Optimistisch

Text von: redaktion

faktor porträtiert den Wirtschaftsstandort Osterode, der zwischen Krise und Bevölkerungsschwund ein Licht am Ende des Tunnels sieht

Osterode steckt in einer schwierigen Phase. Die Wirtschaftskrise hat den industriell geprägten Standort besonders hart getroffen. Zudem hinterlässt der Bevölkerungsrückgang immer deutlichere Spuren. Denn hier wird der allgemeine Trend sinkender Geburtenzahlen durch ein spezielles Problem noch verstärkt: Junge Menschen zieht es tendenziell weg aus Osterode. Dabei kann die Region mit der natürlichen Umgebung, ausgewogenen Bildungsmöglichkeiten und der guten geografischen Lage positiv punkten. Die Defizite liegen in anderen Bereichen.

„Es fehlt an attraktiven Arbeitsplätzen“

nennt Michael Sander, Geschäftsführer der Sigma Laborzentrifugen GmbH, eines der Probleme. Um die Lage zu verbessern, fordert er eine intensivere Vermarktung des Tourismus und insgesamt eine internationalere Ausrichtung. „Die Bildung muss der zentrale faktor sein, denn die Qualifikation und vor allem die Englischkenntnisse sind wichtige Voraussetzungen.“ Für Sigma und die Martin Christ Gefriertrocknungsanlagen GmbH, die zusammen die Christ-Gruppe bilden, spielt der Kontakt zu internationalen Kunden eine entscheidende Rolle. Die familiengeführten Unternehmen exportieren rund 70 bis 80 Prozent ihrer Produkte.

In den vergangenen Jahren konnte die Gruppe durch kontinuierliche Investitionen in Logistik, Produktion und Technologie ein deutliches Wachstum am Standort Osterode erzielen. Sigma versorgt als Marktführer Kunden in aller Welt mit Laborzentrifugen für Forschung, Bio- und Pharmatechnologie. Zudem zählen Kühl-, Stand- und Hochgeschwindigkeitszentrifugen zum Portfolio. Zum Einsatz kommen die Geräte zum Beispiel bei der Trennung von roten Blutkörperchen und Blutplasma oder dem Abtrennen von Schwebeteilchen bei Wasseruntersuchungen.

Das Angebot der Christ GmbH umfasst Gefriertrocknungsanlagen sowie Vakuum- Konzentratoren für die Pharmaindus trie und Biotechnologie. Mithilfe der Anlagen wird zum Beispiel das Wasser aus einem Impfstoff sublimiert und schlägt sich als Eis nieder – übrig bleibt der trockene Impfstoff. Als positive Merkmale des Standortes Osterode hebt Sander vor allem die noch ausreichende Zahl an qualifizierten Mitarbeitern sowie verlässliche Lieferanten hervor. Winfried Seeringer, Geschäftsführer der Martin Christ GmbH, ergänzt: „Osterode verfügt über ausgezeichnete Freizeitmöglichkeiten und ein gutes Schulsystem, vor allem in der beruflichen Bildung.“ Was beide nachdenklich stimmt, ist der Rückzug vieler erfolgreicher Unternehmen in den vergangenen Jahren. „Neue Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe entstehen nur durch regionale Neugründungen, die – wie der Tourismus – mehr gefördert werden müssen“, sagt Sander.

An dieser Stelle setzt auch Mathias Dittmar an. Es gelte Anreize zu schaffen, die vorhandenen Unternehmen zu halten und neue zu gewinnen. Der Geschäftsführer der Heinrich Dittmar GmbH führt gemeinsam mit seinem Vater Gerhard eines der traditionsreichsten Unternehmen der Stadt. Als Großhändler von Halbfabrikaten aus Stahl und nichteisernen Metallen beliefert Dittmar diverse Branchen vom Stahl-, Anlagen- und Maschinenbau über Fahrzeugbau bis zu Schlossereien. Der Einzugsbereich reicht von Südniedersachsen bis nach Hessen und Thüringen. Vor allem die neuen Märkte, die sich nach der Öffnung der deutschdeutschen Grenze im Osten der Republik eröffnet haben, stützen das Unternehmen.

