“Ohne Bioenergie geht es nicht“

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Text von: redaktion

Energie aus Biomasse boomt. Andreas von Felde, Leiter des neuen Geschäftsbereichs „Erneuerbare Energien“ bei der KWS über die Vorteile von Bioenergie.

Herr von Felde, alle Welt redet von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft als Energieträger der Zukunft. Bioenergie spielte lange keine Rolle. Welche Bedeutung hat sie?

Energie aus Biomasse, also Pflanzen wie Mais oder Zuckerrüben und auch Holz, macht derzeit den größten regenerativen Energieanteil aus. Zumindest der Fachwelt, wie mein Eindruck beim Klimagipfel in Hamburg bestätigt hat, ist klar, dass Bioenergie auch künftig einer der bedeutendsten Energieträger sein wird.

Welche Vorteile hat Bioenergie denn gegenüber Sonne, Wind und Wasser?

Biomasse steht nahezu überall, ständig und endlos erneuerbar zur Verfügung. Eine Biogasanlage läuft 8 000 Stunden im Jahr, rund um die Uhr. Außerdem kann mit Biomasse nicht nur Strom erzeugt werden, sondern auch Wärme und Kraftstoff. Andere Energieträger wie Sonne und Wind können da nicht mithalten. Mit Biomasse können wir daher viel Energiepotenzial heben – bei vertretbaren Investitionen. Trotzdem wird es in der Praxis künftig wohl eine Balance aus allen regenerativen Energien geben.

Neue Energien sind vor allem gefragt, um das Klima zu entlasten. Welche Rolle spielen Energiepflanzen für den Stopp des Klimawandels, und wie CO2-neutral sind Energiepflanzen angesichts der Tatsache, dass etwa für Aussaat, Düngung, Pflanzenschutz etc. doch auch einiges an Energie und damit CO2 aufgewendet werden muss?

Selbst wenn man das alles einkalkuliert, ist die Verarbeitung von Energiepflanzen wie Mais, Hirse und Zuckerrüben sehr effizient. Laut einer jüngeren Studie erzeugt eine mittelgroße Biogasanlage je nach Betriebsführung im besten Fall das Siebenfache der eingesetzten Energie. Das ist im Vergleich zu anderen regenerativen Energien eine äußerst gute Bilanz. Das Ziel der EU, 20 Prozent des CO2-Ausstoßes bis zum Jahr 2020 zu reduzieren, geht nicht ohne Bioenergie. Ich sehe den Klimaschutz als Positiveffekt unserer Pflanzen. Es wird zu wenig über den Aspekt der Energieversorgungssicherheit gesprochen. Deutschland ist auf Energieimporte angewiesen. Bioenergie könnte die Unabhängigkeit stärken. Wenn wir jetzt erste Schritte machen, dann haben wir gute Voraussetzungen, die Ziele zu erreichen. Es ist aber noch viel zu tun, und die Biomasseproduktion muss noch stark zunehmen. Forschung und Entwicklung müssen weiter ausgebaut werden.

Ist das mit klassischer Züchtung zu schaffen – wie es vor drei Jahren aus ihrem Unternehmen zu hören war –, oder werden Sie dabei auf Gentechnik zurückgreifen?

Gentechnik spielt im Moment keine Rolle – langfristig könnte sie aber herangezogen werden. Etwa bei der Senkung des Wasserbedarfs für Pflanzen oder aber bei der Erzeugung von Krankheitsresistenzen. Die Steigerung der Effizienz wird uns sehr beschäftigen, dabei kann die Gentechnik hilfreich sein. Aber auch mit der klassischen Züchtung kann noch viel bewegt werden: So gibt es große Effizienzunterschiede zwischen den Pflanzen, die in Frage kommen. Beispielsweise braucht Hirse zwar ein Drittel weniger Wasser pro Hektar als Mais, dafür ist Hirse das Klima hierzulande zu kühl und kann noch nicht im großen Stil im Norden angebaut werden. Solche Defizite auszugleichen, wird die Aufgabe der Forschung in den kommenden Jahren sein.

Warum bereitet die Effizienz trotz intensiver Saatzucht-Forschung noch Schwierigkeiten beim Ausbau der Biomassenutzung? Wann rechnen Sie mit effizienteren Sorten?

