©Alciro Theodoro da Silva
©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Kim Henneking

Abiodun Adeyemi empfängt seine Kundin in der großen Eingangshalle seines Ausbildungsbetriebs, dem Sanitätshaus o.r.t. in Göttingen.

Abiodun Adeyemi empfängt seine Kundin in der großen Eingangshalle seines Ausbildungsbetriebs, dem Sanitätshaus o.r.t. in Göttingen. Die beiden kennen sich noch nicht, doch in den nächsten Jahren werden sie sich häufiger begegnen. Denn aufgrund ihrer Fußfehlstellung in Kombination mit der Erkrankung Diabetes braucht die ältere Dame alle zwei Jahre ­orthopädische Schuhe. Und diese stellt der 32-jährige Abiodun in sorgfältiger Handarbeit her.

Für die Herstellung eines Schuhs benötigt man zunächst einen Abdruck des jeweiligen Fußes, den das Stück am Ende schmücken soll. Dieser dient als Grundlage für ein Modell, mit dem Abiodun passgenau einen Schuh für diesen Fuß anfertigen kann. Die Modellauswahl, das Design und das Ober­material kann der Kunde individuell mitbestimmen – bzw. der Patient, denn in den meisten Fällen sind es körperliche Beeinträchtigungen, die den Besuch eines Sanitätshauses nötig machen.

„Im Gegensatz zu früher muss ein orthopädischer Schuh heute nicht mehr klobig und ‚speziell‘ aussehen“, erklärt Abiodun, „da der Kreativität hier inzwischen keine Grenzen mehr gesetzt sind.“ So kann es schon mal sein, dass auf der Werkbank des gelernten Orthopädie-Schuh­machers ein schlich­ter schwarzer Lederschuh neben einem trendigen bunten Sportschuh steht. Eben je nach Alter und Geschmack des Trägers.

Die Berufsschule besucht Abiodun in Gotha. Dort findet alle zwei Monate für ca. drei Wochen der Blockunterricht statt. Hier lernen die Schüler alles über Fußdeformationen und die dazugehörigen Versorgungsmöglichkeiten. Weiterhin werden Fächer wie Physiologie und Anatomie gelehrt. In sogenannten überbetrieblichen Lehrunterweisungen können die Azubis verschiedene Herstellungs­techniken erlernen.

„Das Beste an meinem Job ist, dass ich mich handwerklich und kreativ aus­leben kann. Und dass ich Menschen helfen kann“, sagt Abiodun. „Es fühlt sich einfach toll an, wenn ein Kunde durch meine Arbeit wieder besser laufen kann. Man trägt zur Lebens­qualität dieser Menschen bei.“

„Das Beste an meinem Job ist, dass ich mich handwerklich und kreativ aus­leben kann. Und dass ich Menschen helfen kann“, sagt Abiodun. „Es fühlt sich einfach toll an, wenn ein Kunde durch meine Arbeit wieder besser laufen kann. Man trägt zur Lebens­qualität dieser Menschen bei.“

Das sieht auch seine Kollegin Bente-Ansa Ortgies so. Die Abiturientin hat gerade ihre Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin abgeschlossen. Die Hobbyzeichnerin stellt bei ihrer Arbeit Arm- und Beinprothesen her. Ihre Aufgabe ähnelt dabei in mancher Hinsicht der von Abiodun: Sie nimmt Abdrücke von einem amputierten Arm- oder Bein­ansatz und stellt passend zur Form des Stumpfes einen Schaft her, an dem z .B. ein künstliches Bein am Körper ‚befestigt‘ werden kann. Traditionelles handwerkliches Können und Hightech-Mate­rialien kommen hier gleichermaßen zum Einsatz.

„Im Gegensatz zu früher geht der Trend heute dahin, seine Prothesen zu zeigen“, erzählt Bente-­Ansa. „Das bietet mir die Möglichkeit, ­Hobby und Beruf zu verbinden.“ So hat die 22-Jährige für einen Fußballfan schon einmal ein ganzes Stadion auf eine Prothese gezeichnet oder ein Wikingerschiff für einen Bewunderer alter Mythologie.

Was ihre Berufswahl anbelangt, sind beide überzeugt, einen zukunftssicheren Job gefunden zu haben. „Das alte Handwerk wird durch moderne Maschinen nicht abgelöst. Ganz im Gegenteil: 3D-­Drucker und Scanner bieten uns viele neue Herstellungsmöglichkeiten“, sagt Bente-Ansa. So können Fuß- oder Beinmodelle zum Beispiel in Zukunft gedruckt anstatt gegossen werden.

Aber trotz all dem fortschrittlichen Hightech – das Menschliche steht immer im Fokus: Denn ob die beiden ihre Arbeit gut gemacht haben, erfahren sie bereits beim ersten Anprobetermin. „Wenn die Kunden ihr neues Hilfsmittel anprobieren, bekomme ich sofort ein Feed­back für mein Werk. Wertschätzung oder Kritik erhalte ich persönlich – das gefällt mir an meinem Job“, sagt Abiodun. Und wenn der Schuh hier oder da noch drückt, dann geht der Schuhmacher eben noch mal dran – bis er perfekt sitzt.

Das musst du mitbringen
Schulabschluss: Realschulabschluss
Deine Interessen: Handwerk, Arbeiten mit Menschen, medizinisches Grundinteresse
Schulfächer: Mathematik, Biologie, Sport/Physik

Gut zu wissen

Ausbildungsdauer: drei Jahre (Orthopädietechnik-Mechaniker), 3,5 Jahre (Orthopädie-Schuhmacher)
Mögliche Arbeitgeber: Fachbetriebe für Orthopädie(schuh)­technik, Sanitätshäuser, Kliniken, Rehabilitationseinrichtungen, Industrie (Hersteller)

Ausbildungsgehalt
1. Lehrjahr: 440 Euro
2. Lehrjahr: 490 Euro
3. Lehrjahr: 570 Euro
Einstiegsgehalt: 1.800 Euro