Nutzfahrzeuge im Fokus

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Text von: Yannick Lowin

Kurz nach der IAA in Hannover wirft faktor einen regionalen Blick auf die Welt der Nutzfahrzeuge.

Fast 2.000 Aussteller aus 46 Ländern, 260.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, 354 Weltpremieren. Die Eckdaten der vom 20. bis 27. September in Hannover veranstalteten 64. IAA Nutzfahrzeuge sprechen für sich.

Dass die Messe in diesem Jahr die zweitgrößte seit ihrer Trennung von der PKW-IAA im Jahr 1992 ist, zeigt die ungebrochene Bedeutung von Nutzfahrzeugen. „Sie bilden das Rückgrat moderner Industriegesellschaften“, verdeutlicht Matthias Wissmann, Präsident des die IAA ausrichtenden Verbandes der Automobilindustrie (VDA).

Im Vordergrund der weltgrößten Leitmesse für Mobilität, Transport und Logistik standen unter anderem Lastzüge.

Ganz im Sinne des diesjährigen IAA-Mottos ,Nutzfahrzeuge: Motor der Zukunft‘ erfüllen sie, dank neuer Antriebstechnologie, schon heute die künftige EU-Abgasnorm Euro-6.

„Mit Euro-6 werden Nutzfahrzeuge umweltfreundlicher und dank vieler Innovationen zugleich sparsamer, wodurch klassische Schadstoffemissionen so stark zurückgehen, dass von ihnen nur noch Spurenelemente vorzufinden sind“, sagt VDA-Präsident Wissmann.

In diesem Segment spielten auch Zukunftsstudien und seriennahe Entwürfe auf dem Gebiet der Aerodynamik eine große Rolle. Einen weiteren großen Schwerpunkt stellten die alternativen Antriebe – basierend auf Elektro-, Hybrid- oder Brennstoffzellentechnologie – dar.

Diese werden zukünftig auch bei Nutzfahrzeugen Einzug halten, was jedoch nicht für alle Fahrzeugklassen gleichermaßen gilt.

Bei leichten Transportern bis 3,5 Tonnen ist rein elektrisches Fahren bereits möglich, während mittelschwere Verteiler- LKW mit Hybridmotoren unterwegs sind. Im Fernverkehr bleibt der Diesel noch länger ein wichtiger Antrieb, wobei auch hier zumindest Teilhybridisierung denkbar ist.

Unter den insgesamt 857 deutschen Ausstellern befand sich auch die Daimler AG mit zahlreichen Premieren.

Im Blickpunkt

Für die Schwaben standen ebenfalls – über alle Marken und Modelle hinweg – umweltfreundlichere, wirtschaftlichere und sicherere Fahrzeuge im Blickpunkt. Höhepunkte auf dem Stand waren der neue Mercedes-Benz Antos, ein LKW für den schweren Verteilerverkehr, und der Mercedes-Benz Citan (siehe Kasten), ein Stadtlieferwagen, mit dem das gewerbliche Portfolio weiter abgerundet werden soll.

Die Bedeutung von Nutzfahrzeugen für die Stuttgarter lässt sich auch in der Region ablesen. So trennt die Mercedes-Benz-Niederlassung Kassel/Göttingen ihre Pkw- und Nutzfahrzeugsparte und investiert rund 20 Millionen Euro in den Bau eines neuen Nutzfahrzeugzentrums.

Seit diesem Sommer rollen die Bagger auf dem 44 Hektar großen Areal am Lohfeldener Rüssel bei Kassel, im Herbst 2013 soll es dann als eines der größten Mercedes-Benz-Nutzfahrzeug-Zentren in Deutschland seine Tore öffnen.

Für den Neubau sind ein zentrales Kundengebäude und zwei Werkstattriegel mit jeweils 15 Reparaturenbahnen geplant. Der Standort sei ideal und für Nutzfahrzeugkunden einfach zu erreichen, sagt Lars Pauly, der neue Niederlassungsleiter Kassel/Göttingen, im Hinblick auf die unmittelbare Nähe zum Güterverteilzentrum Kassel und den Autobahnen A7, 44 und 49.

Doch die Lage sei nicht der einzige Vorteil des neuen Nutzfahrzeugzentrums, wie Pauly erklärt: „Wir planen das Gebäude und die Abläufe genau so, dass wir die Anforderungen der Kunden optimal erfüllen können.“

Dazu gehöre das gesamte Leistungsangebot, das moderne Logistiker und Transporteure forderten: Verkauf, Service, Bank und Fahrzeugmiete an einem Ort und aus einer Hand.

faktor Zeit

Daneben spiele der faktor Zeit eine immer wichtigere Rolle im Nutzfahrzeuggeschäft, denn ein LKW verdiene nur sein Geld, wenn er fahre. Sollte mal eine Reparatur fällig werden, käme es auf jede Minute an. „Die Prozesse im Autohaus müssen genauestens getaktet sein“, macht der Niederlassungsleiter deutlich.

Das sei in einem reinen Nutzfahrzeugzentrum entsprechend gegeben. Neben dem Service stellt auch die Beratung in Sachen Nutzfahrzeuge große Ansprüche an die Autohäuser.

