Mit Herz

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Text von: redaktion

Im faktor-Interview zu unserem Titelthema “Kreativität“ (Ausgabe Winter 2011) sprachen wir mit Modedesignerin Sandra Jürgens und Diplom-Physiker Roger Wimmel über kreative Prozesse, Demut und Grenzen.

Der faktor-eigene Ideenreichtum war gefragt: Wir suchten einen Interviewpartner zum Thema ‚Kreativität‘. Soll es jemand aus einem Berufsfeld sein, das unweigerlich mit Kreativität zusammen hängt? Sandra Jürgens etwa entwirft und vertreibt außergewöhnliche Braut- und Abendmode. Wie wäre es dazu ergänzend mit jemandem aus einem technisch-wissenschaftlichen Bereich, wo Kreativität nicht so offensichtlich scheint? Uns kommt Roger Wimmel in den Sinn. Er ist Geschäftsführer der ERAS GmbH, die Lösungen zur aktiven und passiven Schwingungsbekämpfung anbietet. faktor brachte beide zu einem Gespräch zusammen – gespannt, was sie zu erzählen haben und ob sie wirklich so weit auseinander liegen. Ort des Treffens: das KidsLab, ein Mitmachlabor für Kinder in Göttingen.

Herr Wimmel, können Sie in Ihrem Unternehmensalltag kreativ sein?

Wimmel: Wir müssen bei fast jedem Projekt eine Lösung für das Problem eines Kunden erfinden, ohne den Weg dorthin zu kennen. Durch unsere fachliche Erfahrung und unser spezielles Wissen versuchen wir, das Unbekannte aufzulösen und gleichzeitig auf spezifische Anforderungen zu achten, z.B. ein kleines Budget. Das erfordert ein hohes Maß an Schaffenskraft.

Jürgens: Und jedes Mal sind es kleine Schöpfungen…

Wimmel: Ja, bei etwa 50 Anfragen pro Jahr, die bei uns die Entwicklungsphase durchlaufen, sind wir sogar kreativ in Serie.

Frau Jürgens, müssen Sie auch einmal nicht kreativ sein?

Jürgens: Mit Mode sind wir in unserer Arbeit sicher freier, stoßen z.B. nicht an Grenzen der Wissenschaft. Aber auch bei uns muss jede noch so tolle Idee betriebswirtschaftlich erfolgreich sein. Gerade kurz nach der Eröffnung des Geschäfts sind Kreativität und kreatives Schaffen nur bedingt zusammengefallen – dazwischen standen die Abrechnungen oder der zu fegende Boden. Erst heute verteilen sich die Aufgaben in meinem Sechs-Personen-Team, und der Beruf wurde für mich zur Berufung.

Was bedeutet ‚Kreativität‘ überhaupt für Sie?

Jürgens: Kreativität passiert in Begegnungen. Sie ist Verarbeitung von Eindrücken. Jeder Mensch sollte sich dazu auf dem Feld verwirklichen, das ihm wichtig ist. Ich bin meinem Herzen gefolgt und heute Designerin, habe meine eigene Designlinie verwirklicht. Kreativität ist darum nicht von meiner Person zu trennen.

Gelernt haben Sie aber etwas ganz anderes, haben Sie noch eine zusätzliche Designausbildung gemacht?

Jürgens: Nein, ich bin Autodidaktin.

Wimmel: Bewundernswert!

Herr Wimmel, wie halten Sie es mit der Kreativität?

Wimmel: Bei der Aussage ‚Ich bin kreativ‘ wäre ich immer vorsichtig. Als bekennender Christ glaube ich, dass vieles – auch im alltäglichen Leben – geschenkt ist. Gerade bei Kreativität sollte sich jeder eine gewisse Bescheidenheit erhalten und dankbar für sein Potenzial sein.

Jürgens: Das stimmt. Dankbarkeit dafür, etwas tun zu können, was jemandem im Herzen wichtig ist und was er tun möchte, ist für mich sogar ein Teil des kreativen Prozesses. So kann jeder erst frei seine Fähigkeiten entfalten.

Müssen oder können Unternehmen heute kreativ sein?

Jürgens: Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen können und müssen auch durch Kreativität ihre Nische finden. Sie sind in meiner Wahrnehmung auch flexibler und schneller als Konzerne, wenn es um neue Ideen geht.

Wimmel: Wir verdienen unser Geld genau damit, dass große Unternehmen durch ihre Strukturen in ihrer Kreativkraft gebremst sind. Kreativität ist in der Essenz gleich, egal ob Mode oder Technik: Was nicht geht, wissen unsere Kunden – wir brauchen neue Ansätze.

Jürgens: So haben wir auch unser Geschäftsfeld gefunden: Menschen haben auf dem Brautmodemarkt ihre Persönlichkeit nicht abgebildet gefunden, wir bieten ihnen eine Lösung mit einer Kollektion abseits gängiger Hochzeitsvorstellungen.

Wie setzen Sie in Ihren Unternehmen Kreativität frei?

Wimmel: Das wichtigste ist die grundsätzliche Einstellung: keine Blockaden. Wir fangen nicht damit an, was nicht geht. Wir spinnen im Team. Wir überlegen, wie die optimale Lösung aussähe: angenommen, wir könnten fliegen…

Jürgens: Das ist ein sehr visionäres Herangehen. Wir versuchen es ähnlich. Ich muss aber auch zwischen Kundenwunsch und kreativer Umsetzung ausbalancieren. Wo wir ‚einfach machen‘ dürfen, ist das ein Geschenk.

