzuwerben: „In einer Gesellschaft, die zunehmend geprägt ist von öffentlicher Armut und privatem Reichtum, darf man nicht zögerlich sein und auf staatliche Unterstützung warten, sondern muss selbst aktiv werden, sich gegenüber der Gesellschaft stärker öffnen und durch transparentes Agieren das Vertrauen potenzieller Spender gewinnen.“

Um den Dialog zu fördern, hatte das XLAB am 2. September 2011 zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Titel: „Welche Aufgabe können Stiftungen und Unternehmen im Bildungssystem erfüllen.“ Die Erkenntnis: Alle Beteiligten können nur profitieren.