©Alciro Theodoro da Silva
©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Hendrik Hofmann steht kurz vor dem Beginn seines ersten Lehrjahres der Ausbildung zum Notfallsanitäter. Jeden Tag eine gute Tat und das beruflich – damit möchte er die Welt ein klein wenig besser machen.

Sobald ein Notruf eingeht, werden Hendrik Hofmann und seine Kollegen unverzüglich Hilfe leisten. Oftmals zählt jede Sekunde. Herzinfarkt, schwere Atemnot, epileptischer Anfall – dann heißt es, EKG kleben, Vitalfunktionen prüfen, stabile Seitenlage, Wundversorgung, Zugänge legen, Medikation bestimmen – im Grunde geht es um Entscheidungen, die Leben retten können. Um gut darauf vorbereitet zu sein, muss Hendrik künftig viel über Krankheitsbilder und Behandlungsmethoden lernen. So wie Generationen von Rettungsdienstmitarbeitern vor ihm. Doch eine Kleinigkeit ist anders. Die Berufsbezeichnung und die damit verbundenen Tätigkeiten haben sich gewandelt.

Den Beruf des Notfallsanitäters gab es so bislang nicht: Hendrik hat sich für eine Tätigkeit entschieden, die erstmals ab Herbst 2015 in Deutschland ausgebildet wird. Inhaltlich ähnelt die Ausbildung des Notfallsanitäters der des Rettungsassistenten, die bislang höchste nichtärztliche Qualifikation im Rettungsdienst. Dieser hat nun aber ausgedient. Sanitäter, Rettung, Notfall – da kann der Laie schon mal durcheinander kommen. „Mehr Fachwissen, mehr Verantwortung“, fasst Hendrik die Unterschiede zusammen. Für den 20-Jährigen ist es völlig in Ordnung, etwas zu lernen, was so vor ihm noch keiner der Lebensretter in dieser Form erlernt hat. Er hat sich dabei für die Johanniter-Unfall-Hilfe entschieden, denn bei denen fühlte sich der Göttinger auf Anhieb wohl.

Und ganz unvorbereitet ist Hendrik auf seine künftigen Aufgaben auch nicht. Momentan absolviert er bereits ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei den Johannitern – mit Fahrdiensten und Erste-Hilfe-Kursen hat er also bereits Routine. Außerdem engagierte er sich in seiner Freizeit bei der Jugendfeuerwehr und der DLRG. „Persönlicher Kontakt hilft. Probearbeiten, Praktika, Soziales Jahr – das sind oft Sprungbretter für eine tolle Ausbildung“, sagt Hendrik aus Erfahrung. Er selbst wird nahtlos vom FSJ in die Ausbildung wechseln.

Klingt alles nach einem vorgezeichneten Weg. „War es aber nicht“, sagt Hendrik. „Ich wollte Maschinenbau studieren.“ Dass aus diesem Vorhaben nichts wurde und er damals keinen Studienplatz bekam, verbucht er heute als glückliche Fügung. Theorie pauken ganz ohne Realitätsbezug, das käme für ihn heute nicht mehr in Frage. „Die Praxis an dem Beruf ist es, weshalb ich mich dafür entschieden habe“, erklärt er. Was er und die neuen Notfallsanis noch nicht können, werden sie zunächst an Hand von Fallbeispielen trainieren. Hierfür haben die Johanniter die sogenannte San-Arena in der Johanniter-Akademie Bildungsinstitut Hannover eingerichtet. Wie im echten Leben bekommen sie dort einen Einsatzauftrag. Danach gilt es, schnellstmöglich die Situation zu bewerten, falls nötig einen Notarzt zu rufen, Erstversorgung zu gewährleisten und gegebenenfalls zu reanimieren.

„Man darf persönliche Schicksale nicht zu nah an sich rankommen lassen – das ist Typ- und Übungssache“, erklärt der angehende Notfallsanitäter. Es sei von Vorteil, wenn das persönliche Gefühl von Ekel nicht zu übermächtig sei. „Manchmal nässen Patienten sich ein, so etwas darf einen dann nicht kümmern.“ Auch die Konfrontation mit dem Tod sei etwas, was man aushalten können müsse.

Bislang hat Hendrik keine echten Ausnahmesituationen meistern müssen. Doch durch das Wissen um die harte Realität verändert sich das Bewusstsein. „Sanitäter sind nicht wesentlicher vorsichtiger als andere Menschen. Wir springen auch beim Baden ins Wasser, aber nicht gleich kopfüber. Vielleicht sind wir also doch etwas vernünftiger“, erklärt er.

Verzicht gehöre ebenfalls zum Beruf. Arbeiten wenn andere frei haben, am Wochenende Nachtschichten schieben, während die Freunde tanzen gehen, an Weihnachten oder Silvester, wenn die Familien zusammen kommen. Auch körperlich ist der Sanitäter-Beruf nicht zu unterschätzen. Ein korpulenter Erwachsener auf der Trage, da ist neben der richtigen Technik auch eine Menge Muskelkraft gefragt.

Doch diese Anstrengung wird in Hendriks Augen auch belohnt. Vor allem das Gemeinschaftsgefühl der Lebensretter bedeutet ihm viel. „Wenn ich irgendwo bin, und da sind andere Johanniter, gehört man automatisch zusammen. Alle verstehen sich untereinander, Menschlichkeit spielt eine große Rolle“, erklärt Hendrik. Was er nicht verstehen kann, ist die Ignoranz vieler Menschen. „Die hupen und beschweren sich, wenn die Kollegen mit dem Rettungswagen an einem Einsatzort halten. Wir sind einfach so selbstverständlich geworden, dass es keinen interessiert.“ Solche Situationen kennt Hendrik bislang nur aus Erzählungen von Kollegen. Erst mit Beginn seiner Ausbildung wird auch er regelmäßig zu Kranken und Verletzten fahren, zunächst als dritte Kraft, später dann im Zweier-Team. Bis zum Herbst heißt es für ihn jedoch erstmal weiter den Hausnotruf betreuen. Dass es endlich richtig losgeht, kann er kaum noch abwarten.

Notfallsanitäter/-in

Du bist ein sozialer Typ mit Interessean Medizin und Gemeinschaft – dann ist der neue Beruf Notfallsanitäter dein Ding! Mittlerer schulischer Bildungsabschluss, körperliche Fitness und ein bestandener Eignungstest sind Grundvoraussetzungen. Am Ende der dreijährigen Ausbildung in Rettungswache und Krankenhaus – dazu kommen Theorieblöcke – steht eine staatliche Prüfung.