Problem erkannt, Gefahr gebannt?

Text von: redaktion

Während anderswo noch über einen drohenden Fachkräftemangel diskutiert werden kann, sehen sich die Akteure in Südniedersachsen schon mit ihm konfrontiert – und handeln.

Von einem generellen Fachkräftemangel will Klaus-Dieter Gläser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göttingen, weder in Südniedersachsen noch bundesweit sprechen.

Doch gebe es in der Tat branchen- und regionsabhängig Bereiche, in denen qualifizierte Stellen nur sehr mühselig besetzt werden könnten: „Derzeit ist es in der Region Göttingen besonders schwer für Betriebe aus der Elektro branche, der Metallverarbeitung, dem Gesundheits- und Pflegewesen sowie dem Handwerk.“

Auch wenn die Situation noch nicht akut erscheinen mag, sehen sich viele Unternehmen bereits mit der Problematik konfrontiert.
„Die Betriebe spüren, dass der Fachkräftemarkt enger und der Kampf um Mitarbeiter härter geworden ist, dass die Bewerberzahlen
sinken und Stellen für längere Zeit nicht wieder besetzt werden können“, macht Martin Rudolph, Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Göttingen, deutlich.

Das belegen auch die Zahlen. So meldeten in einer von der Agentur für Arbeit Göttingen im Jahr 2011 durchgeführten Unternehmensbefragung mehr als die Hälfte der 480 befragten südniedersächsischen Betriebe offene Stellen für Fachkräfte.

Einer, der schon jetzt die vollen Auswirkungen des Fachkräftemangels zu spüren bekommt, ist Eckhard Tödteberg, Entwicklungsleiter der Sigma Laborzentrifugen GmbH Osterode am Harz.

Er klingt fast schon ein bisschen resigniert, wenn er von der Suche nach Fachkräften berichtet: „Seit etwa drei, vier Jahren haben wir große Probleme, Personal anzuwerben. Egal ob wir auf der Suche nach Ingenieuren, Maschinenbauern, Elektrotechnikern, technischen Zeichnern, Drehern oder Fräsern sind, wir erhalten so gut wie keine Resonanz auf unsere Anzeigen.“

Auch Karsten Stiemerling, Betreiber mehrerer Pflegeheime, u.a. in den Landkreisen Osterode und Northeim stellt fest: „Der Fachkräftemangel ist da, und die Situation wird sich in den nächsten Jahren zuspitzen.“ Der Druck auf die Pflegebranche ist besonders groß, fordert der Gesetzgeber doch, dass mindestens 50 Prozent der Angestellten in der stationären Pflege eine fachspezifische Ausbildung abgeschlossen haben müssen.

Zudem macht der demographische Wandel der Branche gleich doppelt zu schaffen: „Auf der einen Seite erleben wir aufgrund der Überalterung unserer Region eine Zunahme von Hilfebedürftigen, was eigentlich einen höheren Personalbedarf fordert. Dieser kann aber kaum noch gedeckt werden, da auf der anderen Seite das Angebot an Arbeitskräften gleichzeitig abnimmt“, sagt Stiemerling.

Viele Branchen sind betroffen

Doch auch in anderen Branchen wird die Altersstruktur immer mehr zum Problem: „Derzeit sind rund 14 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Agenturbezirk zwischen 55 und 64 Jahre alt, werden in absehbarer Zeit also aus dem
Erwerbsleben ausscheiden“, warnt Arbeitsagenturchef Gläser. Eine beträchtliche Anzahl von Betrieben habe darauf aber bereits
reagiert, so Martin Rudolph mit dem Verweis auf die aktuelle Ausbildungsquote.

Diese habe sich insgesamt im Jahr 2011 um 15,3 Prozent erhöht, wobei allein in Industrie und Handel gut 11 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden als im Vorjahr. Neben der demographischen Entwicklung wirkt sich der faktor ,Qualifikation‘ zunehmend auf den Fachkräftemarkt aus.

Allein ein Drittel der Unternehmen in Niedersachsen klagt, dass sie Ausbildungsplätze nicht oder nur unterhalb der betriebsüblichen Anforderungen besetzen könnten.

Pflegeheim-Betreiber Stiemerling will sich an der allgemeinen Schelte gegen die Jugendlichen allerdings nicht beteiligen und betrachtet das Problem von einer anderen Seite: „Die Schulabgänger sind im Verhältnis zu früher nicht schlechter geworden, aber der Anspruch an den Beruf ist gestiegen. Unsere Pflegekräfte sind heute neben der Betreuung viel stärker mit Management-Aufgaben betraut. Das ist gut so, hat aber den Nebeneffekt, dass Bewerber, die vor 15 Jahren noch geeignet waren, heute
nicht mehr eingestellt werden können.“

Dem stimmt auch Klaus-Dieter Gläser zu: „In vielen Ausbildungsberufen sind die Anforderungen an die Bewerber in den vergangenen
Jahren gestiegen. Gerade in den technischen Berufen ist die Entwicklung stark vorangeschritten.“ So hätten sich zum Beispiel die Inhalte in der Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker oder zum Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik extrem verändert.

