Nach außen tragen

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Text von: Tobias Kintzel

faktor hat den Wirtschaftsstandort Osterode am Harz besucht – trotz einiger Probleme ist er besser als sein Ruf.

Der Wirtschaftsstandort Osterode ist ein „Produktionsstandort“, denn 45 Prozent der Unternehmen stammen aus dem Produzierenden Gewerbe. Die Obermann Unternehmensgruppe ist mit ihren 260 Mitarbeitern somit fast eine Ausnahme, denn nur jedes dritte Unternehmen ist dem tertiären Sektor zuzuordnen.

„Wir sehen uns als regionalen Dienstleister für Südniedersachsen und Nordthüringen. Mit unseren drei operativen Bereichen bieten wir unseren Kunden von der Neu- und Gebrauchtfahrzeuglieferung über Service und Transport bis hin zur Analyse und Optimierung von logistischen Abläufen eine große Bandbreite“, beschreibt Lars Obermann, der geschäftsführende Gesellschafter der Gruppe.

Um den sich verändernden Anforderungen in den Projekten der Kunden immer gerecht zu werden, passt Obermann die eigenen Angebote kontinuierlich an. „Bei uns sind Anpassungen Technologie getrieben. Wir haben zum Beispiel ein Telematiksystem zur Effizienzsteigerung des LKW-Einsatzes und der Verbesserung der Kommunikation und des Datenaustauschs mit den Kunden oder ein Staplerleitsystem zur Prozessoptimierung in den Lagern eingeführt“, so Obermann weiter. Nach den Standortvorteilen Osterodes gefragt, betont Lars Obermann die günstige logistische Lage, die gute Verfügbarkeit von Industriegebieten und das große Potenzial an gut ausgebildeten Mitarbeitern.

Und damit ist er wirklich eine von wenigen Ausnahmen. Denn fast alle Unternehmen in und um Osterode kämpfen mit einem für sie entscheidenden Standortnachteil: Die Mitarbeiterrekrutierung stellt sich immer wieder als Herausforderung dar. Der Auslöser scheint ein Image- und damit auch Kommunikationsproblem zu sein. Der Standort selbst bietet jungen Menschen nicht die Infrastruktur und Lebensumgebung, die sie bevorzugen und versäumt es, seine Vorzüge für ältere Arbeitnehmer mit Familien zu kommunizieren.

Zusätzlich nehmen die Arbeitnehmer die Karrieremöglichkeiten in ortsansässigen Unternehmen offenbar gar nicht oder nur bedingt wahr. Die Jungen verlassen sogar die Region zum Start ins Berufsleben. Die Folge ist eine Überalterung – heute sind über die Hälfte der Einwohner des Landkreises über 45 Jahre alt.

Rainer Beyer, der MEKOM-Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Eckold GmbH & Co. KG ist, formuliert die daraus erwachsende Aufgabe so: „Wir müssen jungen Menschen Perspektiven und Möglichkeiten aufzeigen, um sie in die Region zu holen. Zusätzlich müssen wir aufpassen, dass uns die ortsansässigen nicht weglaufen.“

Detlev Seidel, der Geschäftsführer der Piller Power Systems GmbH, ergänzt: „Im stärker werdenden Wettbewerb um qualifiziertes Personal müssen wir die Region interessanter machen.“ Die Infrastruktur und Lebensbedingungen in Stadt und Landkreis können die Unternehmen allerdings nur mittelbar, zum Beispiel durch Unterstützung kultureller, sozialer und sportlicher Projekte, beeinflussen. Die Optimierung der Kommunikation hingegen liegt direkt in ihrer Hand.

Dazu Rainer Beyer: „Wir haben wirtschaftlich einiges zu bieten, wir müssen diese Leistungsfähigkeit aber auch nach außen tragen.“ Leistungsfähig sind eindeutig die Unternehmen des Produzierenden Gewerbes, die mit knapp 67.000 Euro Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigem im Landkreis im Jahr 2006 immerhin 13 Prozent über dem Bundesdurchschnitt lagen. Und viele Unternehmen in und um Osterode sind, unabhängig von ihrer Branchenzugehörigkeit, in ihren Märkten überaus erfolgreich – regional, national und weltweit. Bei näherem Hinsehen zeigen sich sowohl bei den Familien- als auch bei den Konzern zugehörigen Unternehmen zwei Hauptfaktoren für diesen Erfolg: unbedingte Kundenorientierung und hohe Innovationskraft.

