©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Michael Knauth war bis vor Kurzem noch Leiter der Abteilung Neuroradiologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Nun ist er in die Praxis für moderne Schnittbild Diagnostik am Göttinger Bahnhof gewechselt, um sich wieder mehr Zeit für Patienten und auch  ein Stück persönliche Gestaltungsfreiheit zurückzuholen.

Michael Knauths Sprechzimmer in der Praxis für moderne Schnittbild Diagnostik Göttingen bietet einen weiten Blick über die Lokhalle und darüber hinaus. An den Wänden hängen zahlreiche Poster zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen – die Geschichten erzählen von Tauchern, Robben und Eis. Und man fragt sich, was hat ein Neuroradiologe, einer, der sich hauptsächlich mit der bildlichen Darstellung des Gehirns und therapeutischen Eingriffen in selbiges befasst, damit zu tun?

Zum Medizinstudium kam Knauth über den Umweg der Physik, mit der er 1982 begann, später dann aber auf Medizin und – ergänzend – Philosophie umsattelte. Sein medizinisches Spezialgebiet war damals „unter uns Studenten nicht sehr attraktiv“, erzählt der inzwischen 56-­Jährige. „Überspitzt gesagt: Das waren die bleichen Gestalten, die im Keller saßen, auf Bilder starrten und keinen Patientenkontakt hatten.“ Seitdem hat sich jedoch viel getan. „Die Radiologie hat sich sehr gemausert, weil ohne sie heute eigentlich nichts mehr geht.“ Denn ein wesentlicher Teil aller Diagnosen wird inzwischen radiologisch gestellt, also durch die Anwendung elektromagnetischer Strahlen und mechanischer Schwingungen. Auch nehmen Radiologen und Neuroradiologen inzwischen verschiedene Eingriffe selbst vor. So werden bestimmte Formen des Schlaganfalls in der Hauptsache von Neuroradiologen diagnostiziert – und auch behandelt.

Knauths erste Station nach dem Studium war eine Stelle als Arzt im Praktikum an der Neurochirurgischen Universitätsklinik in München. 1994 wechselte er dann an das Klinikum in Heidelberg, wo er als Assistenzarzt in der Abteilung Neuroradiologie angestellt war. Von seinem medizinischen Betrachtungsgegenstand war und ist der Experte noch bis heute aufrichtig begeistert: „Das Gehirn ist das Organ, das uns Menschen als Individuum ausmacht und unsere Persönlichkeit prägt: Im Grunde ,sind‘ wir unser Gehirn.“

Knauths wissenschaftliche Tätigkeit ist insbesondere durch die Hirn­ und Schlaganfallforschung gekennzeichnet. In letzterem Bereich hat er in seiner Heidelberger Zeit maßgeblich an der Entwicklung des heutigen Standardverfahrens für die Lokalisation von Gerinnseln bei Schlaganfällen – der computertomographischen Angiographie – mitgewirkt. Nachdem er 2003 auf die Chefarztposition in der Neuroradiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) berufen wurde, half er schließlich am Durchbruch einer neuen Schlaganfalltherapie mit, die Neuroradiologen mittels Katheter durchführen und die inzwischen zum Goldstandard wurde. Für diese Forschungen auf dem Gebiet des Schlaganfalls und auf dem Gebiet innovativer Darstellungsformen bei Hirntumoren erhielt er mehrere wissenschaftliche Preise, unter anderem den renommierten Wissenschaftspreis der europäischen Gesellschaft für Neuroradiologie.

Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte in der Hirn-­ und Schlaganfallforschung wurden außerdem durch einen eher kunterbunten Bereich ergänzt, einen Bereich, der ihm besonders am Herzen liegt: die ,Outdoor ­Forschungen‘.

„Ich hatte zusammen mit einem sehr guten Freund aus Studientagen, dem Neurologen Stefan Ries, tauchen gelernt“, erzählt Knauth. „Als ich dann schließlich in Heidelberg landete und er in der Neurologie in Mannheim, haben wir überlegt, ob wir nicht weiter etwas zusammen machen können.“ Heraus kam eine Studie zum gemeinsamen Hobby. Knauth und Ries zeigten, dass kleine Veränderungen – wahrscheinlich Narben – im Gehirn von jenen Tauchern gehäuft auftreten, die eine Öffnung in der Trennwand zwischen den beiden Herzvorhöfen besitzen. Diese Öffnung besteht bei allen Säugetieren vor der Geburt. Bei manchen Menschen verschließt sie sich nach der Geburt jedoch nicht, sondern bleibt bis ins Erwachsenenalter erhalten. Diese Studie hat damals eine Menge Medienrummel verursacht: „Stern, Focus, FAZ – war schon eindrucksvoll“, sagt Knauth.

