©Stephanie Wolff Photography
Text von: Anja Danisewitsch

Als das Virus die Welt erobert, sieht und hört man Marc Wallert auf allen Kanälen, sein Buch landet auf der Bestsellerliste. Mit seiner Erfahrung als Entführungsopfer ist er in diesen Tagen gefragter Experte für Resilienz und hilft Menschen und Unternehmen dabei, gestärkt durch die Krise zu gehen.

Vor 20 Jahren durchlebte der Göttinger Marc Wallert eine extreme Krisensituation, als er zusammen mit seinen Eltern und weiteren Geiseln für 140 Tage im philippinischen Dschungel entführt wurde –faktor berichtete darüber bereits in der Herbstausgabe 2019. Aber auch nach der Entführung gab es schwere Zeiten, die ihn schließlich dazu veranlassten, sein Leben neu zu ordnen. So entschied er sich vor zwei Jahren für einen Neuanfang und dafür, seinen Job auf Führungsebene in der Industrie hinter sich zu lassen. Heute nutzt Wallert seine Erfahrungen, um als selbstständiger Coach, Speaker und Buchautor anderen Menschen und Unternehmen zu helfen, indem er sie lehrt, mit Krisen umzugehen oder sogar gestärkt daraus hervorzugehen. faktor spricht mit dem 46-Jährigen über seinen Blick auf die Welt heute und darüber, wie die Corona-Krise sein Leben noch einmal verändert hat.

Herr Wallert, Sie haben im Alter von 27 Jahren mit Ihrer Entführung eine extreme Krise erlebt. Extremer, als viele andere von uns sie jemals erleben werden. Würden Sie dennoch sagen, dass sie sich mit der Corona-Krise vergleichen lässt?

Grundsätzlich gibt es unterschiedliche Typen von Krisen. Aber gerade die Corona-Krise und meine Entführung liegen strukturell betrachtet sehr nah beieinander: Wir sind in der jetzigen Situation ein Stück weit die Geisel von einem Virus, das uns in unserer Freiheit beschneidet. Wir können dieser Rahmenbedingung, der ‚Gefangenschaft‘, auch nicht entgehen – wir können nur damit umgehen. Was wir gerade erleben, ist ein bleibender Ausnahmezustand. Und wir wissen nicht – und das ist genau wie bei mir vor 20 Jahren –, wie sich alles entwickelt und wann es endet. Vielleicht gibt es noch einmal einen Rückschlag wie bei uns im Dschungel: Wir dachten öfters, wir kämen frei. Und dann hat es doch noch Monate gedauert. Die Unsicherheit ist eine der größten Herausforderungen für uns Menschen – damals wie heute.

Können Sie aus Ihrem persönlichen Erfahrungsschatz eine konkrete Strategie in unserer derzeitigen Situation empfehlen?

Ja, wobei es zwei Strategien sind, die sich gegenseitig bedingen. Auf der einen Seite brauchen wir Optimismus, indem wir uns im Alltag erstmal auf das Positive fokussieren. Das ist wichtig, um nicht in eine Angstspirale nach unten zu rutschen und nur Gedanken und Probleme zu wälzen. Ich habe mir während der Entführung täglich ein positives Bild von der Zukunft ausgemalt: Wie ist es, wenn ich frei sein werde…? Und das mache ich heute genauso. Ich stelle mir vor, wie ich auf großen Vortragsbühnen stehe oder wie ich mit Teilnehmern in engem Kreis in kleinen Seminarräumen arbeite. Aber, und das ist das Entscheidende: Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das im nächsten Monat so sein wird, sondern stelle mich ganz bewusst auf eine lange, harte Zeit ein. Eben diese Zweigleisigkeit ist es, die Menschen, aber vor allem auch Unternehmen in der aktuellen Krise brauchen: positiv bleiben, ohne leichtfertig zu werden.

Was hat sich durch die Corona-Krise in Ihrem Leben verändert?

