Nachrichten aus dem Filmbüro

Sven Schreivogel ©Alexander Siebrecht
Text von: redaktion

Die fürs Filmbüro-Team wesentliche Nachricht vorneweg: Durch die Corona-Krise sind die Aktivitäten nicht kaputtgegangen. Geplante Veranstaltungen wie eine Zeitzeugen-Gesprächsrunde zur 'Nacht der Kultur' (13. Juni) oder ein weiteres Erhardt-Event anlässlich 60 Jahre 'Der letzte Fußgänger' (15. September) mussten natürlich schweren Herzens abgesagt werden. Das galt auch fürs dritte Haupttreffen der 'Initiative Drehort Göttingen'.

Angesichts der corona-bedingten Einflüsse auf die deutsche Film- und Fernsehbranche ist davon auszugehen, dass die Ideen des Filmbüros in einer solchen Situation eher nicht auf fruchtbaren Boden gefallen wären. Geduld ist angesagt, aber auch Zuversicht. Schlussendlich war nicht alles der vergangenen zwölf Monate zwangsläufig negativ.

Anfang Februar begab sich ein RTL-Team zwei Tage lang auf Spurensuche zur Göttinger Filmgeschichte, begleitet von Filmbüro-Chef Sven Schreivogel. Gezeigt wurden in dem TV-Beitrag verschiedene Drehorte in der Innenstadt, auf dem Kerstlingeröder Feld sowie – dank kurzfristiger Genehmigung der Sartorius AG – das ehemalige Filmatelier im Industriegebiet Göttingen-Grone. Außerdem hatten sich am 22. und 23. Februar die Mitglieder der Drehort-Initiative ein zweites Mal getroffen. Dort wurden unter anderem Arbeitsgruppen für Stoffentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit gebildet. Gemeinsam arbeiten Sven Schreivogel und Medienwissenschaftler Stefan Zimmermann an einem Drehort-Kataster. Tatkräftig unterstützt werden sie dabei vom heimischen Filmsammler Wolf-Dieter Bleyer. Er hat ein privates Archiv mit (fast) allen in Göttingen und Umgebung gedrehten Filmen. Erstellt werden sollen – in Zusammenarbeit mit der Tourist-Info – ein Stadtrundgang zu Drehorten in der Innenstadt sowie ein aktueller Location Guide. Fotograf Stephan Beuermann arbeitet an dessen film- und fernsehgerechter Bebilderung. Es gab bereits Anfragen von Location Scouts, wie Schreivogel berichtet.

Die Dauerausstellung zum Thema ‚Filmstadt Göttingen‘ soll ab dem 21. August 2023 gezeigt werden (anlässlich 75 Jahre Atelier-Eröffnung bzw. erste Klappe zu ‚Liebe 47‘). Inzwischen verfügt das Filmbüro-Archiv über mehr als 2.000 digitalisierte Abbildungen: Kinoplakate, Stand- und Werkphotographien, Filmtheaterwerbung, Premieren-Einladungen, sogar Besonderheiten wie eine Mustertasche aus dem Kopierwerk mit Bildnegativprobe zu ‚Drillinge an Bord‘ (beschriftet: ‚Ausschnitt aus Scene 177/1‘) oder der Arbeitspass des Kameramannes Rudolf Koch (dort bezeichnet als ‚Filmmechaniker‘, ausgestellt am 6. Juli 1949). Seit Beginn der Recherchen gibt es intensive Zusammenarbeit mit Städtischem Museum und Stadtarchiv Göttingen, Karl-May-Archiv, Tageblatt-Archiv und Heimatverein Grone. Neu hinzugekommen sind seit Anfang 2020 die Ortsheimatpflege Holtensen, das Stadtarchiv Fulda (Thomas-Mann-Verfilmung ‚Königliche Hoheit‘), das Dorfarchiv Varenholz in Nordrhein-Westfalen – auf Schloss Varenholz war von 1945 bis 1951 die Ufa untergebracht – und die Akademie der Künste in Berlin; dort befinden sich die Nachlässe der Regisseure Tom Toelle (‚Die Witwen oder Eine vollkommene Lösung‘) und Peter Beauvais (‚Heimat, die ich meine‘).

Intensiviert haben sich auch die Zeitzeugen-Gespräche zu Göttingens Filmgeschichte. Infolgedessen kam es vermehrt zu Überlassungen historischen Materials – in weiten Teilen geeignet als Exponate für eine Dauerausstellung. Dazu gehören Filmzeitschriften, Illustrierte und Magazine wie auch eine Filmprogramm-Sammlung mit 415 Titeln. Hans-Jürgen Kutzner, Liturgie- und Kunstwissenschaftler aus Hannover und Sohn des Filmarchitekten Hans Kutzner, hat dem Filmbüro Göttingen exklusiv den filmischen Nachlass seines Vaters aus Zeiten des Göttinger Ateliers überlassen: Original-Zeichnungen, darunter Kulissenskizzen zu Filmproduktionen und die Bauzeichnung für die Baracke der Filmarchitekten auf dem Ateliergelände, sowie weiteres Bildmaterial. Jutta Lübcke, Tochter des ‚Kinomoguls‘ Kurt Krause, und ihr Mann Wolf haben uns die Starportraits aus dem Foyer des legendären Sterntheaters sowie einen Vorführersitz aus dem Göttinger Kultkino überlassen. Zu treuen Händen hat uns Familie Lübcke eine 35mm-Kopie des Films ‚Kalamitäten‘, einem der letzten im Atelier gedrehten Filme und von Kurt Krauses Frau Charlotte produziert, übergeben. Ebenfalls in unserem Besitz befindet sich jetzt ein Scheinwerfer aus dem Nachlass des Beleuchters Richard Rottstock, den dieser bei Filmaufbau- und anderen Produktionen eingesetzt hatte.