Sorten, die bisher auf dem Markt sind, sind für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion optimiert, da dies bisher ihr Verwendungszweck war. Nun müssen neue Sorten für die Energieproduktion entwickelt werden, und das dauert üblicherweise 10 bis 15 Jahre. Und genauso lange wird es dauern, bis wir an diese Nutzungsrichtung angepasste Pflanzen anbieten können. Erste Schritte sind aber schon gemacht – zum Beispiel mit Atletico, unserer Maissorte für die Biogasnutzung.

Welche politischen Schritte müssten unternommen werden, damit Biomasse einen noch größeren Beitrag leisten kann?

Am allerwichtigsten ist die anhaltende Unterstützung der Forschung. In der Landwirtschaft wird die Förderung auf zu viele Bereiche verteilt. Ein größerer Schwerpunkt auf der Pflanzenforschung wäre wünschenswert. Im Bereich Bioenergie steht vieles noch am Anfang – da ist mehr drin.

Wie – außer in Biogasanlagen – wird Biomasse künftig noch genutzt werden?

Die Einsatzmöglichkeiten sind groß. Die Verarbeitung zu Treibstoff ist ein Wachstumsfeld. Außerdem wird Biomasse in der Industrie stärker zum Einsatz kommen, etwa bei der Herstellung von Ölen und Lacken. Die jetzige Holznutzung für den Wärmemarkt zeigt sich ebenso positiv mit weiter verbesserten Verbrennungssystemen.

Naturschützer wettern mittlerweile gegen Biogasanlagen und Maisanbau. Wird die Ackerbauregion Südniedersachsen zur wenig einladenden Maissteppe mit „4-Meter- KWS-Bioenergiemais“?

Solche Bedenken bringen mich zum Schmunzeln. Bei einer Höhe von vier Metern würde der Wind die Pflanzen wahrscheinlich zum Fallen bringen. Da die Standfestigkeit ein Kriterium für

die Markteinführung ist, besteht hier also kein Grund zur Sorge. Und was die Landschaften betrifft: Der Maisanbau nimmt nirgendwo in der Fruchtfolge mehr als ein Drittel der Anbaufläche in

Deutschland ein – mehr ist auch in den intensivsten Vieh- und Energieregionen nicht zu erwarten. Kein Landwirt wird sich von Monokulturen wirtschaftlich abhängig machen wollen.

„Vom Landwirt zum Energiewirt“ hieß anfangs die Devise. Immer mehr Anlagen werden nun von Energieversorgern, Investorengruppen und Kommunen errichtet.

Fallen die Landwirte – die wichtigsten Kunden der KWS – dabei hinten runter?

Studien zeigen, dass die Energieeffizienz in industriellen Anlagen besser ist. Ich halte es für normal in einer Marktwirtschaft, dass kleinere Anlagen mit größeren konkurrieren. Um die Landwirte – ich bin selbst einer – mache ich mir bei der derzeitigen Entwicklung keine Sorgen. Im Gegenteil: Ihre Chancen steigen mit der Entscheidungsfreiheit, auch Energiepflanzen anzubauen oder in die Produktion von Bioethanol einzusteigen. Der Landwirt trifft seine eigene unternehmerische Entscheidung.

Betreibt die KWS Saat AG selbst Biogasanlagen, oder ist sie irgendwo beteiligt?

Nein, aber es gibt mehrere Kooperationen mit verschiedenen Betreibern. Die technische Entwicklung schreitet schnell voran. Der Anpassungsbedarf von Pflanzen, die als Energiepflanzen genutzt werden, ist hoch; auf diese Weise finden wir heraus, wo wir ansetzen können. Die Verzahnung von Forschung und Entwicklung mit der Praxis ist vor diesem Hintergrund sehr wichtig.

Welche Bedeutung hat Bioenergie für die KWS Saat AG generell? Wie viel setzt sie damit um?

Spätestens seit dem Jahr 2003 ist das bei uns ein Thema, als wir das erste Zuchtprogramm für Energiemais aufgelegt haben. Der Anteil am Umsatz ist schon jetzt spürbar und wird mittelfristig sehr stark zunehmen. Die Bioenergiebranche wächst zweistellig, der Markt ist extrem dynamisch und KWS spielt eine wichtige Rolle darin. Dass im Unternehmen eine eigene Einheit für erneuerbare Energien eingeführt wurde, zeugt vom gewachsenen Stellenwert. Gerade im Ausland verspüren wir viel Bedarf an Know-how in diesem Bereich.

Vielen Dank für das Gespräch!