Text von: Elena Schrader

Andrea Ruhstrat ist Unternehmerin kraft Erbe – „Aber eigentlich bin ich Unternehmerin aus Überzeugung.“ – Ihr Vater, im Jahr 1961 relativ früh verstorben, hinterließ ihr das Unternehmen Ruhstrat Haus- und Versorgungstechnik GmbH in Göttingen.

Andrea Ruhstrat ging damals noch zur Schule, und nach einer sehr komprimierten Ausbildung übernahm sie 1970 die alleinige Geschäftsführung. Heute steht sie nicht mehr in der ersten Reihe und hat sich aus dem aktiven, täglichen Geschäft zurückgezogen. Schwierige Fälle, persönliche Mitarbeiterbetreuung und die Pflege guter Geschäftskontakte gehören dank ihrer 44 Jahre Berufserfahrung – neben zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten und Posten – allerdings nach wie vor zu ihrem Tagesgeschäft.

Frau Ruhstrat, wie war es damals für Sie, in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten?

Ich war noch ziemlich jung, 25 Jahre, das war sicherlich nicht ganz einfach. Damals hatten wir um die 80 Mitarbeiter, die bis zu diesem Zeitpunkt nur von einer Herrenriege geführt wurden. Heizung, Sanitär, Lüftung, Elektro – das war bis dahin eigentlich eine reine Männerdomäne. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich da allein bin oder dass ich als Frau nicht akzeptiert werde. Ganz im Gegenteil, ich bin eigentlich immer unterstützt, gefordert und damit auch gefördert worden.

Welche Eigenschaften sollte man für diese Branche mitbringen?

Offenheit und Ehrlichkeit. Sicherlich, mein Vater hat mich sehr früh an Technik herangeführt, und so habe ich auch technisches Verständnis mitbekommen. Das hat hier im Betrieb auch schon so manchen erschreckt, wenn ich ihm den Schraubenzieher aus der Hand genommen habe. Oder auch den Schweißbrenner, da haben sie am meisten geguckt.

Hat sich für Frauen in der Branche im Vergleich zu früher etwas geändert?

Erst einmal ist der Frauenanteil größer geworden. Wir sorgen ja auch dafür. Daniela, meine Schwiegertochter, ist inzwischen in meine Fußstapfen getreten. Vielleicht sind jetzt alle auch etwas offener gegenüber Frauen. Wobei es im Verhältnis natürlich immer noch wenige Frauen sind. Ich glaube übrigens nicht, dass dieses Thema durch eine Quote geregelt wird. Es gibt für manche Berufe – speziell in unserer Branche – eben einfach wenige Frauen, die es machen wollen. Außerdem: Wer das Ziel hat ,Ich will mehr‘, der kommt auch dahin. Jeder Mensch muss sich beweisen, ob männlich oder weiblich… (kurze Gedankenpause)… Und dann weiß er auch, dass er das eine oder andere vielleicht vernachlässigen muss. Dabei hatte ich nun ja noch das Glück, dass ich letztendlich noch Familie bekommen habe, indem ich meinen Neffen Steven adoptiert und dadurch einen Sohn, eine Schwiegertochter und zwei Enkel gewonnen habe.

Hat es Ihnen schon einmal geholfen, eine Frau zu sein?

Da bin ich ganz sicher! Als Frau kann man manchmal ein bisschen mehr sagen. Vielleicht auch auf eine, ja, liebenswürdigere, weibliche Art. Ich denke, dass man doch hier und da auch seine Vorteile hat… (lacht)…ihre Vorteile hat, die Frau.

Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede in den Führungsstilen von Männern und Frauen?

Oh ja, die gibt es ganz bestimmt. In den 20 Jahren, die ich jetzt mit meinem Sohn zusammenarbeite, hat es noch nie eine totale Konfrontation gegeben. Aber unsere beiden Führungsstile sind schon etwas anders. Mein Sohn ist sicherlich härter…(kurze Gedankenpause)… Vielleicht war ich das aber auch in jüngeren Jahren, sonst hätte ich mich nicht so durchsetzen können. Und vielleicht bin ich nun nur ein bisschen ,aufgeweicht‘ (lacht). Ich weiß jedoch nicht, ob ein bestimmter Stil unbedingt männlich oder weiblich ist. Jeder hat so seinen Führungsstil, und der wird durch den Alltag geformt.

Eine Chefin als Vorgesetzte. Macht das für Mitarbeiter einen Unterschied?

Zunächst einmal hat man sowieso ein differenziertes Verhältnis zum anderen Geschlecht, das ist nur natürlich. Es ist gut möglich, dass eine gewisse Achtung vor dem weiblichen Geschlecht bei den Herren mit im Spiel ist. Ich bin allerdings auch ganz sicher, dass die Frage ,Was will die denn hier?‘ mich in den ersten Jahren, Jahrzehnten begleitet hat. Aber dann kommt es darauf an, wie man sich gibt, sich darstellt…

…sich beweist?

Ja, als Frau muss man sich beweisen. Als ich jung im Unternehmen war, konnte ich von meinem Büro aus auf den Hof unseres Lagers schauen. Einmal sah ich, dass ein Mitarbeiter nach zehn Minuten immer noch mit dem Lkw über den Hof rangierte und versuchte, ihn irgendwo abzustellen. Da bin ich runtergegangen und habe gesagt: „Geh mal raus. Ich mach das.“ Dann habe ich ihn in zwei Zügen da hingestellt, wo er hinmusste. Das ging in einer Stunde wie ein Lauffeuer durch die ganze Firma. Es war eine Kleinigkeit, aber die Wirkung war: ,Mensch, die packt mit an. Die ist sich für nichts zu gut. Und die kann das auch.‘ Das ist sicher für einige Mitarbeiter das Schlüsselerlebnis gewesen und für mich auch. Das sind Handwerker, die arbeiten jeden Tag mit ihren Händen, und da habe ich eben auch den Kittel und die Jeans angezogen und mich auf den Lkw gesetzt, auch mal auf den Gabelstapler. Den fahre ich aber heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr selber, obwohl es mir immer sehr viel Spaß gemacht hat…(lacht).

Und wie sieht es heute mit dem Nachwuchs, den jungen Mädchen, aus?

Interesse an Technik ist da, bei Jungen wie bei Mädchen. Das muss aber schon früh gefördert werden. Ich glaube, es war auch in meiner Kindheit ganz, ganz wichtig, dass mein Vater mich da herangeführt hat. Er hat mir mit 16 Jahren ein Moped geschenkt bzw. die Klingel. Dann habe ich natürlich überall nach dem Moped gesucht. Ich habe es nirgendwo gefunden. Da sagte mein Vater: „Wir gehen jetzt mal in den Keller.“ Da lag ein großes Laken mit tausend Teilen. Er sagte: „Wenn du es fahren willst, dann musst du es erst zusammenbauen.“ Wir haben das Moped gemeinsam zusammengeschraubt. Das war toll!

Haben Sie einen Tipp für junge Frauen, die in Führung gehen wollen?

Ich kann nur immer sagen: Mut zeigen! Offen sein! Keine Scheu haben, auch mal Dinge zu tun, Themen anzufassen, mit denen man vorher überhaupt nicht in Berührung gekommen ist oder die nicht in das bisherige Klischee hineinpassen. Denn so ist es eben: Man wird schnell in eine Schublade gesteckt. Und dann muss man auch wieder den Kopf aus der Schublade herausziehen und sagen: ,Ich mache jetzt mal was anderes!‘ Vielen Dank für das Gespräch!