Der Bedarf kann meistens nur vor Ort ermittelt werden, weshalb Lars Paulys Kollegen auch in Zukunft, trotz des schmucken Neubaus, raus zum Kunden fahren werden, um sich ein Bild von der Arbeitsweise und den Einsatzbedingungen der jeweiligen Fahrzeuge machen zu können. Herausforderung und Stärke zugleich ist dabei die extrem hohe Variabilität bei Nutzfahrzeugen.

„Wir bieten eine große Anzahl an verfügbaren Sonderausstattungen und Sonderumbauten an, die exakt dem Bedarf der Kunden entsprechen“, sagt Pauly.

Nicht nur den Bedarf zu ermitteln, sondern auch den Überblick über die Fahrzeuge eines Unternehmens zu behalten, ist eine Herausforderung, mit der sich Fuhrparkleiter und Unternehmer jeden Tag auseinandersetzen müssen.

Dass dabei bestimmte Dinge vernachlässigt werden, weiß Jörn Kater, Geschäftsführer der BFE Fleet Concepts GmbH aus Uslar, nur zu gut.

Gerade im Hinblick auf die Einhaltung und Dokumentierung der halterrelevanten Pflichten im Sinne der Berufsgenossenschaftlichen Vorschriften (BGVD 29) gebe es Nachholbedarf: „95 Prozent der Unternehmen mit Firmenfahrzeugen sind haftungsrechtlich nicht vollständig abgesichert und ausreichend informiert“, sagt der Experte für Fuhrparkmanagement.

Vorteile professionellen Flottenmanagements

Doch professionelles Flottenmanagement hilft nicht nur, die rechtlichen Vorschriften im Griff zu haben, sondern erlaubt es zudem, alle Prozesse rund um das Nutzfahrzeug zu optimieren und Kosten zu reduzieren.

Insgesamt sollten Entscheider dabei eine langfristig aufgestellte Strategie zur Kostensenkung entwickeln und nicht versuchen, durch ,Cherry Picking‘ mal hier, mal da, auf die Schnelle einzusparen, sagt Kater: „Es bringt nichts, bei einem Firmen- und Nutzfahrzeug 500 Euro in der Anschaffung zu sparen und um ein Prozent mehr Nachlass zu feilschen, dann aber z.B. bei 30.000 Kilometer Fahrleistung im Jahr zwei Liter mehr Kraftstoffverbrauch pro 100 Kilometer in Kauf zu nehmen. Entscheidend ist die Gesamtbetriebskosten- Betrachtung.“

Dank computergesteuerter Flottenmanagementsysteme kann der Verbrauch deutlich reduziert werden.

Denn die Software speichert nicht nur Daten über Fahrer, Fahrzeuge oder Fahrzeugtermine wie die Hauptuntersuchung, sondern stellt auch eine Datenverbindung zwischen Fahrzeug und Zentrale her. Auf die se Weise können mittels GPS-Daten, Routen, Touren und die Gesamtauslastung von Nutzfahrzeugen optimiert werden.

„Außerdem entlasten Flottenmanagementsysteme die Disponenten, es kommt zu keiner doppelten Datenerfassung, und der Aufwand für das Unternehmen, den Fuhrpark zu organisieren, wird geringer“, nennt Farshid Noorani, Geschäftsführer der Göttinger M.I.T. GmbH weitere Vorteile.

Darüber hinaus werden die Archivierung und Dokumentation der gesammelten Daten erleichtert und eine Vielzahl von Controlling- Möglichkeiten eröffnet, wie z.B. das Anlegen einer Kunden-Kosten-Statistik, sagt Noorani.

Da Software und Geräte, die in den Fahrzeugen installiert werden müssen, teurer sind, schrecken viele kleinere Mittelständler davor zurück, Flottenmanagementsysteme einzuführen. Noorani, dessen Unternehmen selbst Logistik-Software entwirft, sieht auch für diese Zielgruppe die Möglichkeit, dank Smartphone-Applikationen kostengünstig an die Systeme heranzukommen: „Ein geeignetes Handy, das alle nötigen Eigenschaften aufweist, bekommt man schon ab 100 Euro.“

Auch die dazugehörige App sei äußerst preiswert.

Gleichzeitig könne man fast alle Funktionen einer klassischen Flottenmanagementsoftware nutzen, wie z.B. die GPS-Ortung der Fahrzeuge oder Echtzeit- Bestätigungen von ausgelieferter Ware.

Worauf Sie bei Flottenmanagementsoftware achten sollten:

• Definieren Sie die Anforderungen.

• Stellen Sie das Kostensenkungspotenzial den Investitionskosten gegenüber.

• Beziehen Sie die Mitarbeiter in die Entscheidung über die Einführung eines Flottenmanagementsystems mit ein. Erläutern Sie ihnen, dass es nicht allein zur Kontrolle und Überwachung dienen soll, und verdeutlichen Sie die Kostensenkungspotenziale.

• Stellen Sie sicher, dass sich das Flottenmanagementsystem in das Hauptsystem Ihres Unternehmens (z.B. SAP) integrieren lässt. Auf diese Weise kommt es nicht zu einer doppelten Datenerfassung.