Mit Bewegung gegen den Stress

Text von: Stefan Liebig

Betriebliches Gesundheitsmanagement bietet großes Potenzial für die Zufriedenheit der Mitarbeiter und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen.

Der demografische Wandel beschäftigt Wirtschaftsakteure und Politiker täglich. Die Überalterung unserer Gesellschaft ist unaufhaltbar. Mit dem steigenden Durchschnittsalter wachsen auch die gesundheitlichen Probleme der Mitarbeiter.

Entscheidend ist, wie wir darauf reagieren.

Viele Initiativen beschäftigen sich mit der Akquise von Fachkräften. Doch die Anwerbung neuer qualifizierter Mitarbeiter stellt nur einen der nötigen Bausteine einer erfolgreichen wirtschaftlichen Zukunft dar.

Einen zentralen Punkt bildet die Frage, ob sich die vorhandenen Beschäftigten eines Unternehmens wohlfühlen und somit auch leistungsfähig, sprich produktiv, sind. Denn für einen Betrieb ist die Zusammenarbeit mit erfahrenem Personal sicher einfacher und kostengünstiger, als neue Arbeitskräfte anzuwerben und einzuarbeiten.

Doch wie löst ein Unternehmer Probleme, die durch hohe Krankenstände ausgelöst werden? Oder noch besser: Wie beugt er einer solchen Situation wirkungsvoll vor?

Im vergangenen Kalenderjahr weisen die Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen die höchsten Werte für Krankenstände seit 2002 aus. Auf 6,3 Milliarden Euro laufen sich laut einer Studie der Betriebskrankenkassen aus dem Jahre 2009 die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten, die aus arbeitsbedingter psychischer Belastung resultieren. Experten stellen seit vielen Jahren eine immer größer werdende Arbeitsbelastung fest.

Können durch den Fachkräftemangel wichtige freie Positionen nicht besetzt werden, leidet darunter die gesamte Belegschaft. Folgen sind stressbedingte Symptome, die sich häufig auch in körperlichen Beschwerden, wie etwa Rückenschmerzen, ausdrücken. Es scheint also ein großer Bedarf an innovativen und nachhaltigen Konzepten zu bestehen.

In den Führungsetagen der größeren Unternen wächst daher die Aufmerksamkeit für das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) spürbar.

Eine der Vorreiterrollen auf diesem Gebiet proklamiert die Gothaer Versicherung für sich. Mit MediExpert gründete das Unternehmen bereits 1999 eine Tochterfirma, die sich um das Wohlbefinden der Mitarbeiter kümmert, aber auch für andere Unternehmen tätig ist oder diese beim Aufbau eines eigenen BGMs unterstützt.

„Das Potenzial für einen bewussteren Umgang mit der Gesundheit der Mitarbeiter haben wir früh erkannt. Vor dem Hintergrund des beginnenden Fachkräftemangels setzen wir mit unseren Gesundheitsangeboten auf einen wichtigen Zukunftsbaustein“, sagt Oliver Dörner von der Gothaer, zuständig für den Bereich Gesundheit.

Die Zahlen geben dem Spezialisten des Gothaer-Firmengeschäfts recht. Bei Umfragen unter Mitarbeitern, die das Gesundheitsförderungsprogramm genutzt haben, stellten zwei Drittel eine Verbesserung der eigenen Gesundheit fest. Alltagsaufgaben fallen den meisten Befragten jetzt leichter. Beeindruckende 97 Prozent wollen weiter sportlich aktiv bleiben.

Bei der Umsetzung dieser Vorsätze erhalten die Mitarbeiter auch Unterstützung von externen Dienstleistern wie etwa Haberlach und Team. Ebenso wie die Gothaer ist auch das Trainernetzwerk von Andreas Haberlach bundesweit aufgestellt. Mit seinen über 70 Trainern bietet Haberlach Kurse wie Tai Chi, Rückenschule oder Pilates bei der Versicherung und vielen weiteren namhaften Unternehmen an.

„Wichtig ist die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen und auch dem Gesundheitsmanagement ihres Arbeitgebers“, sagt der Gesundheitstrainer.

