Mit Honig und Stachel

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Text von: Marisa Müller, redaktion

Honig – köstlicher Genuss und Lebenseinstellung zugleich. Das klebrige Gold steht für eine wegweisende Einstellung zu guten Produkten, Natur- und Umweltschutz sowie der Liebe zu fleißigen Bienchen, die bereits viele Südniedersachsen teilen.

Süß, klebrig, zähflüssig, goldgelb, aromatisch – für Honig gibt es viele Zuschreibungen. „Wie der Honig im Glas letztendlich aussieht, entscheiden die Bienen selbst“, erklärt Uwe Dzeia, Vorsitzender des Imkervereins Göttingen. Der 66-Jährige ist seit 32 Jahren begeisterter Imker und erkennt Honigsorten inzwischen an Geruch und Farbe.

„Rapshonig ist zum Beispiel sehr hell, hat wenige Aromen. Anders Waldhonig oder südeuropäischer Lavendelhonig – das ist eine Geschmacksexplosion“, schwärmt Dzeia, der im Jahr selbst rund 20 Kilogramm Honig isst.

Allgemein liegt der durchschnittliche Honigverbrauch in Deutschland im Jahr bei einem Kilo pro Person. Allerdings wissen die meisten kaum etwas über die Substanz, die unter den verschiedenen Labels bei Discountern und in Feinkostläden erhältlich ist.

Sortenreinen Honig gibt es selten. Allerdings sollten 60 Prozent einer Sorte im Endprodukt vorhanden sein, um dem Honig einen Namen zu geben. Rapsfeld, Streuobstwiese, Blumengarten – der Standort ist mitverantwortlich für die Ausbeute der Bienen, aber nicht zwangsläufig ausschlaggebend für deren präferierten ,Outdoor-Supermarkt‘. Im Leinetal ist die häufigste Honigsorte zum Beispiel der Frühtrachthonig. Raps- und Obstblüte,Löwenzahn, Ahorn und Weißdorn – alles, was früh blüht, ist im Honig zu finden. Für Dzeia darf es am liebsten Sommerblütenhonig sein.

„Linde, Himbeere, Wildpflanzen, Kornblume – das schmeckt phantastisch“, sagt der selbsternannte Honig-Fan.

Das Einzigartige am klebrigen Gold sind die besonderen Bestandteile, die beim Sammeln des Nektars und beim Transport in den Bienenstock in das Endprodukt gelangen. Das sind unter anderem Säuren, Enzyme und andere Eiweiße der Biene, die diese an den Nektar in ihrem Körper abgibt, bevor sie ihn weiterreicht. Dieser Prozess sorgt nicht zuletzt für die gesunde Wirkung von Honig und Bienenharz, auch Propolis genannt. Die antibiotische, antivirale und antimykotische Wirkung dieses Erzeugnisses der Bienen ist wissenschaftlich belegt.

Jeder Honig wirkt optimal gegen Bakterien und darüber hinaus sogar desinfizierend. Diese Wirkung gewinnt heute gegenüber pharmazeutischen antibakteriellen Wirkstoffen immer mehr an Bedeutung. Denn es gibt keinen einzigen Bakterienstamm, der resistent gegen Honig ist; ganz im Gegensatz zu industriell hergestellten Antibiotika. Auch das Wachstum von Kariesbakterien wird durch den Konsum von Honig verringert. Besonders heilende Kräfte werden dem neuseeländischen Manukahonig nachgesagt.

Uwe Dzeia behandelt sich selbst ebenfalls am liebsten mit dem Naturprodukt, und auch normaler Industriezucker kommt für ihn inzwischen kaum mehr in Frage – warum auch.

„Zucker erzeugt schnell wieder Heißhunger. Honig ist zwar ebenfalls süß, dieses Phänomen bleibt aber aus“, erklärt er. „Wird der Honig bei der Verarbeitungen über 40 Grad erhitzt, tötet dies die wichtigen Enzyme ab“, so Dzeia.

Insbesondere industriell abgefüllter Honig werde leider häufig erhitzt, um ihn leichter in die Gläser zu bekommen. „Die großen Abfüller kaufen überall in Europa und Übersee Honig auf, vermischen diesen und füllen dann industriell ab“, sagt auch Imkerin und Allgemeinmedizinerin Antje Meier-Kleemann, die in Herberhausen und der Region einige Bienenvölker ihr eigen nennt. Inspiriert durch Projekte der Waldorfschule, in die ihre Kinder gehen, begann die 36-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Holger Meier mit zwei Bienenvölkern. Schnell war klar: Das Hobby sollte nicht nur vor sich hin dümpeln, sondern an Ernsthaftigkeit gewinnen. Auch ihre neunjährige Tochter Khadijah besitzt inzwischen eigene Bienen.

