“Pulver ist noch nicht verschossen“

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Text von: redaktion

“geniusgöttingen“ heißt die Dachmarke, die die Region vermarkten soll. Die Köpfe hinter dem Projekt über die derzeitige Stimmung und die Pläne für die erste konkrete Maßnahme: die Anwerbung von Fachkräften für die Region.

Anderthalb Jahre nach dem Startschuss wurde die Dachmarke unter neuem Träger, der SüdniedersachsenStiftung, wiederbelebt. Warum machen Sie trotz des holprigen Beginns weiter? Hat sich die Kritik nun beruhigt?

Ley: Es war ein Wunsch der Wirtschaft. Wenn es keine grundsätzliche Zustimmung mehr gegeben hätte, hätten wir die Sache nicht gemacht. Wir glauben an den Sinn und Erfolg. Was wir jetzt brauchen, ist Kontinuität.

Rudolph: Ernsthafte Kritik gibt es jetzt kaum noch. Und wenn, dann geht es um Details – manche stoßen sich an den Anglizismen in einigen Begriffen in unserem Entwurf. Es hätte mich gewundert, wenn es nicht die eine oder andere kritische Stimme gegeben hätte. Einer Identifikation nach innen geht immer eine Diskussion voraus. Der Prozess läuft inzwischen konstruktiv, nicht destruktiv ab.

Heinemann: Die Diskussion um die Wortmarke und das inzwischen überarbeitete Logo mit Gänsen ist passé. Die Idee einer Dachmarke findet immer noch großes Interesse. Vor kurzem sagte ein Projektpartner zu mir: „Ich bin stolz, dass ich als einer der ersten dabei bin.“ Wir haben mittlerweile über 30 Partner aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aller vier Landkreise an Bord. Das gab es in dieser Größe so noch nie.

Der neue Untertitel der Wortmarke überzeugt nicht alle Beteiligten. Schmälert das deutsche Wortspiel WissensWerteRegion nicht die Chancen der internationalen Vermarktung?

Heinemann: Uns war von Anfang an bewusst, dass der Untertitel nur für die Inlandskommunikation gelten kann. Wie die Auslandswerbung aussehen wird, wissen wir noch nicht. Möglicherweise lassen wir den Untertitel einfach weg.

Es gibt doch schon so viele regionale Initiativen. Was wollen Sie anders machen?

Heinemann: Wir wollen vor allem an unserer Kommunikation arbeiten. Es gibt in Südniedersachsen keine einheitlichen Imagebroschüren. Ein weiteres Problem ist, dass viele Regionen mit den gleichen Aussagen werben. Auch unsere decken sich derzeit noch mit denen anderer Marketingaussagen und – ganz ehrlich – wir sind uns noch nicht klar, wie unser Alleinstellungsmerkmal zu formulieren ist. Die Herkulesaufgabe wird es sein, das herauszuarbeiten. Wir sind optimistisch, dass das Konzept „geniusgöttingen“ das schafft. Wir werden die Kampagne voraussichtlich im Oktober präsentieren.

Ley: Wir fangen klein an, mit einem für alle Beteiligten „greifbaren“ Projekt. Die Anwerbung qualifizierter Mitarbeiter entspricht dem Bedarf. Wir wollen uns nicht in oberflächlichen „Rundum-Visionen“ für die Region verzetteln. Es reicht nicht, nur zu sagen, Göttingen ist doch eine schöne Stadt.

Rudolph: Allerdings wird damit unser Pulver noch nicht verschossen sein. Ich halte es für denkbar, die Region auch als Veranstaltungsort für Kongresse und Tagungen zu vermarkten.

Warum Mitarbeitergewinnung als Startprojekt einer Dachmarkenkampagne?

Ley: Es ist uns als eines der dringendsten Probleme vieler regionaler Arbeitgeber angetragen worden. Selbst große renommierte Adressen mit einer üppigen Personalabteilung beklagen, dass es nicht einfach ist, gute Kandidaten herzulocken.

Rudolph: Bei „High Potentials“, also auf Führungsebene, ist es üblicherweise ganz besonders schwer, gute Kräfte zu gewinnen. Viele Firmen haben aber auch bei Facharbeitern Probleme. Die Kampagne soll den Arbeitsmarkt breit abdecken. Es soll jeweils zielgruppengerechte Internet-Rubriken und Flyer geben.

Heinemann: Den Fachkräftemangel spüren technologiegeprägte Unternehmen in der Region ganz besonders. Man muss den großen „Studenten-Export“ der hiesigen Hochschulen bedenken. Viele Unternehmen hier suchen oft ja auch keine Absolventen. Ein Ziel muss es also sein, diese quasi in die Region zurückzuholen, nachdem sie woanders Erfahrung gesammelt haben.