Zunächst einmal hatte ich – wie wohl viele andere auch – eine kurze persönliche Krise, da bei mir von heute auf morgen ab März und für die nächsten Monate alles wegfiel, was an  Veranstaltungen geplant war. Alle Vorträge, alle Trainings, einfach alles wurde storniert. Ein schwerer Schlag als Alleinverdiener und zweifacher Vater. Doch dann habe ich zugleich das Glück gehabt, dass ich nicht in ein Loch der Untätigkeit gefallen bin, weil ich zu eben dieser Zeit dennoch viel zu tun hatte: durch die Veröffentlichung meines ersten Buches, das genau im März erschienen ist – leider, leider, muss ich sagen, passenderweise mit dem aktuellen Titel ‚Stark durch Krisen‘. Andererseits fällt es natürlich jetzt auf fruchtbaren Boden. Das ist im Übrigen für mich auch die größte Freude in den letzten Wochen gewesen: dass ich so viele Zuschriften von Menschen bekomme, die mir detailliert schreiben, welche Stelle im Buch ihnen gerade jetzt einen positiven Impuls gibt. Das ist das Schönste.

Meinen Sie wirklich, es hilft Menschen, die gerade eine schwere Krise durchleben, sich ein entsprechendes Buch zu kaufen?

Natürlich ist das ein Prozess, der ein Leben lang anhält. Denn Resilienz bedeutet ja nicht, keine Krisen mehr zu haben, sondern Resilienz heißt vielmehr, damit richtig umzugehen. Die gute Nachricht dabei ist: Man kann es trainieren. Und jeder Mensch ist eigentlich schon resilient, sonst würde er gar nicht mehr leben. Wir alle überwinden jeden Tag Herausforderungen, mal größere, mal kleinere. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich kauft man nicht das Buch, und alles ist gut. Aber jeder nimmt etwas anderes daraus mit und zwar genau das, was für ihn gerade hilfreich und stimmig ist und was er im Alltag umsetzen kann. Denn es gibt keine Patentrezepte in Krisen. Jeder Mensch ist anders, und es gibt viele Strategien, mit Krisen  umzugehen. Ich biete in dem Buch so etwas wie ein Buffet an, von dem sich jeder bedienen kann.

Würden Sie sagen – sofern man das überhaupt sagen darf –, dass Ihnen die Corona-Krise sogar ein wenig gelegen kam? Kann man Krisen etwas Positives abgewinnen?

Ja, ich habe in der Krise eine Chance gesehen! Ich hatte tatsächlich schon lange vorgehabt, meine Vorträge und Seminare auch digital anzubieten. Jetzt hat mich, wie so viele andere, Corona einfach beschleunigt. Ich habe mir innerhalb kürzester Zeit ein kleines Studio eingerichtet. Dadurch bin ich für weitere Interviews und für Liveschaltungen besser gewappnet.

Hilft es Menschen, wenn sie bereits eine völlig andere Art von Krise in Ihrem Leben überstanden haben, auch jetzt aktuell gelassener zu reagieren?

Es gibt eine Studie, die belegt, dass Menschen, die drei bis vier Lebenskrisen überwunden haben, deutlich resilienter sind und nach Krisen leichter wieder aufstehen als diejenigen, die keine oder eine Krise in ihrem Leben hatten. Von daher: Ja, je mehr Krisen Menschen meistern, desto besser. Sie können sich dann bewusst machen, was ihnen damals geholfen hat. Vielleicht war es ihr Durchhaltevermögen, vielleicht wurden sie kreativ, oder sie hatten ein gutes Netzwerk, das sie unterstützte. Das alles kann man reaktivieren.

Sie waren, auch durch die Buchveröffentlichung, in den vergangenen Wochen zum Thema Krise in den Medien ein gefragtes Gesicht. Welchen Tipp haben Sie am häufigsten gegeben und können ihn auch den faktor-Lesern mitgeben?

Ich empfehle gern, ein Abendritual in das eigene Leben zu integrieren. Zählen sie jeden Abend ein oder mehrere Dinge auf, die an diesem Tag – egal wie schwierig er war – auch gut waren. Und wenn es nur das Wetter ist. So kommen wir aus der Angstspirale raus und können Chancen leichter erkennen!

Herr Wallert, vielen Dank für das Gespräch!