„Die Produkte, die wir kaufen, sollten in jedem Fall regional sein. Das gilt für mein persönliches Anliegen, den Honig, aber selbstverständlich auch für andere Naturerzeugnisse“, sagt Meier-Kleemann. In einem Dorfladen in Herberhausen verkauft sie ihren Honig. „Kaum jemand greift zu den Sorten der bekannten Produzenten. Das Bewusstsein für regionale Produkte ist also schon vorhanden“, sagt sie sichtlich erfreut.

Denn die engagierte Bienenliebhaberin verfolgt klare Ziele: „Bienen sind der Anfang einer langen politischen Debatte.“ Ohne Blühflächen kein Honig, keine Bestäubung, keine Natur, keine Menschen – so das schlimmste aller Szenarien. Denn ohne die Bestäubung der Nutzpflanzen durch die Bienen wäre keine Ernte zu erwarten. 80 Prozent der Kulturpflanzen sind auf die fliegenden Helferlein angewiesen. Dies können übrigens auch andere Bienenarten übernehmen – denn neben den Honigbienen gibt es fast 600 weitere mitteleuropäischen Verwandte. Allenfalls wäre im schlimmsten Fall eine künstliche Bestäubung der Pflanzen auf dem Acker denkbar – allerdings keine langfristige Lösung. Chemische Düng- und Spritzstoffe bringen das natürliche Gleichgewicht ins Wanken. Zusammenhänge, die nicht neu sind und die in der Vergangenheit immer wieder für Aufsehen gesorgt haben.

Als bundesweit erster Minister ist Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer darum auch auf die deutschen Imker zugegangen und hat mit seinem Einsatz für sogenannte Blühstreifen und Imkerboni Akzente für Nachhaltigkeit und Regionalität gesetzt.

In Verliehausen zeigt ein Kooperationsprojekt, wie es gehen kann. Familie Meier- Kleemann und Landwirtsfamilie Otte haben sich mit dem immer kleiner werdenden Lebensraum der Bienen auseinandergesetzt und eine Lösung gefunden. Ottes werden auf ihren Ackerflächen künftig Raum für Blühstreifen schaffen. Für diese Aktion erhalten Landwirte Fördergelder seitens des Staates. Einige der Herberhäuser Bienen werden also künftig nach Verliehausen umgesiedelt – eine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten.

Doch auch der Imkernachwuchs muss gedeihen. Darum geben Uwe Dzeia und seine Kollegen regelmäßig, in enger Zusammenarbeit mit der HAWK Göttingen, Jungimkerseminare. Von der Biologie der Biene über Produkte wie Honig, Wachs und Bienengift bis zu rechtlichen Angelegenheiten werden Studierende und Interessenten umfassend informiert. Darüber hinaus setzt sich der Imkerverein auch noch mit weiteren Fortbildungen und Imkerpatenschaften für die Zukunft der Bienen ein.

Trotz aller Bemühungen – Antje Meier- Kleemann wünscht sich häufig noch mehr Einsatz für ihre Zunft. Imker müssten geschlossen hinter den Bienen stehen und diese schützen, erklärt sie. Denn gegen mächtige Pflanzenschutzmittelkonzerne kämen die kleinen Summer alleine nicht an. In diesem Jahr war die Familie bereits bei der Demo ,Wir haben es satt‘ in Berlin dabei. 50.000 Menschen gingen für die Agrarwende auf die Straße, darunter 5.000 Imker.

„Auch bei den jungen Imkern hier in der Gegend sind häufig engagierte Querdenker dabei. Leider ziehen die nach dem Studium dann zu oft in die Ferne“, sagt Meier-Kleemann. „Das ist ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss.“

Mehr als 250 Imker sind aktuell in Kreisimkervereinen in Göttingen und der Region aktiv. Dzeia schätzt, dass dazu noch mindestens zehn Prozent nicht organisierte Imker gezählt werden können.

