©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Das Göttinger Goethe-Institut ist umgezogen. Die Leiterin dieser traditionsreichen Kultureinrichtung Ulrike Hofmann-Steinmetz erklärt die Gründe für den neuen Standort, das Angebot ,Deutschland im Plural‘ und erzählt von Erfahrungen, die für’s Leben prägen.

Viele junge Menschen, Akademiker und hoch qualifizierte Wissenschaftler kommen Jahr für Jahr nach Göttingen, um am Goethe-Institut für mindestens vier Wochen in die deutsche Sprache einzutauchen, ihre Sprachkenntnisse auf ein höheres Niveau zu bringen und deutsche Kultur hautnah zu erleben. Doch viele der Lernenden und Stipendiaten bleiben länger – und für nicht wenige wird es die schönste Zeit ihres Lebens. Ulrike Hofmann-Steinmetz (Foto) leitet seit 2014 das Institut in Göttingen und begleitete in diesem Sommer den Umzug des Standorts aus dem Fridtjof-Nansen-Haus im Ostviertel in den gerade fertig gewordenen Neubau am Güterverkehrszentrum. Die Straße heißt seit Mitte Juli Jutta-Limbach-Straße – in Erinnerung an die 2016 verstorbene ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts.

Frau Hofmann-Steinmetz, Sie arbeiten jetzt bereits ein paar Monate in dem neuen Gebäude. Wie geht es Ihnen nach dem Umzug?

Wir sind an unserem neuen Standort sehr gut angekommen und freuen uns immer noch täglich über die hellen Räumlichkeiten, den technologischen Standard und die zentrale Lage. Letztlich war die Entscheidung für einen Umzug eine ganz pragmatische. Das Goethe-Institut ist ein moderner Bildungsanbieter, und das wollen und müssen wir natürlich auch repräsentieren. Das Fridtjof-Nansen-Haus hatte ohne Frage seinen ganz eigenen Charme – und den Abschied durchzog eine gewisse Wehmut.

Was macht den neuen Standort so besonders?

Es ist gut, dass wir an die Schienen gezogen sind, denn so sieht man uns bereits vom Zug aus. [lacht] Darüber hinaus befinden sich nun unser neues Gästehaus Bartholomäusbogen und das neue Institut in fußläufiger Nähe. Beide Gebäude erfüllen modernste Standards. Man darf nicht vergessen: Jedes Jahr kommen Stipendiaten zu uns, die in ihren Ländern zur Bildungselite gehören. Sie erwarten eine zeitgemäße Ausstattung.

Für mich persönlich war vor allem wichtig, dass wir das Gute der vergangenen Jahre bewahren und dies nun durch noch bessere Rahmenbedingungen in einen modernen Kontext bringen. Auch für regionale Unternehmen mit ausländischen Führungskräften ist es wichtig, dass sie uns als Premiumanbieter in Sachen Deutsch wahrnehmen.

Es hält sich ja hartnäckig die Vorstellung, die deutsche Sprache sei sehr schwer zu erlernen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie schnell kann man Deutsch lernen?

Die Fortschritte, die wir bei unseren Kursteilnehmern beobachten, sind rasant. Bei fünf Stunden täglichem Unterricht, Hausaufgaben und Lernen in unserer tollen Mediothek ist es möglich, in acht Wochen alle Lebenssituationen sprachlich elementar zu bewältigen. Dazu gehört auch, eine Tageszeitung mit erlernten Strategien zu entziffern und zu wissen, worum es in den Artikeln geht. Unsere Sprachkurse sind schon sehr besonders und zeichnen sich durch ihre hohe Intensität aus. Darauf sind wir auch stolz. Und das Feedback, welches wir bekommen, ist oft überwältigend. Unsere Teilnehmer, die als private Kunden anreisen, kommen zu fast 100 Prozent auf Empfehlung nach Göttingen. Sie mögen diese kleine hübsche Uni-Großstadt mit ihrer guten Infrastruktur, den kulturellen Angeboten und diesem wunderbaren Hochdeutsch. Es gibt vieles, was unsere Lernenden an Impressionen mit in ihre Heimat nehmen.

Inzwischen kann jeder, der dazu Lust hat, Sprachen auch interaktiv im Internet lernen. Warum ist in Zeiten der Digitalisierung ein ‚echter Kurs‘ noch zeitgemäß?

Sie können am Goethe-Institut weltweit die deutsche Sprache lernen, digital und in Präsenzformaten. Sie haben dabei sogar die Möglichkeit, einzelne aufeinander aufbauende Kurse in unterschiedlichen Ländern zu besuchen. Alles passt zusammen. Die abschließenden Prüfungen und Zertifikate sind international anerkannt und für unsere Teilnehmer oft der Schlüssel, um sich zum Beispiel nach dem Studium erfolgreich auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu bewerben. Doch die Teilnehmer eignen sich nicht einfach nur Deutsch an, sie lernen gemeinsam, miteinander und voneinander und machen Erfahrungen, die für’s Leben prägen. Das schafft kein Online-Kurs.

Und: Das Goethe-Institut ist ein Kulturinstitut. Und in dieser Funktion leisten wir in Deutschland und auch Göttingen einen großen Beitrag, um Menschen zueinander zu bringen. Wir tauchen mit unseren Kursteilnehmern ins echte Leben ein. Schon der Unterricht ist eine kulturelle Manifestation.

Was bedeutet das genau?

Wir leben einen erweiterten Kulturbegriff: Für uns ist alles Kultur, was vom Menschen gemacht und geprägt ist. Es gibt nichts, worüber wir nicht reden, wenn die Kursteilnehmer dies wünschen. Ob es um Feiertage geht, Umweltfragen oder um die Genderdebatte in Deutschland. Das sind alles Facetten, die sich am Ende zu einem Bild fügen.

Ich sage immer: Wir bieten Deutschland im Plural an. Es geht nicht darum, ein alleingültiges Deutschlandbild zu zeichnen, sondern die Vielfalt und auch die Widersprüche, das Gegensätzliche und das Nichtvereinbare nebeneinander zu stellen. Wir bieten vielen Menschen die Gelegenheit, sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen. Oder viele Bilder wirken zu lassen, bis sie sich zu einem Ganzen fügen. Wir leben hier ein Experiment, und es funktioniert!

Frau Hofmann-Steinmetz, vielen Dank für das Gespräch.