„Für uns hat sich der frühere Nachteil des Zonenrandgebiets zu einem Vorteil entwickelt. Das bringt uns bis vor die Tore Weimars“, so Dittmar. Nach dem Fall der Mauer expandierte das Unternehmen und eröffnete eine Betonstahlbiegerei in Nordhausen. Hier werden Baustahlbewehrungen vornehmlich für den Hoch-, Brücken- und Tunnelbau, wie zum Beispiel für den Heidkopftunnel der A38, gefertigt. Die Stahlkonstruktionen werden mit Beton verbunden und verleihen diesem eine höhere Belastbarkeit. Zudem steht in Osterode ein Lager mit 17.000 Bestandsartikeln bereit, die nach Bestellung schon am nächsten Tag ausgeliefert werden. Dass neben Dittmar viele weitere Unternehmen sehr erfolgreich arbeiten, kommt in Osterode nur zögerlich ans Tageslicht, gilt der Harzer doch als zurückhaltend und bescheiden.

„Es ist ‚Sport’ in Osterode, die eigene Stadt weniger gut zu bewerten als ein externer Betrachter“

formuliert Martin Hoff, Geschäftsführer der Hoff Kaffeesysteme GmbH, etwas überspitzt. Doch die Konsequenz daraus ist deutlich: Trotz niedriger Lebenshaltungskosten und ausreichend Freizeitangeboten zieht es vor allem junge Menschen in größere Städte. Es mangelt an kulturellen Einrichtungen und einem attraktiven Nachtleben. Hoff: „Hier dreht sich alles um die Frage: Gab es zuerst das Ei oder das Huhn?“ Wenn die Menschen die bestehenden Möglichkeiten mehr nutzen würden, würde die Nachfrage das Angebot fördern.

Mit Angebot und Nachfrage kennt sich Hoff bestens aus. Als Anbieter von Kaffeesystemen muss er mit den Produkten immer den Geschmack der Zeit treffen. „Dazu haben wir in unserem Portfolio ausschließlich Produkte, die den individuellen Bedarf zu 100 Prozent abdecken.“

Das Unternehmen versorgt die Kunden mit Verpflegungsautomaten für Heißund Kaltgetränke sowie Snacks. Neben der Wartung übernehmen die Mitarbeiter auch die Befüllung der modernen Geräte. „Dieser Komplettservice, der durch unsere Generalvertretung für den weltweit zweitgrößten Kaffeeröster ergänzt wird, ist in der Kaffeebranche eher selten“, sagt Hoff. Auf die positiven Merkmale Osterodes angesprochen, hebt er die Netzwerke wie die Werbegemeinschaft, den Wirtschaftskreis und das Regionalmanagement MEKOM hervor. „Durch diese Verbindungen können unglaublich viele Vorteile in Sachen Informationsaustausch oder Kooperation generiert werden“, sagt Hoff. MEKOM führte beispielsweise erfolgreich den Ausbildungsberuf des Mechatronikers in der Berufsschule ein und plant in dieser Richtung weitere Maßnahmen.

Die Rekrutierung von Fachkräften macht Probleme.

Hier wird konkret am zentralen Problem der Nachwuchsförderung gearbeitet. Dies ist auch dringend nötig, denn die Rekrutierung von Fachkräften aus anderen Regionen gestaltet sich schwierig, wie Sven Freyer, Site Manager der Kodak Graphic Communications GmbH in Osterode, bestätigt: „Wir haben immer wieder Schwierigkeiten, überregional Fachkräfte und Spezialisten zu gewinnen.“ Bei der Attraktivität für auswärtige Arbeitskräfte scheint Osterode demnach Defizite zu haben. Deshalb setzt Kodak direkt vor Ort an. „Wir gehen gezielt Kooperationen mit Schulen ein, um die Motivation und die Ausbildungsfähigkeit künftiger Generationen zu erhöhen.“

Außerdem gehe es darum, die Attraktivität von Kodak als Arbeitgeber aufzuzeigen. Weltweit zählt das Unternehmen zu den führenden Anbietern von umfassenden Lösungen für den Umgang mit Fotos und Bildern. Im B2B-Bereich liegt der Schwerpunkt auf der Druckindustrie.