Ein gutes Beispiel für optimale Kundenorientierung und weltweiten Markterfolg ist die Alfred Galke GmbH, ein Familienunternehmen aus Gittelde. Galke ist eines der wenigen Unternehmen in Deutschland, das nicht nur mit Kräutern, Gewürzen, Tee und pflanzlichen Rohstoffen handelt und diese veredelt, sondern Kunden auch bei der Produktentwicklung unterstützt. „Wir können den gesamten Entwicklungsprozess fachlich begleiten“, so Geschäftsführer Hartmut Galke.

Eine besondere Stärke sei zudem, dass das Unternehmen keinen Schwerpunkt im Sortiment habe, sondern ein in Europa einzigartiges Produktportfolio mit rund 1.000 Rohstoffen aus konventionellem und 600 aus kontrolliert-biologischem Anbau anbieten und jeden Kundenwunsch erfüllen könne. Die Entwicklung der Alfred Galke GmbH beeindruckt: Noch vor 50 Jahren wurde aus Gittelde nur der Westen Deutschlands beliefert. Heute liegt der Exportanteil bei 45 Prozent. Neben West- und Osteuropa kommen die rund 5.000 gewerblichen Kunden unter anderem aus Japan, Südafrika und Israel.

Mit 75 Prozent weist auch die Piller Power Systems GmbH, die zur britischen Langley Gruppe gehört, eine überdurchschnittliche Exportquote auf. Mit Anlagen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV-Anlagen) erwirtschaftete Piller mit 800 Mitarbeitern im Jahr 2007 einen konsolidierten Umsatz von über 200 Millionen Euro. Die Osteroder sind im Bereich der Anlagen mit mehr als 200 Kilovoltampere der fünftgrößte Hersteller der Welt.

„Wir legen, neben der Qualität unserer Produkte, vor allem Wert auf einen optimalen Service. Alle Techniker weltweit werden bei uns in Osterode geschult und von einem verantwortlichen Service-Manager geführt“, erläutert Geschäftsführer Detlev Seidel. So ist auch Piller ein Beispiel für eine gelungene Kundenorientierung. Eine weitere Stärke der Unternehmen aus Osterode ist ihre Innovationskraft, die durch zahlreiche Preise belegt ist. So ist die Wilhelm Eisenhuth GmbH KG Preisträger des diesjährigen Innovationswettbewerbes des Network of Automotive Excellence (NoAE).

NoAE ist überregionaler AutomotivePartner von „Kompetenznetze Deutschland“, einer Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und zeichnet Firmen, Institute, Forschungseinrichtungen, aber auch Einzelpersonen für innovative Ideen aus. Eisenhuth konnte sich mit der Entwicklung einer flexiblen Brennstoffzellen-Bipolarplatte durchsetzen. Mit 50 Mitarbeitern ist das Unternehmen um Geschäftsführer Thorsten Hickmann auf Werkzeugbau, Kleinserienfertigung und die Herstellung von Brennstoffzellen-Komponenten spezialisiert.

Preisgekrönt ist auch die Frötek-Kunststofftechnik GmbH, die sich wiederholt unter den Top 100 der innovativsten Unternehmen platzieren konnte. Frötek hat sich als Systemlieferant für Industriebatterien am Markt behauptet und ist gleichzeitig weltweit einer der bedeutendsten Produzenten und Entwickler von Verbindersystemen.

Als Automotive-Zulieferer verarbeitet Frötek Hochtemperaturwerkstoffe für Kunden wie VW, Audi und BMW. Auf Innovation und Kundenorientierung setzt auch die Zuelch Industrial Coatings GmbH. „Wir produzieren bereits heute über 65 Prozent wasserverdünnbare und umweltfreundliche Farben“, macht Geschäftsführer Hanns-E. Zülch klar.