Dabei blieb es nicht. „Norwegische Polarforscher kontaktierten uns und fragten, ob wir eine ähnliche Untersuchung nicht auch bei neugeborenen Robben, die ja auch tauchende Säugetiere sind, machen könnten.“ Also ging es nach Nord Spitzbergen zur norwegischen arktischen Polarforschungsstation, von wo aus am Königsfjord Babyrobben untersucht wurden. Im Ergebnis zeigte sich, dass sich die Öffnung bei allen Robbenbabys sehr schnell nach der Geburt verschließt – dies spiegelt wohl eine evolutionäre Anpassung ans Tauchen dar. Später ging es auch noch einmal zu einer anderen Robbenkolonie nach Kanada, aber Spitzbergen ist für Michael Knauth bis heute prägend. „Die Mitternachtssonne ist sehr beeindruckend, Spitzbergen unglaublich schön. Ich habe es dort geliebt, und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an diese Erfahrung zurückdenke. Für mich war das ein Traum.“

Und das Outdoor­-Thema begleitete ihn weiterhin, denn einige Zeit später wurde Knauth vom Heidelberger Höhenmediziner Peter Bärtsch kontaktiert und begann zusammen mit ihm und dem Neuroradiologen Kai Kallenberg, Bergsteiger zu untersuchen, die im Vergleich zu Tauchern genau den gegenteiligen Bedingungen ausgesetzt sind: Statt der Sauerstoffluft mit hohem Druck aus der Flasche sind sie in der Höhe dünner sauerstoffarmer Luft ausgesetzt. Im Kernspintomographen wurde untersucht, wie sich das Gehirn unter der Sauerstoffmangelversorgung verändert.

„Wenn man erst einmal in der Outdoor­-Szene drin ist, wird das irgendwann ein Selbstläufer.“ Allerdings war Michael Knauth auch vorher schon der Outdoor­-Typ. Bergsteigen am Mont Blanc, Bergwandertouren mit seiner Frau und den beiden Kindern oder lange Radtouren. „Ein derzeitiges Projekt ist, alle Außengrenzen Deutschlands abzufahren. Dieses Jahr ging es von Hamburg die Nordsee hoch, rüber an die Ostsee, nach Usedom und dann runter ans Dreiländereck mit Polen und Tschechien.“ Rund 1.500 Kilometer hat Knauth in diesem Sommer so zurückgelegt, die Hälfte der Übernachtungen dabei im Zelt. Für den 56­-Jährigen alles noch kein Problem. „In dem Lebensjahrzehnt, in dem ich mich befinde, hat man noch die Kraft, vieles zu machen.“

Das war für ihn auch einer der Gründe, seine Chefarztposition an der UMG aufzugeben. „Ich habe die Neuroradiologie in 15 Jahren zu einer national und international beachteten Abteilung aufgebaut“, sagt Knauth nicht ohne Stolz. Doch die Zeit bleibt nicht stehen, und die Vorstellung, den überwiegenden Teil seiner Wachzeit noch für etliche Jahre in der Klinik zu verbringen, sei für ihn nur schwer erträglich gewesen. Zudem seien in der modernen Medizin die Chefärzte zu einem nicht unerheblichen Anteil Abteilungsmanager und hätten nur noch wenig Zeit für Patienten.

Aber ganz raus aus der Medizin wollte Knauth nicht. In den vergangenen fünf Jahren arbeitete er bereits mit der Praxis für moderne Schnittbild Diagnostik Göttingen zusammen, die 2004 von den ehemaligen Uniklinik­ Ärzten Uwe Fischer und Friedemann Baum aufgebaut wurde. Seit seinem Ausscheiden aus der UMG im April ist Knauth nun dreimal die Woche als praktizierender Neuroradiologe hier, hat jetzt wieder viel mehr Zeit – vor allem macht er die kompletten Untersuchungen, Befundungen und die Besprechungen mit den Patienten wieder selbst, und auch der Austausch mit anderen niedergelassenen Kollegen findet wieder statt. „Es war ein großer Sprung, aber ich wusste, wohin ich springe. Ich bin auf jeden Fall mit meiner Entscheidung zufrieden.“

An Plänen für das deutliche Mehr an Freizeit mangelt es nicht. Außer den Radtouren widmet sich Knauth wieder mehr einem Studium generale, hört Vorlesungen über Kosmologie und belegt philosophische Seminare – wie schon damals während des Medizinstudiums. Das nächste große Bergsteigerziel steht auch schon fest: Im nächsten Jahr geht es nach Tansania und auf den Kilimandscharo, an dessen Fuß er sich an der Universitätsklinik Moshi mit tansanischen Kollegen austauschen und die Ergebnisse der Heidelberg­-Göttinger Bergsteigerforschung präsentieren wird.