Mensch Michael
Seit 1. Juli 2025 ist Michael Grosse Vorstandsvor-
sitzender der Sartorius AG. Wie tickt der Nachfolger
von Joachim Kreuzburg? Was treibt ihn an? Welche
Werte lebt er? Und wie gefällt ihm eigentlich Göttingen?
Wir trafen den neuen CEO zum Interview.
» Es geht auch darum, in sich selbst
zu ruhen und einfach man selbst zu sein.
Dann kann jeder erkennen, wie man ist
und wer man ist. «
Es ist alles akribisch vorbereitet. Als wir den Sartorius-Campus betreten und die Besucherausweise abholen, nimmt uns Verena Sattel aus dem Team der Unternehmenskommunikation in Empfang. Sie zeigt uns mögliche Foto-Spots, dann führt sie uns in den Besprechungsraum, in dem wir Michael Grosse treffen sollen. Um Punkt 14.30 Uhr, praktisch auf die Sekunde genau zur vereinbarten Zeit, betritt der 58-Jährige das Büro. Er wirkt zugewandt, freundlich, locker – fast schon auffällig entspannt.
„Ich bin nicht nur angekommen in Göttingen, sondern fühle mich hier mittlerweile zu Hause“, antwortet der Konzernchef auf unsere erste Frage. Ob Grosse ein guter Schauspieler ist, können seine Freunde und seine engsten Anverwandten vermutlich besser beurteilen als wir. Unser Eindruck ist aber: Er spielt uns hier gerade nichts vor. Von der einen oder anderen Gewohnheit berichtet er, die sich inzwischen etabliert habe. Und von „charmanten Orten“, an denen er sich „sehr wohl“ fühlt: „Ich jogge gern und gehe auch gern spazieren. Der Kiessee ist dafür zum Beispiel eine Umgebung, die mir sehr gut gefällt.“ In den ersten Monaten seit seinem Antritt habe er auch ein paar „lauschige Plätzchen“ in der Göttinger Innenstadt ausgemacht, an denen man zum Beispiel gut mit Freunden und Kollegen essen gehen oder ein Gläschen Wein trinken könne.
Dass er dann direkt einen Schwenk zum Unternehmen sucht, nehmen wir ihm nicht übel: „Sehr speziell finde ich auch das Sartorius-Quartier, wo für mich die Wurzeln des Unternehmens zusammenkommen.“ Die Kulturveranstaltungen dort begeistern ihn; Grosse selbst liebt vor allem klassische Musik und will in diesem Jahr erstmals die Göttinger Händel-Festspiele besuchen. Auch die von Sartorius initiierte Life Science Factory ist im Quartier angesiedelt. „Für mich ist das einfach ein besonderer Ort“, stellt Grosse heraus.
Die meiste Zeit verbringt er allerdings auf dem Sartorius-Campus. Später wird er uns erzählen, dass dies für ihn sogar der attraktivste Arbeitsplatz ist, an dem er jemals gewirkt hat. Schaut man sich seine berufliche Vita an, wird der Wert dieser Aussage deutlich.
Michael Grosse ist promovierter Maschinenbauingenieur und war in den vergangenen 20 Jahren in verschiedenen Führungs- und Vorstandspositionen in der Verpackungsindustrie für die Pharma- und Lebensmittelbranche tätig. Von 2020 bis 2023 führte er als Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO die Syntegon Technology GmbH, einen international tätigen Anbieter für Prozess- und Verpackungslösungen, der 2019 aus der Bosch-Gruppe ausgegliedert worden war. Zuvor arbeitete Grosse beim Schweizer Unternehmen Tetra Pak – seit 2006 als Mitglied des Vorstands –, wo er unter anderem den Ausbau des globalen Servicegeschäfts verantwortete und verschiedene Leitungsfunktionen im Bereich Produktentwicklung innehatte. Vor seinem Einstieg bei Tetra Pak war er in der Automobilindustrie zu Hause, wirkte zwischen 1993 und 2003 in verschiedenen Führungspositionen bei BMW und Ford.