Kodak unterhält in Osterode eines der größten und modernsten Werke der Welt zur Produktion digitaler Offsetdruckplatten. „Allerdings liefern wir nicht nur die Platten, sondern ein komplettes System, das Laserbelichter zur Bebilderung, digitale Workflow-Systeme und Software zur Datenaufbereitung einschließt“, erklärt Freyer. Dass Kodak in diesem Geschäftsfeld auch künftig auf Osterode baut, zeigen die Investitionen der vergangenen Jahre. Um die positive Entwicklung auch beim Personal zu sichern, will das Unternehmen die Ausbildung im eigenen Haus weiter intensivieren.

Diese Bereitstellung von Arbeitsplätzen ist für Britta Burgholte, die mit Ehemann Marc die Burgholte Seniorenwohnanlagen KG leitet, für die Gesamtregion ein entscheidender faktor: „Nur wenn wir gemeinsam interessante Arbeitsplätze anbieten, bleibt die Region für junge Menschen attraktiv.“ Diese Aussage von der Leiterin einer Seniorenwohnanlage zu hören, verwundert zunächst. Doch das Engagement lässt sich bei näherem Hinsehen schnell nachvollziehen: „Nur wenige bedenken, dass junge Menschen bei einem Umzug auch ihre pflegebedürftigen Angehörigen mitnehmen.“

Um den Nachwuchs in der Region zu halten, spielen Ausbildungschancen eine zentrale Rolle. In den Seniorenwohnanlagen Burgholte werden bei insgesamt hundert Mitarbeitern aktuell neun junge Menschen ausgebildet. Diese kümmern sich an den Standorten Osterode und Eisdorf um 109 Bewohner. Damit sind die Häuser ausgebucht. Dies soll allerdings nicht über den stetig steigenden Konkurrenzdruck auch in der Pflegebranche hinwegtäuschen. „Zwar wächst die Zahl potenzieller Bewohner, aber auch das Angebot an Betten erhöht sich in unserem kleinen Einzugsgebiet.“ Es gilt zunehmend, sich über das Angebot von Mitbewerbern abzuheben. „Hier setzen wir als Familienbetrieb auf hohe eigene zeitliche Präsenz und zusätzliche Personalausstattung für die Betreuung über die Personalmindestverordnung hinaus sowie eine exzellente Beratung zu allen Themen der Pflege. Denn im Mittelpunkt steht der Mensch!“

Dies klingt nach einem richtigen Ansatz auch für Osterode insgesamt. Denn ohne Menschen ist die Region nicht lebensfähig. Es gilt, vorhandene und zukünftige Arbeitskräfte an den Ort zu binden. Dazu ist eine Steigerung der Attraktivität unumgänglich. Bei der Schaffung von neuen und interessanten Perspektiven haben die örtlichen Netzwerke bereits gute Ansätze gezeigt.

„Alles läuft darauf hinaus, Schule und Betriebe näher zusammenzubringen“, verdeutlicht Bernhard Reuter, Landrat des Landkreises Osterode (siehe Interview „Mehr ’strampeln‘ als andere“). Die Unternehmen sind gefordert, ein höheres Maß an Einsatz zu zeigen. „Die Bereitschaft dazu ist da“, ist sich Reuter sicher. Unter dieser Prämisse kann Osterode vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken und möglicherweise am Ende der Krise als industriell geprägter Standort stärker von einer anziehenden Konjunktur profitieren als andere.