Mittendrin,….statt nur dabei

© Kloster Walkenried
Text von: redaktion

Ob Neuzeit, Mittelalter, Antike oder gar die frühe Urzeit: Geschichte wird in Südniedersachsen mit enem regionalen Bezug erfahrbar und teilweise in einer vielseitigen Museumslandschaft sichtbar.

„Göttingen – Stadt, die Wissen schafft“ – mit diesem Slogan werben Stadt und Universität schon seit geraumer Zeit. Doch auch um die Wissensvermittlung an ein breiteres Publikum ist es in der Region – zumindest was die Historie anbelangt – dank einer vielseitigen Museumslandschaft schon jetzt blendend bestellt.

In Zukunft könnte das Angebot sogar noch breiter sein, sind doch einige museale Projekte an Originalschauplätzen erst in Vorbereitung.

Vozeigemuseum

Orientieren werden sich die Planer sicher an einem der Vorzeigemuseen in der Region, dem Grenzlandmuseum Eichsfeld, das erst im vergangenen Jahr für etwa 3,5 Millionen Euro modernisiert wurde. Direkt am ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang Duderstadt-Worbis gelegen, informiert die Mahn- und Erinnerungsstätte bereits seit 1995 über die Geschichte der deutschen Teilung.

Anlässlich mehrerer Jahrestage, wie 20 Jahre Mauerfall und Deutsche Einheit in den Jahren 2009 und 2010 sowie 50 Jahre Mauerbau in diesem Jahr, sei es an der Zeit gewesen, konzeptionell was zu ändern, sagt Ben Thustek, Pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums.

„Wir haben uns dabei vor allem Gedanken um die Adressaten gemacht, die vor 15 Jahren eher Zeitzeugen waren. Heute dagegen haben viele Besucher schon gar keine Erinnerungen mehr an die Grenze“, erklärt Thustek.

Daher setzten die Verantwortlichen bei der Umgestaltung einen größeren Schwerpunkt auf Visualität, um die Entwicklung der innerdeutschen Grenze, vom ersten Grenzzaun in den Nachkriegsjahren bis zur nahezu perfekten Abschottung in den achtziger Jahren, klar werden zu lassen, wie auch die Folgen für Natur und Menschen im Grenzgebiet.

So führt unter anderem ein Spiegelkabinett in die Thematik „innerdeutsche Grenze“ ein, illustrieren über 1.000 Bilder das Leben am „Zaun“ und sprechen Zeitzeugen in einer Vielzahl von filmischen Interviews über ihre Erfahrungen mit dem geteilten Deutschland. Ein Augenmerk wird dabei auf das Eichsfeld gelegt, das, als über Jahrhunderte zusammengewachsene katholische Enklave in Norddeutschland, besonders unter der Grenzziehung zu leiden hatte.

Finanziert wurden die Umbaumaßnahmen gemeinschaftlich durch die Länder Niedersachsen und Thüringen sowie die Sparkassenstiftung und die Stiftung Aufarbeitung.

Museales Großprojekt

Finanzierung ist auch das Stichwort für ein museales Großprojekt in der Region, das Grenzdurchgangslager Friedland. Denn ob die Gelder dafür vom Land bereit gestellt werden, ist noch nicht sicher.

„Friedland ist uns ein wichtiges Anliegen“, beteuert Vera Wucherpfennig, Pressesprecherin im niedersächsischen Innenministerium, „doch zunächst müssen die politischen Gremien über die Finanzierung entscheiden.“ Dies wird Ende des Jahres der Fall sein.

Sollten die Gelder bewilligt werden, könne zunächst einmal der erste Bauabschnitt realisiert werden, in dem u. a. der symbolträchtige Bahnhof des Lagers gekauft, saniert und museumstauglich gemacht werden solle, führt Wucherpfennig aus. Dafür sind fünf Millionen Euro nötig. Anschließend werden noch einmal 10 bis 15 Millionen fällig, um das mehrstufige Museumskonzept Realität werden zu lassen.

Realität werden könne dann auch ein gemeinsam auftretender Museumsverbund mit dem Schwerpunkt der neueren deutschen Geschichte, meint Vera Wucherpfennig, der eine Zusammenarbeit zwischen dem Grenzlandmuseum Eichsfeld, dem Lager Friedland und zudem der KZ-Gedenkstätte Dora-Mittelbau in der Nähe von Nordhausen vorschwebt.

In dem ehemaligen Außenlager des KZ-Buchenwalds wird dem Schicksal zehntausender Zwangsarbeiter aus ganz Europa gedacht, die hier die für das Nazi-Regime in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten und unter anderem an der Fertigung von V2-Raketen beteiligt waren. Darüber hinaus würde sich die KZ-Gedenkstätte Moringen nahtlos in einen solchen Museumsverbund einfügen.

Dabei lägen die Vorteile nicht nur bei der Möglichkeit eines gemeinsamen Werbens.