Führung – das hat für Michael Grosse vor allem mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die seiner Mitarbeiter an allen Konzernstandorten. Er weiß, dass sich große Ziele nur gemeinsam erreichen lassen. Und er hat eine neue Führungskultur ins Unternehmen gebracht: Grosse duzt alle Kolleginnen und Kollegen und diese dürfen ihn ebenfalls duzen.
„Für den einen oder anderen war das am Anfang vielleicht ein Stück weit irritierend, aber für mich ist das ein total normaler Umgang“, sagt der Konzernchef – der mehr als 20 Jahre seines beruflichen Lebens im Ausland verbracht hat. „Deswegen ist die Ansprache mit ,Michael‘ und ,du‘ für mich ganz natürlich. Außerdem sorgt das für einen direkten und offenen Austausch – egal mit wem im Unternehmen. Und der ist notwendig und wichtig, damit wir gut vorankommen.“ Verena Sattel, die ebenfalls mit am Tisch sitzt, nickt zustimmend – räumt aber ein, dass sie in der Anfangszeit noch einmal kurz ins „Sie“ zurückgefallen sei. Damit ist sie sicher nicht allein: Die Sartorius-Familie war das Duzen einfach lange nicht gewohnt unter der mehr als 22 Jahre währenden Ägide von Joachim Kreuzburg.
Zu seinem Vorgänger, der Sartorius in vielerlei Hinsicht geprägt hat, pflegt Grosse ein freundschaftliches Verhältnis. Er schätzt ihn – auch, weil es von Anfang an keine Bevormundung oder besserwisserischen Ratschläge gegeben habe: „Er hat mir schlicht und einfach seine Perspektive aus dem Unternehmen aufgezeigt. Er hat mir den Kontext der Entwicklung, der Strategie, des Fortschreitens gegeben, hat mir aus seiner Sicht die Herausforderungen und die Möglichkeiten geschildert, hat mich mit den Leuten zusammengebracht, die ich kennenlernen musste. Er war ein super Wegweiser, hat aber sein eigenes Urteil klar zurückgenommen und gesagt: Suche, finde und gehe deinen eigenen Weg. Und das ist exakt das, was ich tue.“ Reingeredet habe Kreuzburg ihm nie, bis heute nicht. Die beiden treffen sich noch hin und wieder zum Dinner. „Wir reden dann über alle möglichen Dinge, natürlich über das Umfeld und ein bisschen über die Industrie, aber genauso auch über Privates, über Musik, über Urlaub, über Menschen, über das Leben und über die Lage der Nation.“
Die Lage der Nation – und die der ganzen Welt – beschäftigt Grosse natürlich auch im Sartorius-Kontext tagtäglich. Die Corona-Pandemie wirkt in manchen Bereichen immer noch nach; Kriege und globale Entwicklungen in der Außen-, Geo- und Handelspolitik hinterlassen Spuren. „Das alles hat Einfluss auf jedes Unternehmen, das gilt auch für unsere Branche“, weiß Grosse.
Sartorius – mit seinem weltweiten Produktions- und Innovationsnetzwerk – sieht er aber auch für widrige Bedingungen gut aufgestellt. Und dort, wo Herausforderungen zu meistern sind, brauche man eben eine „Klaviatur, auf der man die entsprechenden Tools so schnell und so gut wie möglich spielen kann.“ Da müssten auch mal Lieferketten umgestellt, Preise angepasst oder Kapazitäten erhöht werden – nichts, was das Unternehmen aus der Ruhe bringen würde. Zumal es der Industrie, in der Sartorius zu Hause ist, „eigentlich gut geht“, wie Grosse betont: „Wir haben Wachstum im Markt, wir haben hoch attraktive Technologien und ein sehr gutes Portfolio.“ Dennoch bleibt das Umfeld an der einen oder anderen Stelle unvorhersehbar. „Da müssen wir auch in der Lage sein, sehr schnell zu agieren und uns anzupassen“, sagt Grosse. Er spricht dann gern davon, „die Flexibilitätsmuskeln zu trainieren“, um schnell Entscheidungen treffen zu können. Da sieht er nicht nur sich selbst in der Verantwortung, sondern auch seine rund 14.000 Mitarbeiter weltweit.
