©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Der neue Geschäftsführer des Göttinger Symphonie Orchesters, Sven Halfar, erzählt, warum er sich lieber hinter der Bühne bewegt und wie das GSO mit der Schließung der Stadthalle ein anderes Publikum erreichen kann.

Das Wetter draußen schlägt Kapriolen, doch Sven Halfar ist die Ruhe selbst. „Sie müssen sich einfach ein bisschen Platz verschaffen“, sagt der gebürtige Oberfranke gelassen zum Fotografen, der abseits vom Besprechungstisch einen Platz sucht und dafür Unterlagen zur Seite schiebt. Es ist zwar kein papierloses Büro, aber ein transparentes mit Fenstern zu den angrenzenden Räumen. Der neue Geschäftsführer des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) hat es von seinem Vorgänger Klaus Hoffmann übernommen, nachdem sie beide die Zeit von September bis Dezember vergangenen Jahres für eine reibungslose Überleitung genutzt hatten. Was als förmliches Interview beginnt, taut schnell auf und mündet in eine lockere Plauderei. Halfar ist ein offener Mensch, der gerne lacht.

Herr Halfar, der Auftakt ist geschafft. Wie haben Sie die ersten Monate im neuen Amt hier in Göttingen erlebt?

Nun, der Einstand war wirklich sehr angenehm. Durch die gemeinsame Übergangszeit mit Klaus Hoffmann hatte ich einen Kollegen an meiner Seite, der alle handelnden Akteure bestens kennt. Und so ist es mir relativ schnell gelungen, mich einzuleben.

Eine neue Besetzung bringt häufig auch Veränderungen mit sich. Welche Strategie verfolgen Sie nun als neuer Geschäftsführer, um das Publikum zu erreichen?

Grundsätzlich denke ich, dass es die beste Strategie ist, das Orchester noch mehr in der Heimat zu verankern, Kooperationen einzugehen, wie es schon sehr erfolgreich mit ‚Sport meets music‘ läuft oder jetzt mit dem Schwanen see-Projekt mit Art la danse. Wir bieten eine Bandbreite von Konzerten für Kinder bis hin zu Demenzkranken, weil wir mit so vielen Anknüpfungspunkten wie möglich jede Altersgruppe erreichen wollen. Schließlich sind wir kein abgehobenes Orchester, sondern Teil der städtischen und regionalen Gemeinschaft. Diese Nähe zeigt auch unser Chefdirigent Nicholas Milton bei den Aufführungen, indem er die Musik mit seinen eigenen Worten vermittelt. Er nimmt das Mikrofon und sagt etwas zu den Werken, erzählt eine Anekdote dazu. Nicht belehrend, sondern um eine Verbindung und Nähe zu schaffen – das ist toll.

Hat Ihnen Göttingen auf Anhieb gefallen?

Ich hatte mir schon während des Bewerbungsverfahrens Zeit dafür genommen, die Stadt zu erlaufen. Das mache ich grundsätzlich gern, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Weil es genau das Tempo ist, in dem man das, was man sieht, auch aufnehmen kann. Hier in Göttingen hatte ich gleich das Gefühl: Das passt.

Welches persönliche Ziel haben Sie sich denn für Ihre neue Heimat gesteckt?

Wesentlich ist, glaube ich, wenn man in der öffentlichen Wahrnehmung erreichen kann, dass die Leute sagen: „Das ist ,unser‘ Orchester. Da sind wir stolz drauf.“ Das ist das Schönste, was man sich wünschen kann, wenn sie sich mit uns identifizieren und sagen: „Es gehört zu uns.“ Das trägt auch durch schwere Zeiten. Deshalb sehe ich die Vernetzung mit verschiedensten Akteuren als besonders wichtig an.

Seit wann spielt Musik eine Rolle in Ihrem Leben?

Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus. Schon in meiner Kindheit in Oberfranken habe ich Klavier und Cello gelernt – damit war auch der Berufsweg schnell vorgezeichnet. Denn in Hof gibt es die einzige orchestereigene Musikschule Deutschlands. Das heißt, die Trägerschaft liegt beim Orchester, sodass die Musiker gleichzeitig die Lehrer sind. Auch damals schon hat mir diese besondere Nähe gefallen.

Aber dann haben Sie doch etwas anderes studiert. Warum?

Das stimmt. Mein Weg führte hinter die Bühne, das fand ich spannender. Das fing mit einem klassischen BWL- Studium an, mit Praktika an Opernhäusern, Konzertorchestern, Festivals und so, um zur Theorie die Praxis zu haben. Dazu gehörte auch ein Auslandssemester in Budapest, das ich ganz spannend fand, weil Ungarn sich zu dieser Zeit der Europäischen Union angeschlossen hat. Diese Aufbruchstimmung, dieses Gemeinschaftsgefühl dort hat mich schon begeistert.

