Netzwerk leben

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Geschäftsstellenleiterin Sylvia Wulf ist für Mekom unterwegs.

Fahrtzeit: 43 Minuten von Göttingen nach Osterode. Eine Entfernung, die in Ballungszentren nicht der Rede wert ist – aber von vielen in Südniedersachsen schon als groß bezeichnet wird.

Dabei lohnt sich die Reise, ist der Harz doch Standort zahlreicher interessanter Unternehmen, die sich oft schon langjährig sehr positiv am Markt behaupten. Vor 13 Jahren gründeten sie ihre Interessensvereinigung Mekom-Regionalmanagement Osterode am Harz e.V., und seit dem 1. August 2012 wird die Geschäftsstelle von Sylvia Wulf geleitet.

Wir wollen sie persönlich kennenlernen und sie einen Nachmittag lang begleiten – da ist uns kein Weg zu weit. „Schön, dass Sie da sind“, empfängt uns Sylvia Wulf mit einem strahlenden Lächeln.

„Treten Sie ein.“

Man ist willkommen in der Schaltzentrale des Vereins. Wir folgen der Einladung und stehen unversehens mittendrin im Büro, das nicht durch einen Eingangsbereich getrennt ist. Klare Linien, ein großer, aufgeräumter Schreibtisch dominiert den Raum.

Nein, sie habe nicht extra für Ordnung gesorgt, beteuert Wulf, sondern es sei ihre Arbeitsweise, lediglich das auf dem Tisch zu haben, was gerade anliegt.

Momentan ist Besuch angesagt, freie Fläche also und Anlass, in das angrenzende Besprechungszimmer zu wechseln.

Dort überrascht mich der Kontrast, denn es ist klein und bietet nur knapp Platz für einen runden Tisch mit vier Stühlen sowie für ein halbhohes Regal mit Kaffeeautomat.

„Die meisten Besprechungen finden ja sowieso in den Unternehmen statt“, sagt Wulf. Und da es viel zu besprechen gibt, ist sie auch viel unterwegs. 88 Mitgliedsunternehmen zählt das Netzwerk mittlerweile, von der Fleischerei über die Anwaltskanzlei und mittelständische Firmen bis hin zu Konzernen.

„Auf der einen Seite erfordert das breite Unternehmensspektrum unserer Mitglieder natürlich ein ausgewogenes Handeln, sodass sich jeder in unserer Arbeit wiederfindet. Auf der anderen Seite sind uns dadurch viele Möglichkeiten gegeben, ein echtes Netzwerk zu leben“, erzählt sie und nennt als Beispiel die Unternehmertreffen.

Bei diesen gewährt immer ein Mekom-Mitglied Einblicke in das eigene Werk, in die eigenen Geschäftsräume. Sich gegenseitig die Türen zu öffnen, schaffe eine Nähe, die wichtig für den Zusammenhalt sei.

Doch auch nach außen hin sollten die Unternehmen sich stärker präsentieren, fordert Wulf.

„Ich bin immer wieder überrascht, welch hochmodernen Arbeitsplätze und welch stimmiges Umfeld die regionalen Firmen bieten. Sie sind attraktive Arbeitgeber und müssten das viel besser kommunizieren“, betont die ausgebildete Kommunikationswirtin, die hier viel Aufklärungsbedarf sieht: „Marketing ist nicht eben einfach mal so gemacht. Das müssen Sie in die Köpfe kriegen.“

Ihrem überzeugenden Lächeln folgt ein Kopfschütteln über ihre Beobachtung, dass die Bewohner der Region sich in einem Gespräch mit Auswärtigen immer zuerst dafür rechtfertigen, warum sie hier leben.

„Völliger Quatsch“, findet die gebürtige Chemnitzerin, die vorher viele Jahre in Frankfurt am Main gelebt und gearbeitet hat. „Am Anfang habe ich in der Region immer noch Zeitpuffer für einen Stau eingeplant. Das braucht hier kein Mensch!“, sagt Wulf schwärmend von ihrer neuen Heimat, in die sie vor zwei Jahren „der Liebe wegen“ gekommen ist.

Kommend aus Frankfurt, wo sie als Verantwortliche im Bereich Marketing/Kommunikation bei Sun Chemical beschäftigt war, wagte sie im Harz den Schritt in die Selbständigkeit und beriet Firmen im Bereich Marketing.

Auch damals schon ein Job

Auch damals schon ein Job, bei dem sie viel und gern unterwegs war. Wulf hat Freude daran, Menschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen.

Da war es nur konsequent, dass sie auch den Mekom-Unternehmertag im Sommer 2012 besuchte – und war in der Folge angenehm überrascht, als sie zwei Monate später das Angebot bekam, die Mekom-Geschäftsstelle zu leiten.

Doch was Mekom bedeutet und was alles zu ihrem Aufgabengebiet gehört, das erschloss sich ihr erst, als sie sich den Verein näher angeschaut hatte.