Genau wie Haberlachs Erfolg basiert auch der von Hans-Peter Greif darauf, den Weg in die Unternehmen zu gehen und vor Ort zu helfen. Als freier Dozent setzt er seit 15 Jahren seinen Schwerpunkt im Bereich Stressprävention und Gesundheitsförderung. Zu seinen Auftraggebern in der Region gehört unter anderem das M3Team in Bovenden. Die Personalgutachter wissen um die zunehmende Bedeutung des BGMs.

„Leider sind noch nicht alle Unternehmen und Mitarbeiter so weit. Ich habe es sogar erlebt, dass sich ein Unternehmer vor der Gewerkschaft rechtfertigen musste. Man warf ihm vor, er wolle durch Gesundheitsförderung nur noch mehr Leistung aus den Mitarbeitern rauspressen“, nennt Greif eins von vielen Hemmnissen, die ihm bei seiner Aufklärungskampagne im Wege stehen.

Doch wenn erst einmal Interesse geweckt sei, weiß Greif zu berichten, erkennen alle Teilnehmer den Nutzen, den sie beispielsweise aus seinen Kurzentspannungspausen ziehen können. 30 bis 120 Sekunden genügen nach seiner Methode, um eine spürbare Verbesserung des aktuellen Befindens zu erreichen. Wer dies regelmäßig mache, erziele erstaunliche langfristige Effekte.

Voraussetzung dafür stellt allerdings eine entsprechende Unternehmenskultur dar. Die Akzeptanz für solche Erholungspausen muss auf allen Ebenen vorhanden sein.

Um eine solche langfristige Verankerung im Unternehmen zu erreichen, fordert Christian Späth von B.A.D. Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik: „Gesundheitstage sind ein guter Anfang, aber solche Aktionen müssen ins Management eingebunden sein. Personalrat und Betriebsleistung müssen dafür sorgen, dass es keine Einzelevents bleiben. Sie müssen alle Mitarbeiter einbinden.“

Mit einem bundesweiten Netzwerk von 190 Zentren und etwa 1.700 Mitarbeitern bietet B.A.D. Unternehmen ein Outsourcing von Gesundheits- und Sicherheitsfragen an. Aktuell unterstützt Späth das gerade in die Pilotphase gehende Programm „Fit am Arbeitsplatz und zu Hause“. Bei diesem von Axel Bauer und Gerd Hunsmann initiierten Projekt des Göttinger Hochschulsports stellt B.A.D. das Bindeglied zur hiesigen Wirtschaft dar.

„Über Bewegung soll der Arbeitsalltag aufgelockert werden. Wir erarbeiten Konzepte für den Einsatz in den Büros. So soll im Bereich Körperbewusstsein eine kulturelle Veränderung in den Betrieben erreicht werden“, beschreibt Projektleiter Arne Göring vom Hochschulsport Göttingen die Intention des Projektes. Der Sport soll so zum Alltagselement in den Büros gehören.

Göring kann sich da über hinaus vorstellen, dass der Bereich Gesundheitsmanagement aufgrund seiner künftigen Bedeutung zu einem eigenständigen Bereich im Hochschulsport ausgebaut wird. Ein zukunftsorientiertes Projekt, das den demografischen Entwicklungen Rechnung trägt und darüber hinaus ebenso zukunftsträchtige akademische Ausbildungswege eröffnet. Die Zahlen sprechen auf jeden Fall für diesen Ansatz.

Die Zeitschrift ErgoMed stellte bereits 2007 fest, dass ein regelmäßiges Rückentraining nicht nur bei 69 Prozent der Probanden die Schmerzen lindert, sondern auch bei ebenso vielen zu einer Abnahme von Stresssymptomen führt. Solche Erfolge sollten die Akzeptanz der Bedeutung des BGMs bei den Mitarbeitern steigern.

Denn sinnvolle Bewegungsangebote gibt es genug. Wichtig ist eine nachhaltige Kooperation von Unternehmern, Arbeitnehmern und Anbietern von Gesundheitsprogrammen.

Denn ein gesteigertes Wohlbefinden der Arbeitnehmer – da sind sich alle Experten einig – könnte ein großes Plus für die mittel- und langfristige Zukunft unsers Wirtschaftsstandorts sein.