Andreas Peter ist einer von ihnen. Der 56-Jährige Göttinger hat die Imkerei professionalisiert und züchtet hauptsächlich Bienenköniginnen auf Baltrum. Diese werden in einer Zuchtdatenbank registriert und weltweit verkauft. Dabei sind gute Eigenschaften wichtig. „Schwarmträge, also nicht davonfliegen, und friedlich sollten sie sein“, erklärt Peter. Seine Bienenköniginnen werden benötigt, um Bienenvölker zu züchten. Hat ein Volk eine bestimmte Größe erreicht, kann dieses geteilt werden, die alte Königin behält einen Teil ihrer Untertanen, die neue Königin wird als Anführerin der anderen Bienen eingesetzt.

„Pro Saison komme ich auf 200 neue Königinnen“, so Peter.

Die meisten Imker sind eher zufällig auf die Biene gekommen, und tatsächlich ist Bienenhaltung im Prinzip sehr einfach. Einzig und allein die Genehmigung des Grundstückseigentümers muss vorhanden sein, und schon kann es losgehen. Ob Hochhausdach im urbanen Raum oder Balkonien in der Vorstadt – Bienen fühlen sich überall zu Hause, bestätigt auch Uwe Dzeia: „Auf den alten Friedhöfen im Stadtgebiet, in Parkanlagen, Hecken und Privatgärten finden die Bienen jede Menge Blühpflanzen zum Überleben.“ Vor allem sind diese hier nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt, ganz im Gegensatz zu den Wiesen und Feldern außerhalb der Städte.

Diese Tatsache und das Bewusstsein um die Notwendigkeit der Bienen führte zu einem eher außergewöhnlichen Projekt: Der ,Göttinger Stadthonig‘ von 2014 wurde von den 120.000 fleißigen Bienen gesammelt, die im Frühjahr auf dem Dach der Sparkasse in der Weender Straße angesiedelt wurden. Die fünf Völker haben 150 Kilogramm Honig gesammelt, und das alles mitten in der Innenstadt.

Das Projekt und damit die Zusammenarbeit von Imker Uwe Pathe und der Göttinger Sparkasse kam nach einem Wettbewerb zustande. Landschaftspflegeverband, Sparkasse und Imkerverein setzten sich damals für eine stärkere Zusammenarbeit von Imkern und Besitzern von Streuobstwiesen ein.

„Wir wollten mit unserem Engagement einen wichtigen Beitrag für einen nachhaltigen Umwelt- und Naturschutz leisten“, erläutert Rainer Hald, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen, die Motivation.

Das Dach wurde kurzerhand zum neuen Bienendomizil erklärt und mit 300 Pflanzen begrünt, um auch in unmittelbarer Nähe der Bienenstöcke eine passende Umgebung zu schaffen. Besonders wichtig: ausreichend Schatten und Wasser.

Nach dem Erfolg im ersten Jahr wird Pathe auch 2015 einige seiner Bienenvölker erneut auf dem Sparkassendachgarten aufstellen. „Nach der Lindenblüte im Juli werde ich die Bienen wieder in den ländlichen Raum bringen. Da gibt es dann noch ausreichend Nahrung“, erklärt der 51-Jährige. Bevor das Projekt gestartet werden konnte, musste Pathe natürlich noch einige Überzeugungsarbeit leisten. Denn auch wenn die Zweifel schließlich ausgeräumt werden konnten – so viele Bienen vor dem geöffneten Bürofenster, da waren einige Mitarbeiter zunächst skeptisch.

Wenn es überall summt und surrt, bricht bei vielen Menschen Panik aus. Imker sind da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. „Ich werde ständig gestochen“, gesteht Uwe Dzeia, „und das ist meine eigene Schuld.“ Denn dem Bienenfreund liegt das Leben jeder seiner Bienen am Herzen. „Mit der Schutzkleidung und den Handschuhen habe ich kein Gefühl. Da kann es passieren, dass ich einige Bienen zerdrücke, wenn ich an die Kisten gehe.“ Damit das nicht passiert, verzichtet Dzeia gerne auf die Kluft.

Wilde Bienen leben in Deutschland kaum noch. Zu klein ist ihr natürlicher Lebensraum geworden. Zudem machen Feinde wie die asiatische Varroa-Milbe und der Bienenstockkäfer ihnen das Leben schwer. Auch die Imker sind häufig machtlos. Um die Situation für die Bienen zu verbessern, müssen mehr Blühstreifen her. Nicht nur vereinzelt, sondern überall.

Gute Nachrichten gibt es aktuell aus Hessen. Eine vom Aussterben bedrohte Wildbienenart, Lasioglossum pauperatum, ist nach Mittelhessen zurückgekehrt. Das lässt doch hoffen – und ist vielleicht für den einen oder anderen Motivation genug, sich ein neues Hobby zuzulegen?


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