©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Der Filmstar Göttingen will wieder eine Hauptrolle spielen! Nach dem offiziellen Startschuss im August 2019 nimmt die Initiative, die die Stadt wieder als Drehort etablieren möchte, richtig Fahrt auf. Initiator und Regisseur Sven Schreivogel gewährt einen besonderen Blick hinter die Kulissen.

Erste Szene: Beim Casting

„Okay, kommen Sie mal näher“, sagt der Produzent und winkt Göttingen heran. „Und nun zeigen Sie mal, was Sie draufhaben! Was ich sehen will, ist Ihr ganz eigenes Profil!“

Göttingen legt los. Gekleidet in einen Hosenanzug gestikuliert sie dozierend an einer Tafel, streift sich dann einen Arztkittel über und gibt sich mit hochgezogener Augenbraue voll intellektuell. Schreitet geraden Schrittes durch den Raum, schlüpft ruckzuck in Jeans und T-Shirt, lehnt sich lässig an eine Kneipentür, fingert eine Praline aus ihrem Rucksack. „Na, wie war ich?“ fragt sie schüchtern.

„Hm, nicht schlecht“, kontert der Produzent. „Aber ganz ehrlich: etwas wissenschaftlich. Außerdem haben Sie weder Berge noch Meer, sondern Sie liegen – wie viele andere Städte auch – zwischen grünen Hügeln. Räkeln sich zwischen Harz, Solling und Weserbergland rum und meinen, das genügt? Da muss schon mehr kommen.“

„Naja“, Göttingen streckt sich. „Ich bringe auch jede Menge Berufserfahrung mit. In der Nachkriegszeit war ich viele Jahre ein großer Filmstar. Für den Film ‚Harder und die Göre‘ wurde vor einiger Zeit aus meinem kleinen Kiessee schon ein großes Auto geborgen. Ich bin Spielplatz für die ‚Göttinger Sieben‘-Kinderkrimis und habe sogar im Tatort meine mörderische Seite gezeigt“, zählt Göttingen auf und setzt mit einem vielversprechenden Blick nach, „bei dem sich eine Kommissarin aus Hannover in mich verliebt.“

„Lassen Sie doch die Gefühlsduselei!“ Der Produzent schüttelt den Kopf. „Überzeugen Sie mich lieber mit Ihren Talenten. Also, wie sieht’s aus?“ Göttingen tippt dem Produzenten auf die Brust und sagt selbstbewusst: „Ach wissen Sie, Eigenlob ist meine Sache nicht. Aber mein Agent Sven Schreivogel erzählt Ihnen gerne von meinen besonderen Vorzügen.“

Zweite Szene: In der Lobby

Tief im Sessel versunken sitzt der Produzent dem Regisseur, Autor und Journalist Sven Schreivogel gegenüber, der auf einem Stuhl Platz genommen hat. „Sie sind also derjenige, der die Filmstadt Göttingen recherchiert hat und sie federführend wieder ins Gespräch bringt“, sagt der Produzent und nickt auffordernd. „Also schießen Sie mal los, wie war das mit der  Berufserfahrung? Aber lassen Sie mal Heinz Erhardt beiseite, die Story kenne ich“, sagt der Produzent und gähnt. Enttäuscht holt Schreivogel Luft: „Okay, trotzdem nur kurz zum Verständnis. 1946 haben Rolf Thiele und Hans Abich die ehemaligen Versuchshangar der heutigen DLR gekauft, daraus den damals modernsten Studiokomplex gebaut und die ‚Göttinger Filmaufbau‘ gegründet. In den 1950er-Jahren sind hier über 100 Spielfilme gedreht worden. Tja, und ab den 1960er-Jahren wechselten die Filmleute in Großstädte wie Hamburg und München.“

„Und kaum einer kennt mehr die Filmstadt Göttingen“, sagt der Produzent und zieht die Augenbrauen hoch. Schreivogel zuckt mit den Schultern: „Ich weiß. Selbst hier wissen nur wenige, dass das ehemalige Atelier noch auf dem Sartorius Campus existiert.“ Er lächelt. Gegen das Vergessen plant er gemeinsam mit anderen Akteuren, am 23. August 2023 – zum 75. Gründungsjahr –eine Dauerausstellung zu eröffnen. Wo diese ihren Platz findet, wissen wir noch nicht, doch die Gespräche mit Ernst Böhme, dem Leiter des Stadtarchivs Göttingen, und der Stadt verlaufen sehr positiv.“ Der Produzent nickt anerkennend.

