Menschliche Führung

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Elena Schrader

Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld verrät im Interview, warum Vertrauen und Glaubwürdigkeit mehr bringen, als an den Schwächen zu arbeiten - ProfiFussballmannschaften und Unternehmen haben eines gemeinsam: Sie wollen beide hoch hinaus. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine gute Führung – einen Trainer wie Ottmar Hitzfeld.

Zweimal holte er den Meistertitel in der Schweiz, wurde siebenmal Deutscher Meister und gewann mit Borussia Dortmund und FC Bayern München die Champions League. Nach dem WMAus seiner Schweizer Nationalmannschaft in Brasilien beendete er seine aktive Karriere und blickt heute zurück auf seine lange und erfolgreiche Zeit als Führungskraft.

Erfolgreiche Führung? Was bedeutet das überhaupt?

Um erfolgreich zu führen, braucht man zunächst einmal verschiedene Qualifikationen. Aus meiner Sicht sind das in erster Linie Fachkompetenz, Instruktionskompetenz, Führungskompetenz und ebenso psychologische Kompetenz. Für mich bedeutet Führung aber vor allem, dass man den Menschen, die man führt, sehr viel Vertrauen schenkt und versucht, die Werte, die man verlangt, auch vorzuleben. Man ist also in der absoluten Vorbildfunktion.

Sie blicken heute auf eine sehr beeindruckende Karriere als Trainer zurück. Würden Sie sagen, das war auch Ihr persönliches Erfolgsrezept?

Ja, ich habe eigentlich meine Mannschaft immer nach der gleichen Philosophie geführt. Ob ich 1983 beim Sportclub Zug in der Schweiz angefangen habe, in Dortmund und Bayern oder am Schluss als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft – für mich waren immer die Werte wichtig, die man einem Team vorlebt: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Teamgeist, für die anderen da sein, Verantwortungsbewusstsein – eben alles, was menschliche Führung ausmacht.

Was sollte eine Führungskraft für Eigenschaften mitbringen, die andere vielleicht nicht haben?

Ich denke, dass man als Führungskraft immer voranschreiten und immer erhobenen Hauptes sein Team führen muss. Auch eine Führungskraft fällt mal hin, muss aber sofort wieder aufstehen, den Blick nach vorne richten und immer versuchen, positiv zu bleiben. Man muss kritisch sein, analysieren und immer wieder Lösungsansätze zur Verfügung haben.

Wird man als Führungskraft geboren, oder kann man Führung auch erlernen?

Ich glaube, dass man einiges erlernen kann. Als Spieler war ich eher Egoist (lacht). Danach war ich Trainer, und als Trainer ist man Teamplayer – ich musste vom einen Tag auf den anderen umdenken. Dann War ich nur noch für das Team da. Ich habe große Verantwortung übernommen und musste das Team eben dementsprechend leiten, führen und Vorbild sein.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie Sie gezielt Ihre Führungsqualitäten gesteigert haben?

Ein Beispiel eigentlich nicht. Aber wenn eine Teamsitzung anstand, in der ich mein Team vielleicht eine Viertelstunde auf den Gegner eingestellt und motiviert habe, dann habe ich zwei, drei Stunden daran gesessen, die richtigen Worte zu finden. Das Schwierigste war für mich vor allem, Kritik zu üben – auch das muss man lernen. Keiner wird gerne kritisiert, da ist jedes Wort sehr wichtig. Ich habe sehr viel Zeit darin investiert, keine Fehler zu machen.

Hatten Sie Berater oder Vorbilder, die Ihnen hier zur Seite standen?

Nein, ich war Autodidakt und habe mir alles selbst beigebracht. Aber ich habe natürlich auch an mir arbeiten können, weil ich ja zu Beginn meiner Karriere erst um 17 Uhr Training hatte. Da konnte ich mich tagsüber vorbereiten und mich selbst trainieren.

Bei unserer faktor-PremiumLounge vor zwei Jahren sagten Sie, entscheidend ist nicht, die elf besten Spieler in seinem Team zu haben, sondern die beste Elf zu formen. Würden Sie also sagen, es kommt nicht auf die Stärken eines Einzelnen an?

Generell ist die Mischung in einem Team sehr wichtig. Im Fußball kann man zum Beispiel nicht mit fünf Künstlern spielen. Die Nummer 10 ist immer der Star, aber man darf eben nicht zu viele ,Nummer 10s‘ haben. Man braucht Teamwork. Man braucht diejenigen, die immer nur für die anderen da sind, die für die anderen mitdenken, mitlaufen, sich einsetzen. Und man braucht eben auch die kreative Abteilung und diejenigen, die am Schluss die Big Points machen, Charaktere. Das Team muss stimmen – und ich als Trainer muss mich auch entscheiden.

Ein Star reicht also aus?

Ja, einer oder maximal zwei (lacht).

Wie ist es Ihnen immer gelungen, aus den besten Spielern die beste Elf zu formen?