Wie genau wollen Sie diese Zielgruppe ansprechen?

Heinemann: Wir beobachten, dass oft die familiäre Meinung über die Auswahl eines Arbeitsplatzes entscheidet. Daher stammt die Idee, die Aufmerksamkeit auf die Botschaft zu richten: „Die Region ist auch gut für meine Familie.“

Rudolph: Wir wollen das Thema „Arbeit und Leben in der Region“ ins Zentrum der Kampagne rücken und dabei hervorheben, dass es viele attraktive Arbeitgeber gibt, „Hidden Champions“, die zum Teil Weltmarktführer sind. Wir werden zwar kaum Menschen herlocken können, die urbane Ballungsgebiete vorziehen – aber die, die kurze

Wege mögen, überschaubare Strukturen. Unsere Kampagne wird sich dabei zunächst auf ein Internetportal konzentrieren, das mehr sein soll als ein Jobportal. Auch über den Immobilienmarkt, Kinderbetreuungs- und Freizeitmöglichkeiten wird es informieren.

Ist ein Internetportal nicht schon der zweite Schritt? Man muss doch Menschen zunächst auf die Region aufmerksam machen.

Rudolph: Das stimmt, viel wichtiger ist aber: Wenn jemand auf eine Stelle in der Region aufmerksam geworden ist und sich zwischen dieser und einer anderen entscheiden kann, muss man Argumente für Südniedersachsen bieten. Neben dem Webportal sollen auch „Career & Family Guides“, die Neuankömmlinge betreuen, eine wichtige Rolle spielen.

Wie soll das mit den „Guides“ ablaufen?

Rudolph: Die Guides sollen so etwas wie Botschafter der Region sein: geschultes Personal auf Honorarbasis, das wie Stadtführer die Neuankömmlinge an die Hand nimmt. Nur dass die Guides bei Behördengängen und der Suche nach einer Unterkunft und Kinderbetreuung helfen sollen. Derzeit stellen wir Daten für das Internetportal zusammen und denken, dass es spätestens Februar 2008 online gehen wird. Dann wollen wir auch den ersten „Career & Family Guide“ präsentieren.

Werden Firmen die Guides in Anspruch nehmen können, die kein „geniusgöttingen“- Partner sind?

Ley: Zu Beginn werden wir sicherlich in Vorleistung gehen und alle Interessenten mitnehmen.

Rudolph: Langfristig denkbar ist, dass die Leistungen für Partner kostenlos sind, andere sie bezahlen müssen.

Werbekampagne, Webseite, Guides: Bis 2010 haben Sie ein Budget von einer Million Euro. Reicht das, um mit „geniusgöttingen“ den großen Wurf zu landen?

Rudolph: Ich wehre mich dagegen, den Erfolg am Geld fest zu machen. Das Internetportal und die Guides können wir drei Jahre lang bezahlen. Natürlich ist das im Vergleich zu Marketingetats großer Unternehmen wenig. Wir werden keine TV-Spots drehen können. Ich halte stattdessen Kooperationen beispielsweise mit großen Personalberatungen oder bundesweiten Jobportalen für vorstellbar, um eine große Reichweite zu erzielen.

Heinemann: Wir brauchen einen Start. Wenn sich die Kampagne gut entwickelt, mache ich mir um das Geld keine Gedanken. Dann wird – sei es mit Hilfe des Landes, der Kommunen oder weiteren Unternehmenspartnern – noch mehr drin sein.

Die wichtigsten Unternehmen der Region wie Sartorius, Otto Bock, KWS und Thimm sind an Bord. Welche weiteren Partner wünschen Sie sich zusätzlich, um noch

schlagkräftiger zu sein?

Heinemann: Die Kreise Göttingen und Northeim sind schon gut vertreten. Im Eichsfeld sehen wir noch Potenzial. Forschungseinrichtungen haben wir bisher noch nicht angesprochen, weil wir uns zunächst um die technologieorientierten Unternehmen als Partner bemühen wollten. Danach werden jetzt auch die Forschungseinrichtungen

angesprochen.

Rudolph: Es gibt einige Akteure, die schon an einer der vielen anderen regionalen Initiativen teilnehmen und nicht schon wieder die Speerspitze bilden wollten. Dass einige abwarten, ist okay. Wir werden im Laufe des kommenden Jahres beweisen, dass „geniusgöttingen“ funktioniert. Ich bin zuversichtlich, dass wir dann noch mehr Zulauf bekommen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.