Museumsverbund

Ben Thustek, der, neben seiner Tätigkeit beim Grenzlandmuseum, hauptberuflich am Eichsfeld Gymnasium in Duderstadt lehrt, kann sich vorstellen, dass es für Schüler und andere Menschen aus der Region, aber auch für Touristen, überaus spannend sein könnte, nacheinander in geringen Entfernungen etwas über die wichtigsten Kapitel deutscher Geschichte zu erfahren.

„Vielleicht merken dann einige, dass sie dafür ja gar nicht nach Berlin fahren müssen, sondern es direkt vor der Haustür vorfinden“, glaubt Ben Thustek. Ähnlich sieht das auch der Leiter der der KZ-Gedenkstätte Moringen, Dietmar Sedlaczek, der sagt: „Die Attraktivität besteht in der Konfrontation mit der – wie es der Historiker Habbo Knoch von der Uni Göttingen ausdrückt – ‚nahen Tat’, die also nicht an fernen Orten geschah, sondern in der Nachbarschaft, im Zentrum einer Kleinstadt.“

Ein solcher Erinnerungsort sei daher auch immer in seiner unmittelbaren Umgebung verwurzelt, sagt Ben Thustek und appelliert daran, historische Stätten ganzheitlich zu erfahren. „Das heißt, dass ich mir natürlich erst einmal einen Eindruck im Museum mache, aber dann im Fall des Grenzlandmuseums auch noch mal nach draußen zum ‚Zaun’ gehe oder sogar nach Duderstadt fahre.“

Ähnliches schwebt dem Kreisarchäologen Klaus Grote für das Römerlager bei Hedemünden vor, über dessen zukünftige touristische Nutzung gerade eine Machbarkeitsstudie entscheidet. Grotes Vorschlag dazu wäre, das Lager so zu belassen, wie es jetzt ist, und die Funde im Museum in Hann. Münden auszustellen. „Auf diese Weise schauen sich die Touristen erst den historischen Ort an und fahren dann in die Stadt. Man hätte ein wunderbares Tandem geschaffen“, findet Grote.

Problematisch ist allerdings, dass es sich beim Römerlager um ein reines „Bodendenkmal“ handelt, der Besucher also auf den ersten Blick nichts sieht. Landrat Reinhard Schermann, der die Studie in Auftrag gegeben hat, will daher in das Lager investieren: „Das Museumskonzept, das ich mir vorstelle, soll über die übliche Präsentation von Exponaten mit entsprechenden Beschreibungen deutlich hinausweisen“, sagt der scheidende Landrat und meint damit, das Leben der Römer, zum Beispiel durch den Nachbau des Lagers, „erlebbar“ zu machen.

Egal, für welchen Weg sich die politischen Entscheidungsträger schließlich entscheiden werden, denkbar wäre in jedem Fall eine zukünftige Kooperation mit dem Harzhorn bei Kalefeld, wo vor drei Jahren ebenfalls sensationelle Entdeckungen zur römischen Geschichte auf deutschem Boden gemacht wurden. Neben einem musealen Zentrum für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert könnte so noch ein zweites für die der Römer in Südniedersachsen entstehen.

Top-Museen

Während dies jedoch alles Zukunftsmusik ist, sorgen im Landkreis Osterode am Harz zwei absolute Top-Museen schon jetzt für Begeisterung bei den Besuchern: Das „ZisterzienserMuseum“ im Kloster Walkenried, das im Jahr 2006 seine Pforten öffnete und das zwei Jahre später eingeweihte „HöhlenErlebnisZentrum“ an und in der Iberger Tropfsteinhöhle.

Beide Museen ziehen ihre Attraktivität vor allem daraus, dass sie direkt in dem Objekt integriert sind, über das sie informieren. So lernt der Besucher im Klostermuseum an den fast 900 Jahre alten Originalschauplätzen auf interaktive Weise das Leben und Wirken der Walkenrieder Mönche kennen.

Auf eine noch viel größere Zeitreise werden die Gäste in der 10 Millionen Jahre alten Tropfsteinhöhle im Iberg bei Bad Grund, der einst als Korallenriff in der Südsee entstand, geschickt. Im angeschlossenen Museum geht es daher folgerichtig um die Geschichte der Erde, aber auch um die des Menschen. Diese wird exemplarisch an einem 3.000 Jahre alten Familienclan veranschaulicht, dessen Grab von Forschern in der Lichtensteinhöhle bei Förste in der Nähe von Osterode gefunden wurde. Per DNA-Analyse konnten die jüngsten Nachkommen dieser Familie ebenfalls im Raum Osterode ermittelt werden – eine weltweite Rarität.

So kritisch oft über die Kulturlandschaft Südniedersachsens gesprochen wird, in punkto Museen zeigt sich, dass die Region viel zu bieten hat und noch viel Potenzial für die Zukunft besitzt. Um dieses aber ausnutzen zu können, muss über Kreis- und Landesgrenzen hinweggedacht werden, wie nicht zuletzt das Beispiel des Grenzlandmuseums Eichsfeld zeigt.