Derzeit tut sich Einiges in Sachen Zeitzeugen; viele Erinnerungen erreichen das Filmbüro, bis dato unveröffentlichtes Bildmaterial oder hochinteressante Zeitungsartikel aus einer Epoche, in der Göttingen noch Filmstadt war, regelmäßig im Filmatelier, in der Stadt und im Umland gedreht wurde. Auch die Phase nach Atelierschließung rückt immer mehr in den Fokus. Die Erkenntnisse des Filmbüros über solche Produktionen, darunter die ZDF-Filme ‚Schwestern‘ von Klaus Gietinger und ‚Heimat, die ich meine‘ von Peter Beauvais sowie der kürzlich durchs Filmbüro wiederentdeckte SFB-Film ‚Die Witwen oder Eine vollkommene Lösung‘ von Tom Toelle, verdichten sich immer stärker. Im Zuge dessen erhielt das Filmbüro aber auch Hinweise auf wenigstens drei Produktionen, die sich zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt gar nicht zuordnen und auch mangels detaillierterer Informationen (beispielsweise zu mitwirkenden Schauspieler) nicht in Datenbanken ausfindig machen lassen.

So erinnert sich Ralph Budde (*1958) an einen TV-Film, der zwischen 1971 und 1974 im Ersten Fernsehprogramm gesendet wurde. Dabei soll es sich um einen Endzeit-Thriller mit fiktiver Umgebung gehandelt haben. Drehorte in Göttingen seien aber klar erkennbar gewesen, unter anderem die Von-Ossietzky-Straße, auf der ein Pärchen mit seinem Auto in die Stadt hineinfährt, die frühere Tankstelle im Schildweg sowie das damalige Geschäft der Nöthel AG in der Innenstadt. Die Dreharbeiten habe er nicht verfolgt, aber als Jugendlicher in der Zeitung davon gelesen, später die TV-Ausstrahlung gesehen und danach im Freundeskreis darüber gesprochen. Jahreszeitlich müsse der Farbfilm im Sommer spielen. Als Titel ist Ralph Budde ‚Kopfgeld‘ in Erinnerung; ein solcher Titel wird in Datenbanken allerdings nur als Hamburger ‚Tatort‘ mit Til Schweiger (2013/14) geführt.

Michael Fischer (*1958) erinnert sich an einen weiteren unbekannten Film, der ebenfalls in Göttingen gedreht worden sei. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre habe er als Student einen Film im Fernsehen gesehen, in dem ein Schauspieler „vom Typ Siegfried Wischnewski“ eine Doppelrolle als Professor und Malermeister gespielt hatte. Herr Fischer begann nach Beendigung seines Wehrdienstes zu studieren. Die Ausstrahlung des TV-Films ist daher frühestens 1978/79 erfolgt. Heute ist er als Lehrer tätig. Er ist nicht sicher, ob es sich um einen Farbfilm handelt; die Produktion könnte auch in s/w gewesen sein. Zu den Drehorten sagt Herr Fischer, dass die Villa des Professors im Ostviertel zu verorten sei; das Fachwerkhaus des Malermeisters befände sich am Albanikirchhof/Ecke Stadtwall (Dort ist heute das Atelier eines bildenden Künstlers untergebracht). Kern der Geschichte war das Sterben zweier Männer aus Göttingen. Der Professor verstirbt nach einem feierlichen Essen – anlässlich der Dissertation seines Schwiegersohns in spe, der auch seine Nachfolge im Institut antreten sollte –, der Maler auf halber Treppe, nur mit einem Unterhemd bekleidet. Beide Handlungsstränge spiegelten das jeweilige Milieu im Nachkriegs-Göttingen; ob dies hintereinander oder in wechselnder Folge gezeigt wurde, vermag Herr Fischer nicht zu sagen. Er hält eine Parallel-Montage aber für wahrscheinlicher. Auch an den Titel des Films kann er sich nicht erinnern, vermutet dessen Herstellung aber in zeitlicher Nähe zur Ausstrahlung. Das Ganze hätte eine gewisse „Jedermann“-Charakteristik gehabt.

Des Weiteren haben wir von Wolf-Dieter Bleyer einen Hinweis erhalten, demzufolge – laut Aussagen eines Bekannten – nach Bezug des Neuen Rathauses (1978) in dortigen Räumlichkeiten Dreharbeiten mit Spielszenen stattgefunden hätten. Für welches Filmprojekt ist nicht bekannt. Es dürfte sich jedoch um eine professionelle Produktion gehandelt haben. „Die Witwen oder Eine vollkommene Lösung“ ist ausgeschlossen; vielleicht waren es aber Aufnahmen für eine der o. g. Produktionen.