Neue urbane Lebenswelten

© GWG
Text von: redaktion

Die Göttinger Unternehmer-Gespräche der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen mbH (GWG) zogen am 21.02.12 ins Volkswagen-Zentrum an der Kasseler Landstraße und fanden mit über 90 Besuchern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung einen großen Anklang.

Unter der Überschrift „Verdichtung und Arbeit“ versteckte sich nicht weniger als die Frage, wovon Städte wie Göttingen in Zukunft, in der globalisierten und digital gesteuerten Welt leben werden.

GWG-Chef Klaus Hoffmann hatte sich Wissenschaftler und Praktiker auf das Podium geladen, die gemeinsam zu dem Ergebnis kamen, dass Wohnen und Arbeiten in Zukunft wieder zusammen geplant und organisiert werden müssen.

Wie gut das seit zehn Jahren bereits in Dresden funktioniert, demonstrierte der Architekt Gunter Henn am Beispiel seiner „Gläsernen Manufaktur“, in welcher der Phaeton gebaut wird, in Produktionshallen, die mit einem Parkett aus Bergahorn ausgelegt sind.

Die edle Umgebung fordere in dem praktisch emissionsfreien Betrieb die Mitarbeiter zur Sauberkeit und Präzision auf. Das ist auch notwendig, da man aus den hundert Meter entfernten Wohnblocks bei der Produktion zusehen kann.

Auch sonst lädt man jedermann in die einen Kilometer von der Frauenkirche entfernte Fabrik ein, die nicht in einem Gewerbepark, sondern an der Ecke eines Stadtparks gelegen ist. Im Grundbuch wurde eine 50prozentige Hybrid-Nutzung als Kulturstätte festgeschrieben.

Auch Dresdens bestes Restaurant befindet sich heute dort. Die mehrheitlich chinesischen Käufer der Phaetons staunen nicht schlecht über diese Art der Produktion und die Belieferung der Manufaktur, die mit einer speziellen Bahn geschieht, welche die öffentliche Straßenbahngleise nutzt. „Für die Stadt bringt die Manufaktur Sinngebung und Identität zurück,“ betonte Henn.

Rainer Milzkott von der Berliner Stadtentwicklungsberatung urbanPR hatte zuvor die Wechselbeziehungen von Arbeit und Wohnen in den Städten seit dem Mittelalter erläutert: Von der kompakten, durch eine Mauer geschützten Stadt, in der unter demselben Dach gewohnt und gearbeitet wurde, über die Manufakturen und Fabriken vor den Städten mit benachbarten reinen Wohnbauten für die Arbeiter, über die nur noch mit dem Auto erreichbaren Vor- und Zwischenstädte bis hin zu den Konversionen von alten Fabriken und Kasernen zu modernen Loftwohnungen.

Im Zeitalter der Digitalisierung drohe den Städten nun weiterer Funktions- und Identitätsverlust, wenn künftig der Einzelhandel in den Hauptstraßen durch den konkurrenzfähigeren Internethandel bedroht werde. Logistik sei für diese Entwicklung, die man nicht gut finden muss, welche aber nicht zu verhindern sein wird, die Schlüsselfunktion.

Der Wirtschaftswissenschaftler Kilian Bizer von der Georg-August-Universität untersucht zur Zeit die stadtwirtschaftlichen Effekte des neuen Göttinger Gewerbegebiets am Siekanger. Endgültige Zahlen kann er noch nicht vorlegen, aber eine Tendenz werde sichtbar: „Der Siekanger rechnet sich nicht nur fiskalisch“.

Wichtig sei es, neue Unternehmen anzuziehen, die ihrerseits auf der Suche nach Standorten sind, an denen qualifizierte Arbeitnehmer zu finden sind, beziehungsweise eine Umgebung geschaffen werden könne, die auch zum Wohnen für Einpendler attraktiv ist. „Die nachhaltige Stadt“ ist für Professor Bizer der Maßstab für den Erfolg bei der Gewerbeansiedlung.

Klaus Hoffmann zog für das aktuelle GWG-Projekt Siekanger den Schluss, dass sowohl überregionale wie regionale Logistik hier die stadtwirtschaftlichen Potenziale des digitalen Zeitalters für Göttingen einlösen wird.