Ich habe mich intensiv mit dem Team, mit der Situation des Einzelnen beschäftigt und dementsprechend auch meine Taktik auf diese Spieler abgestimmt. Ich bin sehr intensiv auf das einzelne Individuum eingegangen und habe mich mental sehr gut vorbereitet.

In Einzelgesprächen?

Ja, die Kommunikation ist generell das Wichtigste, wenn man Menschen führt. Wann immer ich eine neue Stelle annahm, habe ich erst einmal sehr viele Einzelgespräche geführt. Damit der Einzelne meine Philosophie versteht und damit auch ich etwas über die persönliche Situation meiner Mitarbeiter erfahre. Sonst weiß man ja nichts, man weiß nicht einmal, ob sie verheiratet sind oder Kinder haben oder ob es vielleicht irgendwelche Probleme gibt. Dieses Wissen ist für einen Chef ganz entscheidend.

Und wie wichtig ist die allgemeine Stimmung im Team?

Jedes Team hat einen besonderen Teamgeist, damit meine ich eben auch die Stimmung im Team. Und ich glaube, gerade der Vorgesetzte ist mit dafür verantwortlich, dass man eine bestimmte Teamkultur entwickelt. Dazu muss man eben auch spüren: Der passt dazu, oder der passt weniger. Denn eine Person reicht schon aus, um eine ganze Teamkultur durcheinander zu bringen. Da muss man konsequent sein und im Sinne des Teams handeln; auch wenn dies notfalls heißt, jemanden zu entlassen, der nicht in diese Kultur passt.

Wie motiviert man sein Team am besten?

Ich glaube, dass ein Motivationsvortrag nicht so viel bringt. Diese Sachen wirken immer nur kurzfristig. Entscheidend ist für mich Konstanz, die Qualität des Alltags. Dass man immer auch, wie ich schon sagte, die Werte vorlebt, Respekt voreinander hat, sich gegenseitig akzeptiert und vertraut und weiß, man ist ein Team, man kann sich aufeinander verlassen. Diesen permanenten Prozess muss man jeden Tag vorleben. Das ist für mich Motivation.

Welche Rolle spielt das Gehalt dabei?

Natürlich spielt das Geld auch eine Rolle. Jeder verdient gern mehr, jeder bekommt gern eine Prämie, einen Zuschuss oder eine Gehaltserhöhung. Doch Menschen sprechen verschieden auf Gehälter an. Für den einen ist es Motivation, für den anderen sind andere Werte wichtig. Geld spielt sicherlich eine große Rolle, im Fußballgeschäft sowieso. Aber man kann nicht pauschal sagen: „Ja, Prämie bringt immer Erfolg.“ Das ist nicht so einfach. Sonst würden wohl alle Fußballmannschaften die Prämien erhöhen (lacht).

Wie wichtig sind Hierarchien?

In jedem Team gibt es eine Hierarchie, und der Chef oder ein Trainer wie ich hat auch Einfluss auf diese Hierarchie, indem er den Einzelnen mehr unterstützt oder forciert, vor der Gruppe mit einbezieht oder mehr Verantwortung übergibt und somit auch stärker macht innerhalb der Gruppe. So entsteht die Hierarchie. Sie existiert in jedem Team, schon allein aufgrund der einzelnen Qualitäten.

Würden Sie sagen, ohne eine Hierarchie würde ein Team nicht funktionieren?

Ich halte nichts von einer breiten Hierarchie. Je nach Situation, je nach Verantwortung hat man ja auch mehr Autorität und muss dementsprechend auftreten. Es gibt immer Situationen, in denen ein klares Wort gesprochen, wo eine Entscheidung getroffen werden muss. Man kann nicht immer gemeinsam Entscheidungen treffen, im Fußball sowieso nicht. Das ist ein Geschäft, in dem Zeit, Stress und Druck eine Rolle spielen. Ich kann nicht in der Halbzeitpause, in der ich fünf Minuten sprechen kann, diskutieren. Da muss ich autoritär sein. Bestimmen.

Braucht ein Team ein gemeinsames Ziel?

Ja, Ziele muss man sich stecken. Vor jeder Saison habe ich eine klare Zielsetzung an das Team ausgegeben, was wir erreichen wol len. Ich kann ja nur vom Fußball sprechen, und hier habe ich unser Ziel genannt. Gut, das war nicht so schwierig, weil da, wo ich war, wollte ich Meister werden (lacht). Ich wollte den ersten Platz erreichen, Pokalsieger werden und vielleicht die Champions League gewinnen, bei Dortmund oder Bayern. Als ich in der Schweiz war, musste ich andere Etappenziele nennen und nicht sagen, wir wollen Weltmeister werden. Da ging es erst einmal darum, sich für das Turnier zu qualifizieren. Ein klares Ziel braucht man, braucht jedes Team und vielleicht auch Etappen und Zwischenziele, die man sich steckt.

Haben Sie im Training eher an den Stärken der Teams gearbeitet oder an deren Schwächen?

Ich glaube generell ist es wichtig, die Stärken zu trainieren. Jeder Mensch hat besondere Stärken, und wenn man diese ausspielt, hat man mehr Qualität. Wenn man nur an den Schwächen arbeitet, dann ist der Entwicklungsprozess sehr langsam. Man kann viel mehr erreichen, wenn man das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein der Spieler stärkt und Erfolgserlebnisse verschafft.