„Vor ein paar Jahren haben diese Entwicklungen noch kaum eine Rolle gespielt, doch spätestens nach der Wirtschaftskrise hat bei den Unternehmen ein Aufwachen und Umdenken stattgefunden. Den Betrieben ist klar geworden, dass die Bewerber nicht mehr in Heerscharen zu ihnen gelaufen kommen, sondern dass sie selbst viel stärker bei der Personalsuche gefordert sind“, sagt Marc Diedrich von der IHK Göttingen, und Geschäftsstellenleiter Rudolph ergänzt: „Die Region hat das Thema Fachkräftemangel erkannt und ist gewillt, Lösungsansätze zu finden.“

Das wird vor allem anhand der Fachkräftekonferenz Südniedersachsen deutlich. Die im März 2011 ins Leben gerufene und seitdem halbjährlich stattfindende Veranstaltung hat sich zum Ziel gesetzt, Akteure aus den unterschiedlichsten Feldern zur Bewältigung
des Fachkräftemangels miteinander zu vernetzen. Sie dient so als Plattform, um Transparenz zu erzeugen, Erfahrungen auszutauschen, bestehende Projekte zu bündeln und diese besser aufeinander abzustimmen.

Kampf auf allen Ebenen

„Wir sind auf allen Ebenen dabei, alles zu tun, was möglich ist, um dem Fachkräftemangel entgegenzutreten“, gibt sich Martin Rudolph kämpferisch.

Das fängt schon in den Schulen an. So haben die fünf Berufsbildenden Schulen in der Trägerschaft des Landkreises Göttingen das ,Förderkonzept Schülercoaching‘ für das Schuljahr 2011/12 auf den Weg gebracht. Dabei wird den Berufsschülern die Möglichkeit gegeben, sich freiwillig von einem Lehrer coachen zu lassen – „und das hochprofessionell“, betont Rudolph.

Er ist vom Erfolg des Projektes überzeugt: „Die Schüler fühlen sich auf einmal ernst genommen, kommen regelmäßiger zur Schule, beteiligen sich aktiver am Unterricht, und das Resultat sind mehr und vor allen Dingen bessere Abschlüsse.“

Daneben rücken Studenten stärker ins Blickfeld heimischer Unternehmen. Einer Idee folgend, die im Rahmen der Fachkräftekonferenz entstanden ist, sollen Studienabbrecher gezielt auf die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung hingewiesen werden, um sie so in der Region zu halten.

Auch Unternehmensbesichtigungen, wie sie ,geniusgöttingen‘ bereits anbietet, oder das ,Speed-Dating‘ des KMU-Netzwerks der Uni Göttingen tragen nach Rudolphs Einschätzung dazu bei, den Nachwuchs da abzuholen, wo er steht.

Ungenutze Reservoirs

Darüber hinaus wird es zukünftig darauf ankommen, bisher noch nicht genutzte Arbeitskräftereservoirs anzuzapfen. Während Martin Rudolph hier die 1.500 gemeldeten Hartz-IV-Empfänger beim Job-Center des Landkreises Göttingen nennt, spricht sich Arbeitsagenturchef Klaus-Dieter Gläser für einen längeren Verbleib von Älteren aus und weist auf die so genannte ,Stille Reserve‘ hin: „Frauen müssen zum Beispiel in die Lage versetzt werden, trotz Familienphase schnell wieder in das Berufsleben zurückzukehren.“

Hier seien nicht zuletzt die Unternehmen selbst gefordert, meint Karsten Stiemerling. „Wir müssen familienfreundlicher werden, indem wir Wege finden, die Arbeitszeit zu flexibilisieren und uns gegebenenfalls um die Kinderbetreuung kümmern.“ Überdies bedürfe es einer besseren Bezahlung in Südniedersachsen, so Stiemerling weiter.

Anja Osterloh, geschäftsführende Gesellschafterin der MOD-Gruppe aus Einbeck, weist zudem auf die weichen Faktoren hin: „Durch die Entwicklung einer stabilen Vertrauensbasis zwischen unseren Mitarbeitern und den Führungskräften sorgen wir für eine nachhaltige Bindung. Damit bleiben wir attraktiv für gegenwärtige und zukünftige Fachkräfte.“

Insgesamt werden sowohl das Standort- als auch das Arbeitgebermarketing eine immer größere Bedeutung einnehmen. „Wir haben eigentlich einen ziemlich attraktiven Standort, vor allem für junge Familien. Es muss uns nur gelingen, das außerhalb der Region
zu verbreiten“, sagt Rudolph. Dazu müsse sich jeder Einzelne als Botschafter seiner Region fühlen, da letztlich nichts so günstig und so effektiv sei, wie Mundpropaganda.

Dem kann auch Karsten Stiemerling nur zustimmen: „Nichts ist glaubhafter als ein zufriedener Mitarbeiter, der positiv über seinen Arbeitgeber spricht.“