Dass Grosse selbst flexibel ist, hat er schon viele Monate vor seinem Amtsantritt recht eindrucksvoll bewiesen: Er hat tatsächlich noch einmal anderthalb Semester studiert. Biochemie. „Ich finde nichts schlimmer, als wenn man in ein Unternehmen reinkommt und erst mal 50.000 Fragen stellen muss. Für mich war das einfach eine Form von mentaler Vorbereitung.“ Grosse hat also nicht nur Geschäftsberichte gelesen, Zahlen analysiert, mit Branchenkennern gesprochen und sich die Life-Science-Industrie angesehen – er hat sich durch das Mini-Studium auch fachlich detailliert auf Stand gebracht. „Und da ist für mich Biochemie einfach eine Grundvoraussetzung, um schlicht und einfach zu verstehen, was wir machen. Also war das eher ein natürlicher Schritt.“ Den so vermutlich nicht jeder gehen würde.
Grosse ist ihn gegangen, und dem Vernehmen nach hat ihm das viel Anerkennung und Respekt in der Belegschaft eingebracht, auch wenn er seine „Zusatzqualifikation“ nicht an die große Glocke gehängt hat. Entscheidender war für ihn etwas anderes: „Für mich ist es schon wichtig gewesen, die ersten Monate in erster Linie mit Zuhören zu verbringen. Wirklich tief reinzukommen ins Unternehmen, mit Kunden zu sprechen, mit den Kolleginnen und Kollegen zu reden an den verschiedenen Standorten weltweit – und natürlich auch hier am Campus.“
Aus diesen Eindrücken entwickelt Grosse – nicht als Einzelkämpfer, sondern im Team – Strategien, wie sich das Unternehmen weiter verstärken kann oder wo künftig neue Akzente zu setzen sind. Das Unternehmensversprechen „Simplifying Progress“ ist für ihn dabei von zentraler Bedeutung: die Vereinfachung von Abläufen, einhergehend mit gesteigerter Geschwindigkeit, vor allem aber auch die Stärkung der Zusammenarbeit mit Kunden sowie untereinander. All das will Grosse verbessern, ohne die Leistungen seines Vorgängers zu schmälern: „Ich habe den Luxus genossen, durch die herausragende Wirkung von Joachim Kreuzburg hier einfach ein enorm gut aufgestelltes, stark ausgerichtetes Unternehmen in einer großartigen Branche vorzufinden. Dazu ein tolles, motiviertes Team und unglaublich kompetente Leute.“
Dass Grosse auf gemeinsamen Erfolg setzt, werden auch die Verantwortlichen all jener Göttinger Kultur- und Sportinstitutionen aufmerksam registrieren, die von Sartorius gesponsert werden. „Wir sind ja wirklich ein wichtiger Teil der Community und fühlen das auch. Und natürlich gilt das für die Belegschaft ganz genauso, für die Menschen in der Stadt. Engagement für Highlights, wie etwa beim Basketball, ist schon etwas, dem wir auch gerne treu bleiben.“
Im Verlauf unseres Gesprächs vermittelt Grosse mehrfach den Eindruck, dass er zwar naturgemäß in Zahlen und Ergebnissen denkt, Wachstum und Erfolg anstrebt – dass er gleichzeitig aber nicht alles andere diesem Streben unterordnet. Er selbst beschreibt das so: „Ich habe einige wichtige Triebfedern in meinem Wirken, Handeln und in meinem Führungsverständnis. Dabei spielt der Wille zum Erfolg genauso eine große Rolle wie die Themen Neugier und Leidenschaft.“