Was können Führungskräfte und Manager von Leistungssportlern lernen?

Mit Drucksituationen umzugehen, in schwierigen Situationen die Nerven zu bewahren und die richtigen Entscheidungen treffen. Und dass auch unter Druck der Mensch eine Rolle spielt – für mich auf jeden Fall. Ich habe nie einen Spieler beleidigt oder vor der Mannschaft diffamiert oder lächerlich gemacht, sondern ihn immer mit dem nötigen Respekt behandelt. Auch wenn es um sehr viel Geld oder das Ansehen gegangen ist, im Fernsehen oder in der Öffentlichkeit. In schwierigen Situationen habe ich mich immer vor mein Team gestellt.

Was war Ihr persönlicher Weg, mit dem Druck umzugehen?

Ich habe autogenes Training gemacht, mentales Training. Schon vor vierzig Jahren als Student habe ich eine Arbeit darüber geschrieben. So konnte ich mich selbst geistig auf verschiedene Abläufe vorbereiten, sodass ich auch unter Druck in aller Öffentlichkeit ruhig geblieben bin.

Nach der WM in Brasilien haben Sie Ihre aktive Karriere beendet. Wie geht es Ihnen heute mit dieser Entscheidung?

Ich nehme mit Freuden wahr, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Das wusste ich ja vorher nicht. Aber irgendwann muss man eben Entscheidungen treffen. Den Entschluss aufzuhören, habe ich bereits letztes Jahr im November gefasst. Jetzt kann ich loslassen. Heute Abend geh ich zum EM-Qualifikationsspiel ,Schweiz gegen England‘. Das erste Länderspiel ohne mich als Trainer. Heute feuere ich meine Mannschaft an – und fühle mich sehr wohl dabei. Ohne Druck, ohne Stress. Es gibt auch ein Leben nach dem Beruf. Das ist ja auch ein wichtiger Lebensabschnitt.

Was haben Sie nun vor? Was sind Ihre Pläne?

Ich bin immer noch fürs Fernsehen als Experte für Sky tätig. Ich habe fünf Werbepartner, für die ich auch noch in Talks aktiv bin und verschiedene andere Veranstaltungen. Ich sage mehr ab, als ich annehme. Ich kann mein Leben selbst planen und gestalten – nach meinem freien Willen.

Was war rückblickend Ihr größter Fehler?

Zum Glück kann ich keinen großen Fehler feststellen, weil alle Entscheidungen, die ich getroffen habe, im Nachhinein für mich gut waren. Wenn ich Entscheidungen getroffen habe, dann habe ich mich auch mit ihnen identifiziert und mich total auf diese eingestellt. Ich bin nicht jemand, der hadert und denkt, das hätte ich jetzt doch anders machen können, denn so kommt man nicht weiter.

Und auf welche Leistung sind Sie in Ihrer Karriere besonders stolz?

Ich würde sagen, darauf, dass ich generell die richtige Philosophie angewendet habe als Trainer. Dass es mir gelungen ist, meine Mannschaft immer gut und respektvoll zu führen und ich die entscheidenden Werte auch gelebt habe. Ich bin stolz, dass es die richtigen Komponenten waren, auf die ich mit meiner Philosophie gesetzt habe: auf die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Trainer und Mannschaft und das Vertrauensverhältnis, das ich aufgebaut habe. Das war die richtige Entscheidung.

Ihr Tipp für alle Führungskräfte?

Wenn man Entscheidungen trifft – und dies nach bestem Wissen und Gewissen tut –, sollte man danach auch dazu stehen. Das heißt nicht, dass man nicht knallhart analysiert. Jede Entscheidung kann falsch oder richtig sein. Das muss man registrieren für die nächste Entscheidung, die man trifft. Man darf nicht zögerlich werden, sondern muss Entschlossenheit zeigen und auch mal mutig sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Ottmar Hitzfeld, geboren am 12. Januar 1949 in Lörrach, ist ehemaliger deutscher Fußballspieler und ehemaliger Fußballtrainer. Als Spieler wurde er zweimal Schweizer Meister. Während seiner Zeit als Spieler studierte Hitzfeld Mathematik und Sport auf Lehramt. Als Trainer gewann er zwei Schweizer Meisterschaften und wurde siebenmal Deutscher Meister. Im Jahr 1997 gewann er als Trainer mit Borussia Dortmund die UEFA Champions League, im Jahr 2001 gewann er den gleichen Wettbewerb mit dem FC Bayern München. Er ist hinter Josep Guardiola der zweiterfolgreichste Trainer in der Bundesliga nach durchschnittlichen Punkten pro Spiel. Zudem fungierte er zwischen 1997 und 1998 als Funktionär, nämlich als Sportdirektor von Borussia Dortmund. Von Sommer 2008 bis zum Achtelfinal-Aus gegen Argentinien bei der WM 2014 in Brasilien war er Trainer der Schweizer Nationalmannschaft.