Schreivogel raunt: „Wussten Sie, dass das ZDF Anfang der 1960er-Jahre kurz überlegt hatte, seine Sendezentrale hier aufzubauen, aber die Zonenrandlage scheute?“ – „Verstehe, Feind hört mit“, flüstert der Produzent augenzwinkernd. Schreivogel beugt sich vor: „Genau. Aber mittlerweile ist dieser Nachteil dem Vorteil gewichen, dass wir hier nun in der Mitte Deutschlands sind.“ – „Gut erreichbar“, nickt der Produzent, „trotzdem kennt man Göttingen nur vom Durchfahren.“ – „Das stimmt“, seufzt Schreivogel. „Deshalb hier die Sedcards für einen genaueren Blick.“ Er  fächert sie nebeneinander auf dem Beistelltisch auf. „Gründerzeitvillen, großstädtisches Flair, ländliche Idylle, urbaner Chic. Historischer Charme und zeitgemäßer Look bieten für jeden Kulissenwunsch das Passende!“ Schreivogel richtet sich auf: „Wissen Sie was? Wir gehen jetzt einfach mal zum Deutschen Theater.“

Dritte Szene: Platz vor dem Deutschen Theater

„Ach, hier ist ja auch der Kreisel aus dem Erhardt-Film! Na, das war ja mal wirklich ein kurzer Weg“, sagt der Produzent feststellend. Er und Schreivogel sehen sich um. „Das ist ja das Tolle an dieser Stadt. Alles dicht beieinander und selbst Angelika Daamen, Geschäftsführerin des Göttingen Tourismus e. V., und Stadträtin Petra Broistedt, Dezernentin für Soziales und Kultur, sind leicht erreichbar.“ Schreivogel zeigt in die entsprechenden Richtungen. „Übrigens sehr kompetente Ansprechpartnerinnen, die die Initiative Filmstadt wohlwollend unterstützen.“ Der Produzent lächelt: „Gut zu wissen.“ Sein Blick fällt auf die Fassade des Theaters: „Ah hier, auch ein geschichtsträchtiger Ort voll interessanter Begebenheiten und Persönlichkeiten“. Schreivogel kontert: „Richtig. Und mit der hiesigen Theaterwelt ergäben sich tolle Synergieeffekte. Bühnenbauer, Kulissenmaler könnten gemeinsam ausgebildet und beschäftigt werden.“

Der Produzent klopft ihm auf die Schulter. „Jetzt kommen wir zum wirtschaftlichen Vorteil für Ihre Stadt. Gut so. Sie sprachen schon das Handwerk an. Es profitieren die lokalen Händler, denn wir brauchen Requisiten und eigenen Bedarf, der belebende Tourismus kommt der Gastronomie und Hotellerie zugute. Wir bringen also Geld in die Stadt, zeigen, dass es noch anderes  Schönes hier gibt außer Wissenschaft und Medizin und polieren das Image der Stadt auf – was ganz nebenbei der Wirtschaft hilft, Fachkräfte zu gewinnen. Und Sie sorgen für die Infrastruktur. Das nenne ich Win-win!“ Er blickt Schreivogel an, der versonnen neben ihm in den Himmel blickt. „Ach“, fährt er fort: „Und am Ende – lassen Sie mich raten – denken Sie sogar an ein großes  Filmstudio, so wie bei Abich und Thiele.“ Langsam senkt Schreivogel seinen Kopf, seine Augen glänzen. „Ja, das wäre natürlich ein Traum!“

Vierte Szene: Auf dem Weg zur Besetzungscouch

Im Juni 2020 treffen sie sich vor dem neu errichteten Programmkino des Lumière in der Bürgerstraße wieder. Der Produzent schüttelt Schreivogels Hand. „Ich muss schon sagen, Göttingen gefällt mir immer besser“, sagt er. „Aber nun kommen wir mal zum Wesentlichen. Warum bin ich dieses Mal hier?“ Er steckt sich eine Zigarette an, bläst Rauchwolken direkt in Schreivogels Gesicht. Dieser zuckt kurz, kneift seine Augen zusammen und raunt: „Sie wollen doch Stoff. Den können wir liefern. Beste Qualität!“ Wie auf ein Stichwort nähern sich Regisseur Patrick Caputo, die Schauspielerinnen Katja Frenzel (beide ‚Rote Rosen‘) und Natalie O’Hara (‚Der Bergdoktor‘), eine TV-Produzentin aus Berlin und Jan Reinartz vom Jungen Theater. Schreivogel erklärt: „Wir haben verschiedene Inhaltsstoffe filtriert und mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen experimentiert. Jetzt haben wir den Stoff, den Sie sonst nirgends finden. Lassen Sie sich überraschen!“ – „Na, dann zeigen Sie mal her“, antwortet der Produzent.

„STOP! So geht das nicht,“ Schreivogel stolpert ins Skript. „Die Szene ist doch noch gar nicht fertig. Das ist doch noch Zukunftsmusik!“ Oh, sorry, da ist die Fantasie schon mit mir  durchgegangen. Da müssen Sie auf die Fortsetzung warten. Aber versprochen: Es bleibt spannend!

Übrigens: Der Produzent ist vielleicht eine Frau, Göttingen ein Mann oder ganz anders. Hauptsache, die beiden finden sich, machen zusammen ganz viele Filmchen, „am besten in Serie“, ruft Schreivogel dazwischen. Und alle sind am Ende happy – auch Sie.