Ihr Weg führte Sie weiter nach Heidelberg und Mannheim …

Ja, dort habe ich die letzten zehn Jahre verbracht. In Mannheim als Geschäftsführer des Kurpfälzischen Kammerorchesters und ab 2018 als kaufmännischer Leiter des Festivals ‚Heidelberger Frühling‘ …, wo es aktuell übrigens auch die Herausforderung gibt, dass die Stadthalle wegen Sanierung als Spielstätte entfällt.
Apropos, wie lebt es sich für das GSO derzeit so ganz ohne? Es ist planerisch eine deutliche Erschwernis, weil die anderen Spielstätten über weniger Plätze verfügen. Das bedingt, dass wir Konzerte zweimal spielen – und das so manches Mal an einem Tag, um auf die Besucherzahlen und den Ticketverkauf zu kommen. Für uns alle ist das eine extreme Belastung. Die andere Herausforderung ist, dass wir ohne Stadthalle keine Planungshoheit haben. Denn wir sind auf die freien Termine der anderen angewiesen, die sie uns aber erst im Herbst des Vorjahres mitteilen. Und da auch für Musiker die Woche nur sieben Tage hat, ist alles wie ein großes Puzzle.

Ein Puzzle, das Sie jetzt spielen. Geht es auf?

Als ich kam, waren die Ausweich-Spielstätten schon festgeklopft. Aber wir wussten nicht, ob das Publikum auch mitgeht. Jetzt können wir sagen, dass die Abonnenten geblieben sind und wir sogar an der einen oder anderen Stelle die Besucherzahlen steigern konnten. Das ist schon ein großer Erfolg, muss man mal sagen. Im Grunde genommen ist es eine große Chance, sich anderen Publikumsschichten zu öffnen. So sind die Aufführungen bei der ‚Nacht der Filmmusik‘ in der Lokhalle ein großer Erfolg. Das Ambiente ist hip, und die Illumination bietet ganz andere Lichteffekte als in der Stadthalle.

Das heißt, wenn die Stadthalle wiedereröffnet ist, wird es an den Ausweichorten weitergehen?

Auf jeden Fall wird es Formate geben, die beibehalten werden. Auch die Cross-over-Konzerte funktionieren in den ,neuen‘ Locations bestens.

Abseits der Heimat – wie sieht es denn mit auswärtigen Aufführungen aus?

Es ist schade, dass momentan keine Konzertreise auf dem Plan steht, weil wir aufgrund der besonderen Situation keine Kapazitäten haben. Dennoch es ist wichtig, dem musikalisch spitzenmäßigen Orchester hin und wieder die Möglichkeit zu geben, sich mit anderen zu messen. Denn mal in anderen renommierten Sälen zu spielen, stärkt ja auch den Zusammenhalt der Orchestermitglieder und das Selbstbewusstsein „Ja, wir sind echt gut.“ Dieser Stolz überträgt sich in die Stadt, die damit gut werben kann. Schließlich ist das GSO auch ein wichtiger weicher Standortfaktor, um Fachkräfte in die Region zu holen.

Verraten Sie uns noch Ihren privaten Musikgeschmack?

Vom Interesse her ist mein Geschmack breit gefächert. Als Jugendlicher habe ich neben Orchestermusik auch experimentelle Sachen gespielt, mit freien Theatergruppen, in der freien Szene und solche Geschichten. Aber ich sag Ihnen mal was: Ich höre auch gerne guten Heavy Metal, Rock, Pop, Jazz sowieso, auch R’n’B. Was immer gute Musik ist – ja, da lasse ich mich nicht festlegen. Es kommt immer auf die Stimmung an. Und die Musik muss qualitativ gut sein und mich einfach ansprechen.

Da ist ja auch tanzbare Musik dabei – tanzen Sie gern?

Komischerweise kann ich es nicht besonders gut. Obwohl man es als Musiker wohl können sollte. Es gibt andere Sachen, die ich besser kann. Aber ich habe gehört, dass es hier eine tolle Tanzformation gibt, die werde ich mir mal ansehen.

Haben Sie überhaupt ein Faible für Sport?

Na ja, es ist etwas zum Erliegen gekommen. Früher habe ich gern gekickt, und natürlich bin ich von Haus aus Fan vom 1. FC Nürnberg. Da muss man leidensfähig sein. Aber auch Basketball interessiert mich, schließlich habe ich als Student viele Spiele der Brose Bamberg besucht. Zum Selberspielen bin ich für diesen Sport zu klein.

Waren Sie denn bereits einmal bei einem unserer anderen kulturellen Aushängeschilder der Stadt zu Gast, einem Spiel der BG?

Ehrlicherweise … – bislang noch nicht, weil ich zu viele eigene Termine hatte. Aber das steht auf meiner Agenda weit oben. [lacht]

Vielleicht lässt sich Basketball ja auch mit Musik verbinden?

Wir werden sehen.

Und wenn Sie zwischen Ihren ganzen Terminen doch mal Zeit haben – was machen Sie dann?

Ich bin gern mal für mich und in aller Ruhe draußen in der Natur. Außerdem koche ich leidenschaftlich gern. Ich kann auch schnell mal was in die Pfanne hauen, aber mal was ausprobieren, Gäste bekochen – das ist schon was, wobei ich gut entspannen kann. Kommt nur leider nicht so oft vor.

Zu guter Letzt: Worauf freuen Sie sich aktuell am meisten?

Jetzt freue ich mich erst einmal auf mehr Grün, mehr Sonne, mehr Wärme. Wenn alle rauskommen aus den Wohnungen – auch ich – und ich meine neue Heimat noch einmal ganz neu und anders erkunden kann als jetzt im Trüben.

Herr Halfar, viel Vergnügen dabei und vielen Dank für das Gespräch!