Neugierig auf die Welt

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Text von: Claudia Klaft

Sabine Schmelzer blickt aus der Schweiz auf ihre Heimatregion zurück.

Es war das berufliche Ziel, das Sabine Schmelzer dazu brachte, Northeim zu verlassen. Dabei wusste sie genau, was sie wollte – eine Festanstellung bei dem Unternehmen, für das sie bereits freiberuflich arbeitete. Sie war überzeugt vom Firmenprodukt, setzte es schon seit Jahren für die eigene Projektplanung ein – MindJet war überzeugt von ihrer Leistung. Und so zog sie mit Vorfreude darauf nach Aschaffenburg.

Sie, die in Salzderhelden bei Einbeck aufgewachsen war, dann 18 Jahre in Nörten-Hardenberg und anschließend zwei Jahre in Northeim wohnte, sagt ehrlich: „Nein, Wehmut hatte ich beim Verlassen der Region nicht, dafür war ich zu neugierig auf die Welt da draußen.“ Aber auch Unterfranken war für knapp zwei Jahre nur eine Zwischenstation – bis sie der Liebe wegen in die Schweiz zog.

Dort hat die heute 50-Jährige mittlerweile ihre Leidenschaft zur Profession gemacht: Mit ihrer eigenen Consulting-Firma berät sie einerseits Unternehmen, die Diversity als Bereicherung zum Erfolg sehen und daher Wege suchen, Arbeitnehmerinnen in Führungspositionen einzusetzen. Zum anderen bietet sie Empowerment- Trainings für Frauen „auf dem Weg nach oben“.

„Frauen werden noch immer unterschätzt und als nicht vollwertige Arbeitskraft angesehen. Doch ihre Bedeutung wird immer wichtiger – nicht nur vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels, sondern weil sie als Führungskräfte sehr erfolgreich sind, wie die Studien von McKinsey zeigen“, sagt Sabine Schmelzer.

Als ein langjähriges und engagiertes Mitglied des Vereins Business and Professional Women (BPW), u. a. als Vizepräsidentin in Deutschland und Präsidentin des internationalen Frauennetzwerks in der Schweiz, weiß sie um die Stellung der Frau im Arbeitsleben und der Gehaltsschere in Relation zu männlichen Kollegen, die gleiche Arbeit leisten. Und an diesem Punkt kommt sie schon auf den Unterschied zwischen ihrer Heimat und der Schweiz: In Deutschland sei die Gesellschaft viel offener in punkto Berufstätigkeit der Frau.

Und die Kinderbetreuung – eine wichtige Voraussetzung dafür – sei besser geregelt. Sie selbst hat vor 26 Jahren das Mütterzentrum in Nörten-Hardenberg mit gegründet, weil sie den Kontakt zu anderen Müttern gesucht hat. „Im Nachhinein betrachtet haben wir damals das Mütterzentrum sehr schnell realisieren können. Mit Unterstützung der Gemeinde, die die Raummiete zahlte, hat sich die Institution schnell etabliert und konnte im letzten Jahr das 25-jährige Jubiläum feiern. Ein solches Familienprojekt wäre in der Schweiz komplizierter umzusetzen gewesen. Hier gibt es z. B. kein Familienministerium.“

Und es gäbe auch nicht eine solche Vielfalt an weiterführenden Schulen. „Die Auswahl an Gymnasien unterschiedlicher Richtungen allein in Göttingen ist schon enorm.“

Die Bildung – sie sei in Südnieder sachsen ein echtes Pfund, mit dem man wuchern könne.

„Wenn ich in der Schweiz jemanden treffe, der Göttingen und Umgebung kennt, dann hat er an der Uni studiert oder gearbeitet.“ Manche davon seien extra zum Studieren nach Göttingen gegangen, weil sie neben der Ausbildungsqualität auch die Übersichtlichkeit der Stadt und des Campus schätzten. „Solche Studierenden sollten zu Botschaftern der Region gemacht werden“, rät sie, denn als wichtige Multiplikatoren könnten sie den Bekanntheitsgrad steigern und das Image positiv prägen.

Wenn Sabine Schmelzer anderen Menschen erklären soll, wo sie herkommt? Dann sagt sie „aus einem kleinen Dorf zwischen Kassel und Hannover“ – das sind Orte, die die meisten kennen. Erst wenn sie näher gefragt wird, antwortet sie: „Nörten-Hardenberg in der Nähe von Göttingen.“ Aber im Grunde sei es das einfachste, ihre Heimat mit Produkten zu beschreiben: Bier und Korn. „Das sind Artikel, die jeder kennt.“ Auch als Ausflugstipps halten sie her: Eine Besichtigung der Brauerei in Einbeck und der Kornbrennerei in Nörten-Hardenberg empfiehlt sie gern weiter. Und natürlich den Besuch der relativ neuen und daher noch eher unbekannten Einbecker Senfmühle.

Abgesehen von der Geografie – wie würde sie die Mentalität der Südniedersachsen beschreiben? Hierzu fällt ihr das Wort ‚bodenständig‘ ein. Tradiert und manchmal etwas verschlossen. Sabine Schmelzer erinnert sich noch an das Gefühl, als Grenzbevölkerung Deutschlands zu gelten.

Nun ist die Region in die Mitte gerückt und sei offener für den Wandel geworden.

Positiv findet sie, dass die KMU in Netzwerken und Clustern zusammenarbeiten und so Synergien nutzen. Doch sie wünscht sich noch mehr Offenheit. Ein erster wichtiger faktor sei schon eine internationale Schule. Des Weiteren können Anlaufstellen und regelmäßige Treffen für ein attraktives Umfeld sorgen. Es gehe darum, dass sich die Menschen hier wohlfühlen und angenommen werden in ihrer eigenen kulturellen Identität, sagt Schmelzer.

Zwar habe die Universität schon viele Gastprofessoren, aber die Unternehmen könnten ihre Türen noch weiter öffnen. Mit der guten Bildungslandschaft, der übersichtlichen Größe, der zentralen Lage und der optimalen Verkehrsanbindung hat Südniedersachsen viele Pluspunkte. Darüber hinaus lohne es sich, darüber nachzudenken: ‚Was muss getan werden, damit die Menschen die Region den Metropolen bevorzugen?‘

Sabine Schmelzer kommt immer wieder gern zurück. Und um ihren Freunden die Schweiz näher zu bringen, verschenkt sie ‚Basler Leckerli‘ – Genuss ist eben eine Sprache, die weltweit verstanden wird.