Wimmel: Es ist natürlich auch eine Frage, ob die Atmosphäre Eigeninitiative zulässt. Wir sind mit 16 Mitarbeitern noch so groß, dass wir jede Stimme hören. ‚Betriebliches Vorschlagswesen‘ heißt das in größeren Unternehmen – alleine dieser Begriff tötet schon alle Kreativität Sie sprechen die Rolle des Teams an.

Wie binden Sie das in Kreativprozesse ein?

Wimmel: Ich sehe mich in der Rolle des Moderators, will in Sitzungen die Kreativität aller Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen fördern, sie heraus kitzeln. In der Phase der Umsetzung bringen wir Zweier- oder Dreier-Teams zusammen, z.B. den Mechaniker, den Elektrotechniker und den Kaufmann: Sie müssen lernen, miteinander zu reden und über den eigenen Tellerrand zu schauen. So entstehen gute Ideen und funktionierende Technik.

Jürgens: Kommunikation ist ein ganz entscheidender Punkt. Früher ging es mir vor allem um die Verwirklichung von Träumen, heute plane ich systematisch in Sitzungen. Mitarbeiter können dabei auch ihre eigenen Ideen vortragen – das war als Deignerin etwas, das ich erst lernen musste anzunehmen. Allerdings müssen die Lucardis-Feist-Kollektion und individuelle Anfertigungen einen hohen Wiedererkennungseffekt haben. Das schränkt ein, welche Vorschläge einfließen können.

Wie schätzen Sie das jeweils andere Unternehmen – nun, nachdem wir hier schon eine Weile reden – in puncto Kreativität ein?

Jürgens: ERAS nehme ich als kreatives Unternehmen wahr, das mit Passion und Überzeugung arbeitet – auch wenn ich den technischen Aspekt wenig beurteilen kann.

Wimmel: Frau Jürgens vereint aus meiner Sicht beide Welten, die der Kreativität und die des betriebswirtschaftlichen Pragmatismus.

Epilog: Ortswechsel

Eine Truppe lautstarker Entdecker entert das KidsLab. Das gibt Roger Wimmel die Gelegenheit zu einer Führung durch die ERAS-Räumlichkeiten eine Etage tiefer. „Hier tut sich eine ganz andere Welt auf, so geerdet“, staunt Sandra Jürgens. Als ihr Gesprächspartner die Funktion eines Systems erklärt, mit dem Patienten ruhig in Krankenwagen liegen, fügt sie hinzu: „Sie können so stolz darauf sein, was Sie den Menschen damit schenken.“

„Wir könnten auch vollständig in Ihrer Terminologie reden“, erwidert Wimmel bei einem Gang durch das Labor – seine Nähstube: „Hier entstehen unsere Schnittmuster. Entweder statten wir den Kunden exklusiv für seinen besonderen Anlass aus, oder wir produzieren für die Stange.“ Fortsetzung folgt, versprechen sich beide zum Abschied: Roger Wimmel möchte demnächst das ‚Labor‘ von Sandra Jürgens kennen lernen.

Über Eras

Diplom-Physiker Roger Wimmel gründete 1994 die ERAS Gesellschaft für Entwicklung und Realisation Adaptiver Systeme mbH in Göttingen. Das Unternehmen entwickelt und liefert aktive Systeme zur Minderung von Schwingungen in Fahrzeugen und Maschinen unterschiedlicher Branchen.

Über Lucardis Feist

Sandra Jürgens hat sich nach Reprografie und Marketing den Traum erfüllt, Designerin zu sein. Unter dem Namen Lucardis Feist entwirft sie ausgefallene Braut- und Abendmode in Bad Lauterberg. Mit dem Geschäft ,Cynderellas Welt‘ macht sie auch klassische Bräute glücklich. Ihre Kreationen locken internationale Kunden in den Harz und werden exklusiv hier vertrieben. Bei ihr sind auch Künstler, z.B. Sänger Marc Terenzi oder das Fernsehen häufiger zu Gast.

Das KidsLab: Kreativität spielend fördern

Im KidsLab von Britta Truschenski können Kinder Neugier und Experimentierfreude ausleben. In ihrem Mitmachlabor finden kleine Forscher Antworten durch eigenständiges Untersuchen. Mit Experimenten zu Natur, Technik, chemischen und physikalischen Vorgängen schulen diese die kreative Herangehensweise ebenso wie kommunikative, haptische und intellektuelle Fähigkeiten und die Konzentrationsfähigkeit. Die Gruppen von maximal acht fest angemeldeten Kindern (Mindestalter vier Jahre) treffen sich je einmal die Woche oder für z.B. Kindergeburtstage. Sie erkunden Vulkane, stellen Fruchtgummi her, begeben sich auf detektivische Pfade mit Geheimschriften, Fingerabdrücken und Kinderzimmeralarmanlagen oder entdecken Magnetismus und Elektrostatik. Truschenski nähert sich einem Thema wie ‚Wetter‘ oder ‚Strom‘ aus unterschiedlichen Richtungen. Hunderte von Experimenten garantieren Abwechslung und eine unvorbelastete Herangehensweise an Naturwissenschaften.