Nano ganz groß

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Mit Networking Produktentwicklungen beschleunigen – die Landesinitiative Nano- und Materialinnovationen Niedersachsen mit Sitz in Göttingen fungiert als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Schwupps – schon ist die nächste Generation da! Innovationszyklen werden im globalisierten Wettbewerb immer kürzer. Und dennoch gewinnt die Einführung neuer Produkte oder Verfahren für Volkswirtschaften weiter an Bedeutung. Doch wie schafft man ideale Voraussetzungen für derlei Neuentwicklungen?

Indem sich Forschung, Industrie und Politik mittels einer gemeinsamen Plattform zusammentun. Als solche ist die Landesinitiative „Nano- und Materialinnovationen Niedersachsen“ (NMN) gedacht. Sie versteht sich als Forum für Akteure aus Technologiefeldern mit besonderem Wachstumspotenzial. Für Niedersachsen wurden dafür die drei Leitthemen „Nanomaterialien“, „Oberflächen“ und „Leichtbau“ identifiziert. Fachleute sprechen bei dem Trio von Querschnittstechnologien, die im Grunde in allen Branchen eingesetzt werden. Die Überlegung dahinter: Wer diese stärkt, kann Multiplikatoreffekte erzielen, die wiederum die Wertschöpfungskraft ganzer Wirtschaftsbereiche steigern.

Profitieren sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Niedersachsen. Diese bei der Entwicklung marktfähiger Produktinnovationen zu unterstützen, ist Kernaufgabe der Landesinitiative NMN und ihres gleichnamigen Trägervereins. Denn der Weg von der Idee bis zum realen Produkt ist lang. Zumindest dann, wenn ein Unternehmen dabei auf sich allein gestellt ist. Genau hier liegen die Stärken von NMN. In einem Verbund von Forschern, Produktmanagern und Entwicklern gelingt es schneller und effizienter Innovationsprozesse einzuleiten und diese bis zur Überführung in den Markt zu begleiten. So initiiert der Verein regelmäßig Themenworkshops und Arbeitskreise, in denen Projektvorhaben vorgestellt, bewertet und weitergedacht werden. Entscheidend für das weitere Vorgehen ist, die geeigneten Kooperationspartner zu identifizieren. NMN greift dabei auf ein etabliertes Netzwerk aus verschiedenen Branchen zurück und vermittelt geeignete Kontakte.

Darüber hinaus übernimmt NMN die Abstimmung mit den Projektträgern und berät die Unternehmen bei der zielgerichteten Projektformulierung. Dies verbessert die Chancen auf Fördermittel von Land, Bund und EU. Wie gut dies bereits gelang, schildert Michael Eder von der BAQ GmbH aus Braunschweig, die Werkstoffprüfsysteme herstellt:“Als kleines Unternehmen ist die Zusammenarbeit mit führenden Forschungseinrichtungen besonders wichtig. Über die Landesinitiative konnten wir auf schnellem Wege ein Kooperationsprojekt mit dem Fraunhofer-Institut IST entwickeln und Fördermittel des Bundeswirtschaftsministeriums erhalten.“

Anstoß und Ideen für Entwicklungsprojekte geben zudem die von der Landesinitiative veranstalteten Fachkongresse. Um die internationale Wirkung zu verstärken, finden diese gebündelt in Form des „Nano und Material Symposium Niedersachsen“ statt, das 2008 erstmalig die möglichen Synergien zwischen den Werkstoffsystemen Nanomaterialien, Intelligenter Leichtbau und Oberflächentechnik aufzeigte. Experten unter anderem von Volkswagen, dem Salzgitter-Konzern und der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen stellten dem Fachpublikum dabei technologische Grundlagen und industrielle Anwendungsbeispiele vor.

Für die Generierung neuer Forschungs-Kontakte spielen Fachmessen im Konzept der Initiative NMN eine überaus bedeutende Rolle. So warb sie 2008 auf der weltgrößten Branchenmesse „nano tech“ in Tokio für Nanotechnologie aus Niedersachsen und wird vom 20. bis zum 24. April 2009 auch in der Landeshauptstadt auf der Hannover Messe vertreten sein (Halle 5, Stand B42).

Kontakte zu Netzwerken in angrenzenden Disziplinen zu knüpfen und vorhandene zu pflegen, ist eine weitere wesentliche Aufgabe der Landesinitiative. Namhafte Beispiele hierfür sind die Kooperationen mit den international angesehenen Netzwerken European Center of Adaptive Systems (ECAS), CFK-Valley Stade und Industrielle Plasma-Oberflächentechnik (INPLAS). Wie dynamisch dieses Gebiet noch ist, zeigt die jüngste Gründung des Virtuellen Instituts „Nanotechnology in Polymer Composites“ am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Braunschweig. Ziel dieser Einrichtung ist es, die Eigenschaften von Faserverbundbauteilen durch Nanopartikel zu verbessern und deren Produktion zu vereinfachen. Der Blick geht aber auch über den Tellerrand der Landesgrenzen hinaus. Immer mehr Partner aus dem Ausland verstärken einen Trend zur Internationalisierung der Landesinitiative.

Nanotechnologie braucht großes Wissen. 50.000 Führungskräfte fehlen Schätzungen zufolge, um die offenen Ingenieurstellen in Deutschland zu besetzen. Die Nanotechnologie entzieht sich diesem Trend nicht. NMN unterstützt daher fachbezogene Bildungsmaßnahmen in Niedersachsen. So bietet die Leibniz Universität Hannover seit Herbst 2008 den Studiengang „Nanotechnologie“ an, der auch Praktika für Studierende vorsieht. Eine Stellenbörse von NMN hilft ihnen dabei, Einblicke in niedersächsische KMU zu erhalten. Die Akademien Göttingen und Münden bieten deutschlandweit erstmalig die Berufsausbildung zur Chemisch-Technischen Assistenz (CTA) mit dem innovativen Schwerpunkt Nanochemie und Nanoanalytik an. Die Ausbildung wird damit um die Analyse sowie die Herstellung von Nanopartikeln und -schichten ergänzt. Das ist zwar einzigartig, aber noch unbekannt. Mittels gezielter Öffentlichkeitsarbeit Abhilfe zu schaffen, ist eines der Ziele von NMN.