Im Unternehmen heißt das: Grosse gibt nicht immer nur von oben vor, was zu tun ist: „Es sind die Fragen, die man stellt, die dann den Unterschied machen.“ Zwar könne die Art der Fragen schon eine gewisse Richtung vorgeben. Aber: „Für mich ist es immer das beste Gefühl, wenn ich feststelle, dass durch die Fragen auf der anderen Seite ein Erkenntnisgewinn und dadurch automatisch eine Orientierung stattfindet, als wenn man jemandem sagt: Ich möchte, dass du genau das so machst und ich erwarte, dass das umgesetzt wird.“ Gemeinsam zu diesen Erkenntnisgewinnen zu kommen, gemeinsam Blicke zu schärfen und Prioritäten zu erarbeiten – das ist ein wesentlicher Teil von Grosses Philosophie. „Wir arbeiten in einem Geschäft, das hauptsächlich auf Vertrauen basiert. Unsere Technologien, unsere Produkte, unsere Kompetenz – all das muss bei unseren Kunden Vertrauen schaffen. Gleichzeitig müssen wir in unserem Wirken, unseren Voraussagen und in dem, was wir dann an Financial Performance abliefern, verlässlich sein. Das mag langweilig klingen, aber es ist exakt diese Art von Langweile, die der Kapitalmarkt sehr schätzt. We do what we say – and we say what we do.“
Nach der Achterbahnfahrt während und nach der Pandemie und aktuellen Sondereffekten, die sich unter anderem aus politischen Entwicklungen ergeben haben – Stichwort Zölle –, sieht Grosse den Konzern 2026 in einem weiteren Übergangsjahr, gleichzeitig aber auch weiter auf Wachstumskurs. Zwischen fünf und neun Prozent Wachstum sind über beide Konzernsparten hinweg für das laufende Jahr prognostiziert. „Es gibt zwar noch eine etwas gedämpfte Nachfrage bei Investitionsgütern, Anlagen und Instrumenten“, sagt Grosse. Auf das Prinzip Hoffnung will er deshalb aber nicht setzen, eher auf Transparenz. Und auf das, was Sartorius in der Pipeline hat: „Das, was wir an Innovationen in Sachen KI-gestüzter, bioanalytischer Instrumente machen und was wir mit unserem zuletzt erworbenen Bereich Advanced Cell Models vorhaben, ist phänomenal. Und wir haben wirklich fundamentale Innovationen am Start.“
Da Thema KI hält Grosse für besonders wegweisend. Übergeordnet gehe es um die Integration künstlicher Intelligenz „in unsere Fähigkeiten, in unsere Single-Use-Applikationen, in unsere Systeme“. In Kürze bringt Sartorius ein innovatives System für die voll automatisierte Zelltherapie an den Start. „Und das ist wahrscheinlich weltweit ein bahnbrechender Ansatz, den wir da zusätzlich zu unseren Kerntechnologien anbieten werden“, blickt Grosse voraus.
Nach diesen vielversprechenden Ankündigungen stellen wir Grosse eine mutmaßlich unbequeme Frage – die sich für ihn aber gar nicht so anfühlt. Wir wollen wissen, wie er mit der selbst so bezeichneten „Egodelle“ umgegangen ist, als Sartorius aus dem DAX gefallen und seither „nur noch“ im MDAX gelistet ist. „Das Thema beschäftigt uns hier überhaupt nicht“, betont er – auch wenn er davon ausgeht, dass eine Rückkehr in den DAX für Sartorius früher oder später „unausweichlich“ ist, im positiven Sinne natürlich. Aber für das Employer Branding am Standort Göttingen spiele die Zugehörigkeit „absolut keine Rolle“. Dafür sei der Sinn und Zweck des Unternehmens viel bedeutsamer: Better health for more people. „Ich erlebe, dass es das ist, was die Menschen antreibt“, macht Grosse deutlich. Für etwas zu arbeiten, das einen selbst stolz und zufrieden macht, das sei das deutlich bessere Argument.
Dann holt er aus, und es fühlt sich ein bisschen so an, als würde er uns jetzt einen Blick hinter die Fassade gewähren. Grosse spricht von drei großen Elementen, die aus seiner Sicht ganz wesentlich zur Lebensqualität beitragen: „Das eine ist: Man muss genug haben, um vernünftig leben zu können. Das Zweite ist Liebe, und das Dritte ist Gesundheit.“ Und gerade die Gesundheit, die Sartorius mit seinen Produkten idealerweise für immer mehr Menschen verbessern will, findet Grosse „essenziell“.