Für industrielle Verabeiter von Farben, Lacken und Anstrichstoffen entwickelt und produziert Zülch mit seinen Mitarbeitern spezialisierte Beschichtungsstoffe. „Wir entwickeln für unsere Kunden allerdings nicht nur die Beschichtungsstoffe selbst, sondern maßgeschneiderte Lösungen für deren Applikation und Trocknung“, so Zülch weiter. Dazu arbeite das Unternehmen mit einem Anlagenbauer zusammen. Die Kunden kommen unter anderem aus der Automobil- oder der Kinderspielzeugindustrie.

Als Standortvorteil für Osterode sieht Hanns-E. Zülch die Wirtschaftsnähe von Bürgermeister Klaus Becker und von Landrat Bernhard Reuter: „Herr Becker kommt aus der Wirtschaft und weiß, was wir brauchen. Und Landrat Reuter ist in der Region und bis in die Metropolregion gut vernetzt und unterstützt die lokalen Unternehmen nach Kräften.“ Gerade für die Erschließung von Auslandsmärkten hätten sich außerdem Delegationsreisen mit Wirtschaftsminister Walter Hirche bewährt.

Mit Frötek und Eisenhuth verbindet Zuelch Industrial Coatings nicht nur die Innovationskraft. Zusammen mit der KKT Frölich GmbH, einem Anbieter für Spezialbaugruppen aus Gummi-, Silicon- und Kunststoffverbundteilen und der Gruppe Heat GmbH bilden die drei Unternehmen den Harzpool. „Der Harzpool ist ein Zusammenschluss regionaler Automotive-Zulieferer. Mit der Dachmarke streben wir eine Stärkung der Region und der beteiligten Firmen an“, erläutert Sven Vogt, Geschäftsführer der KKT Frölich GmbH, den Ansatz.

Auf der IZB, der Internationalen Zuliefererbörse für die Automobilindustrie in Wolfsburg, war der Harzpool deshalb mit Unterstützung von MEKOM vom 29. bis 31. Oktober mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Sven Vogt: „Wir sind auf einem sehr guten Weg. „Im Gespräch mit Henning Willig, dem Geschäftsführer der Maximator GmbH, zeigt sich ein weiterer Standortvorteil Osterodes, den Unternehmen einfach nur nutzen müssen: Die Region bietet eine leistungsfähige Hochschullandschaft.

„Mit den Hochschulen, vor allem der TU Clausthal-Zellerfeld, der Hochschule Harz in Wernigerode und der FH in Nordhausen arbeiten wir eng zusammen. Wir vergeben Forschungsaufträge und kooperieren bei Neu- und Weiterentwicklungen“, so Willig.

Maximator ist Spezialist und führender Lieferant in der Hochdruck- und Prüftechnik sowie im Umfeld der Hydraulik und Pneumatik. „Wir liefern unter anderem Komponenten für die Öl- und Gasindustrie und für den Maschinenbau. Komplettsysteme verkaufen wir primär an Fahrzeughersteller und deren Zulieferer“, beschreibt Willig. Rund 50 Prozent des Umsatzes von 37,9 Millionen Euro im Jahr 2007 erwirtschaftete das Unternehmen durch das Exportgeschäft.

Als Teil der Schmidt Kranz Gruppe und mit 13 Tochterunternehmen und weltweit 50 Vertretungen ist Maximator weltweit aufgestellt. Betrachtet man diesen Querschnitt durch die Unternehmen am Wirtschaftsstandort Osterode, fällt das Fazit eindeutig aus: Die Wirtschaft der Region ist leistungsfähig, national und international, durch Innovation und Kundenorientierung.

Und offenbar wird auch der Standort Osterode nicht richtig wahrgenommen. „Wir dürfen nicht alles schlecht reden. Der Landkreis Osterode ist besser als seine Selbstdarstellung und sein Ruf“, sagt der MEKOM-Vorstandvorsitzende Rainer Beyer dazu. Richtig: Die Kommunikation muss stimmen.