Schließlich nahm sie den Job an, denn sie empfindet die Vielfältigkeit als positiv: „Vernetzung wird ja hier ganz anders gelebt als in der Großstadt, weil man das hier viel mehr braucht.“

Etwas mit Leben zu füllen, aktiv zu netzwerken

Dieser Herausforderung stellte sie sich gern. Und so bewegt sie Dinge, mischt sich ein, redet lieber persönlich mit den Menschen, als unzählige E-Mails hin und her zu schicken, spricht freundlich Klartext, vermittelt Kontakte und gibt Hilfestellungen, wo sie kann.

„Wir dürfen als Mekom nicht nur ein schönes Etikett sein“, führt sie aus, „sondern sind gefordert, uns im Interesse unserer Mitglieder auch einzumischen.“

Zum Beispiel wenn es darum geht, junge Leute für Ausbildungsstellen oder als Berufsanfänger für regionale Unternehmen zu begeistern.

Dabei setzt sie auf eine enge Kooperation mit den Hochschulen – zum Beispiel beim Projekt ‚Hochsprung‘ mit der TU Clausthal oder der ‚Business Night‘ des Consulting Team e.V. der Universität Göttingen.

Aber auch Aktionen wie der BITO (Berufsinformationstag Osterode) oder das ‚Azubi-Speed-Dating‘, das im Oktober erstmalig gemeinsam mit der IHK in Osterode stattfindet, sind ihr ein echtes Anliegen: „Damit rücken wir die Betriebe in die Öffentlichkeit und fördern den Dialog, der wichtig ist, um Mitarbeiter gewinnen zu können.“

Genutzt wird das Netzwerk auch, um dem Nachwuchs die Besonderheit zu bieten, andere Mitgliedsunternehmen kennenzulernen.

,Netzwerk Druck‘

Zum Beispiel im Mekom-internen ,Netzwerk Druck‘, zu dem neben der Herzberger Jungfer Druckerei und Verlag GmbH, der Kohlmann Medienkontor GmbH Bad Lauterberg und die Kodak Graphic Communications GmbH und Sun Chemical in Osterode gehören.

Dorthin führt uns der nächste Weg, denn wir dürfen Sylvia Wulf zu Sun Chemical begleiten, wo ein Treffen der Ausbilder stattfindet.

Schon auf der Fahrt erzählt sie begeistert von der Chance, die Auszubildenden damit geboten wird, und wie engagiert die Jugendlichen sind und nennt ein Beispiel: „Ihre Aufgabe, den eigenen Lehrbetrieb den Azubis der anderen Firmen vorzustellen, meistern sie mit Bravour. Hut ab, wie professionell die dabei schon sind!“

Bei Sun Chemical angekommen, lernen wir im großen Konferenzraum die Ausbilder Björn Mackensen und Christina Schilling von Sun Chemical und Monika Stange von Jungfer Druckerei kennen, die zusammen mit Juliane Schuster von SylverLynx gekommen ist.

Die Ausbilder von Kodak und Kohlmann lassen sich entschuldigen.

Doch auch sie werden im Anschluss von den besprochenen Themen informiert, die Sylvia Wulf protokolliert. Sie fragt: „Was steht an?“ Und schon gehen die Diskussionen los.

Es geht um einen Höhepunkt, der den Auszubildenden geboten werden soll, ob vielleicht eine ‚externe‘ Firma besichtigt werden sollte, wann Austauschtage stattfinden können, welche Ferientage zu berücksichtigen sind und ob die Idee, einen Film von Azubis für Azubis zu machen, realisierbar ist.

Dass die gemeinsamen Aktionen großen Anklang bei den Jugendlichen finden, berichten die Beteiligten, und Mackensen betont: „Es ist ein Glücksfall, dass unsere Geschäftsführer das auch gut finden. Denn nur so bekommen wir als Ausbilder die Chance, solche Aktionen auch zu verwirklichen.“

Ein echtes Vorteilsargument, das Sun Chemical in Stellenanzeigen nutzt, führt er weiter aus. „Unser ‚Netzwerk Druck‘ ist tatsächlich ein Prädikat, um sich als attraktiver Arbeitgeber darzustellen“, pflichtet ihm Monika Stange bei, die beschließt, die se Idee an ihre Personalabteilung weiterzugeben.

Ein gelungener Schlusspunkt

Ein gelungener Schlusspunkt der Begegnung, zu der Wulf das Protokoll versenden wird.

So langsam geht auch ihr Arbeitstag zu Ende. Sie freut sich auf den Feierabend, auf den körperlichen Ausgleich im Sportstudio. Doch auf eines kommt sie noch zu sprechen: „Die Region ist für uns ein weit gefasster Begriff“, sagt Wulf, „und ist auch unabhängig von politischen Fusionen.“

Denn ob Osterode, Northeim, Göttingen, Herzberg oder Goslar – die Herausforderungen der Zukunft seien doch am besten gemeinsam zu meistern, sagt sie wieder mit einem gewinnbringenden Lächeln. Und dafür ist sie unterwegs.