Ausgewiesene Experten stecken hinter NMN. Geführt wird die NMN-Geschäftsstelle von der Sperlich GmbH in Göttingen. Der Innovationsdienstleister ist auf die Vermarktung neuer Technologien und das Management von strategischen Entwicklungsallianzen, Kooperationen und Netzwerken spezialisiert. Dass sich die Landesinitiative ausgerechnet der Nanotechnologie widmet, ist kein Zufall. Nano- und Materialinnovationen aus Niedersachsen werden über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus eingesetzt, um Produkteigenschaften zu optimieren und gleichzeitig Aufwand und Gewicht zu verringern. Erfolgreiche Beispiele sind die Niederlassungen des Flachglasveredlers Interpane in Lauenförde (Landkreis Holzminden) und des Aluminium-Konzerns Novelis in Göttingen.

Interpane zählt zu den bedeutenden Flachglasveredlern in Europa. Das niedersächsische Lauenförde ist Standort der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Unternehmensgruppe. Für regelmäßig frischen Wind sorgt der Themenbereich „Innovative Produkte“, wo man über den Tellerrand in benachbarte Branchen schaut, um Veredelungsmöglichkeiten für Glas aufzuspüren. Traditionell werden dort unter anderem Architekturverglasungen entwickelt, seit jüngerem aber auch Gläser für die Solartechnologie. Zu einem Forschungsschwerpunkt hat sich das Thema Energieeinsparung und alternative Energieerzeugung entwickelt. Sichtbares Ergebnis ist ein Glas, das unanfällig für Spiegelungen ist und Sonnenlicht besser durchlässt. Für Solarthermie und Photovoltaik sind solche Bauteile extrem wichtig. Interpane hofft sogar, dass solche Beschichtungen schon bald zur Standardausrüstung aller Solarverglasungen gehören werden. Das Unternehmen passt gut ins Konzept der Landesinitiative NMN, da es viele strategische Fragen mit Universitäten, Fraunhofer-Instituten und anderen Industrieunternehmen bearbeitet. An Potenzial mangele es nicht. Schon bald werde jede Glasoberfläche durch geeignete Beschichtungen funktionalisiert werden, heißt es bei Interpane.

Mit einer besonderen Auszeichnung machte Ende 2008 das Göttinger Novelis-Werk von sich reden. Der weltweit größte Hersteller von Aluminium-Walzprodukten war beim sechsten Innovationspreis des Landkreises Göttingen Sieger der Kategorie „Produkte“: Oberflächen mit Lotuseffekt, realisiert mittels ausgefeilter Nanotechnologie. Das Göttinger Werk des Konzerns überzeugte dabei mit einem System erstmals selbstreinigender,farbbeschichteter Bauelemente für Fassaden- und Dachbekleidungen. Dieser Lotuseffekt war bisher vorwiegend bei Oberflächen aus der Sanitär- und Ziegelindustrie bekannt.

Bei dem neuartigen Produktionsverfahren werden die Aluminiumbänder in einem Banddurchlaufprozess entfettet, vorbehandelt und erhalten anschließend eine oft farbliche oder funktionale Beschichtung,die in Durchlauföfen getrocknet und eingebrannt wird. Abgesehen davon, dass von nun an bei den teuren und schmutzigen Reinigungsprozessen von Fassaden, besonders in Ballungsräumen mit dicker Luft, Ressourcen eingespart werden können, kann sich die Ökologie- und Energiebilanz auch sonst sehen lassen: Die Fertigung geschieht völlig ohne zusätzliche äußere Energie, da die Öfen durch Nachverbrennung der Lacklösemittel beheizt werden. Die selbstreinigende Oberfläche kann als zusätzliche Beschichtung mittels Nanotechnologie auf alle bisher bekannten lackierten Aluminiumbeschichtungsoberflächen aufgebracht werden. Ökonomisch betrachtet lassen sich Unternehmensangaben zufolge nun erstmals großindustriell gefertigte, selbstreinigende Produkte in großen Mengen und zu geringeren Kosten herstellen.

Das Werk Göttingen ist der einzige von fünf deutschen Novelis-Standorten, an dem sich, sozusagen als Keimzelle vieler guter Ideen, ein Technologie- und Innovationszentrum befindet. Eingebunden in ein globales Technologienetzwerk sowie mittels Partnerschaften an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft in der südniedersächsischen Region nutzt Novelis vor allem die Vorteile eines Wissenstransfers vor Ort.

Jüngstes Beispiel ist die Kooperation mit dem Institut zur Synchronisation technologiebasierter Kooperations-, Innovations- und Bildungsprozesse (SKIB), das von der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH) und Manfred Sperlich, geschäftsführender Gesellschafter von der Sperlich GmbH, gegründet wurde. Das Novelis-Werk Göttingen, das im Mai 2009 sein hundertjähriges Bestehen feiert, gehört zu den ersten Unternehmen, das die Unterstützung von SKIB in Anspruch nimmt. Das Beispiel zeigt, dass auch in der Nanotechnologie das Zusammenarbeiten neue Chancen bietet.

Text: Anja Eppert, Dr. Andreas Baar Fotos: Alciro Theodoro da Silva; Novelis; Interpane