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Römerlager Hedemünden / Harzhorn bei Kalefeld
Nachdem bereits vor mehr als zehn Jahren erste Probeuntersuchungen auf dem Burgberg bei Hedemünden durchgeführt wurden, konnte der Kreisarchäologe Klaus Grote im Jahr 2004 verkünden, dass am Ortsrand ein römisches Lager entdeckt wurde – und damit die ersten Spuren römischer Herrschaft in Niedersachsen nachgewiesen wurden. Die gut erhaltenen Geländeüberreste mit Wall- und Grabenbefestigungen können seit geraumer Zeit schon besichtigt werden, und auch die gefundenen Münzen und Baureste sollen bald in einem Museum zugänglich gemacht werden. Wie genau es mit dem Römerlager weitergehen soll, darüber wird eine Machbarkeitsstudie Ende Juni Aufschluss geben, die von Landrat Reinhard Schermann in Auftrag gegeben wurde. Ein weiterer sensationeller Fund römischer Geschichte in Südniedersachsen stellt die Römerschlacht am Harzhorn dar. Erst vor etwa drei Jahren konnten hier Archäologen das Schlachtfeld in der Nähe von Kalefeld als solches identifizieren. Dennoch werden bereits seit vorigem Jahr Führungen am Originalschauplatz angeboten.
www.goettingerland.de/roemerlager
www.roemerschlachtamharzhorn.de

KZ-Gedenkstätte Moringen
Lange im allgemeinen Bewusstsein verdrängt und auch von der Wissenschaft nicht beachtet, machten sich Moringer Bürger Anfang der achtziger Jahre daran, der düsteren NS-Geschichte ein südniedersächsisches Kapitel anzuhängen. Denn in der Kleinstadt westlich von Northeim wurden in der NS-Zeit gleich drei Konzentrationslager errichtet. Erst eines für Männer, dann eines für Frauen und schließlich eines für Jugendliche, das erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges aufgelöst wurde und in dem NS-Rassenbiologen pseudowissenschaftliche Untersuchungen durchführten. 1993 wurde in Moringen eine Gedenkstätte gegründet, die über eine ständige Ausstellung verfügt und in der Führungen, Vorträge und andere Veranstaltungen
stattfinden.
geöffnet: mittwochs 14-17 Uhr
www.gedenkstaette-moringen.de

Grenzdurchgangslager Friedland
Im September 1945 gründete die britische Besatzungsmacht das Lager, um Flüchtlinge und Vertriebene, später auch Kriegsgefangene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten aufzunehmen. In der jüngeren Vergangenheit diente Friedland als erste Anlaufstelle für Spätaussiedler, Flüchtlinge aus der DDR, aber auch aus Ungarn, Chile, Vietnam und Irak. Um seiner enormen historischen Bedeutung Rechnung zu tragen, wurde ein mehrstufiges Museumskonzept erarbeitet. Nun ist es an den politischen Gremien des Landtages, Gelder in Höhe von fünf Millionen Euro bereitzustellen, um die erste Bauphase, die für das nächste Jahr geplant ist, realisieren zu können.

Klostermuseum Walkenried
Das „ZisterzienserMuseum“ Kloster Walkenried wurde im Jahr 2006 eröffnet und gilt als eines der größten Klostermuseen Europas. In den Gebäuden (Kreuzgang, Brunnenhaus etc.) können sich die Besucher ein Bild vom Leben und Wirken der Mönche im Mittelalter machen, das durch visuelle und akustische Inszenierungen untermalt wird. Dabei werden die Zisterzienser nicht nur als tiefgläubige Kirchenmänner dargestellt, sondern zugleich als clevere Geschäftsleute, deren Betrieb oft verblüffende Parallelen mit einem modernen Unternehmen aufweist.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr
www.kloster-walkenried.de

HöhlenErlebnisZentrum
Direkt an der Iberger Tropfsteinhöhle bei Bad Grund öffnete im Juni 2008 das „HöhlenErlebnisZentrum“ seine Pforten. In drei Teilen wird hier die Geschichte des Planeten und der Menschen vermittelt. Im „Museum am Berg“ steht der Stammbaum einer 3.000 Jahre alten Familie im Vordergrund, die in der Lichtensteinhöhle bei Osterode-Förste gefunden wurde. Das „Museum im Berg“ wiederum veranschaulicht die Geschichte, die Geologie und Mineralogie des Ibergs, der vor 385 Millionen Jahren als Korallenriff in der Südsee entstand. In einer Führung erkundet der Besucher schließlich die Höhle selbst und erfährt noch mehr über ihre Geschichte.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr
(Juli, August, Oktober auch montags)
www.hoehlen-erlebnis-zentrum.de