Um Fachkräfte für ein Unternehmen gewinnen zu können, sei aber auch dessen Innovationskraft enorm wichtig. „Biopharma ist immer noch eine recht junge Branche. Und es passiert gerade so viel: Immer mehr Krankheiten können nicht nur besser behandelt, sondern auch geheilt werden. Die Perspektive ist phänomenal, finde ich. Für Leute, die Innovation mögen, die Fortschritt mögen, die technologisch orientiert sind, die Veränderung wollen und die selbst auch dynamisch sind, ist das hier ein perfekter Ort.“
Dazu kommt noch: Die Unternehmenswerte in Bezug auf Offenheit und Nachhaltigkeit stoßen nach wie vor auf positive Resonanz bei jungen Talenten. Und nicht zuletzt sei der Sartorius-Campus eben ein erstrebenswerter Platz zum Arbeiten. „Wenn man irgendwo am Teich sitzt, sich nach einem hervorragenden Mittagessen im Betriebsrestaurant ein Eis in unserem italienischen Bistro holt, übers Wasser guckt und über Strategien und Möglichkeiten diskutiert, gleichzeitig weiß, die Kinder sind in der betriebseigenen Kita toll betreut – das ist einfach ein sehr attraktives Umfeld, in dem wir hier arbeiten dürfen. Und ich glaube, das macht dann auch einen Unterschied.“
Nach diesem kleinen Werbeblock wollen wir wissen, wie es denn mit seinen eigenen Werten aussieht. Den Unternehmenslenker Grosse können wir nach der ersten halben Stunde schon ganz gut einordnen. Aber was ist eigentlich dem Menschen Michael Grosse wichtig? Während andere CEOs an dieser Stelle vielleicht eher Floskeln auspacken, freut sich Grosse sichtlich über unsere Frage. Das überrascht uns fast ein wenig.
Aber wir lassen ihn gern erzählen: „Erstens kann ich mit den Werten, die wir hier haben, sehr viel anfangen, weil sie auch mich ausmachen, und deswegen fühle ich mich auch wohl hier. Für mich persönlich sind aber natürlich auch bestimmte Dinge wichtig. Ich bin ein sehr aktiver, familienorientierter Mensch. Ich finde die Themen Liebe, Verlässlichkeit und Freundschaft sehr, sehr wichtig.“ Verbindungen mit Menschen – und Menschen zu verstehen –, das werde ihm mit der Zeit immer wichtiger. „Das hätte ich vor 30 Jahren nicht unbedingt vorangestellt“, verrät er. Grosse will etwas Sinnhaftes tun und dabei gleichzeitig authentisch sein. „Es geht auch darum, in sich selbst zu ruhen und einfach man selbst zu sein. Dann kann jeder erkennen, wie man ist und wer man ist.“ Und genau das baue aus seiner Sicht eine „enorme Brücke“ zu den Menschen: „Es schafft Vertrauen, es schafft Verlässlichkeit und Voraussehbarkeit. Das sind Dinge, die mich umtreiben – und ich glaube, die mich auch ausmachen.“
Langsam ahnen wir, dass diese Prinzipien ihn nicht nur im Berufsleben begleiten. Denn ja, selbst der CEO eines global agierenden Konzerns hat auch ein Privatleben: „Ich habe drei Kinder, zwei davon sind Mädchen im Teenager-Alter. Das ist herausfordernd und anspruchsvoll. Ich freue mich über jede Stunde, die ich mit ihnen verbringen kann – und darüber, zusammen mit meiner Frau und meinen Kindern unser Leben zu leben.“
Grosse räumt ein, dass der zeitliche Aspekt oft eine Herausforderung ist: „Ich weiß nicht, ob man das wirklich Balance nennen kann, wenn man als CEO von seiner eigenen Work-Life-Balance redet“, sinniert er. Aber er scheint für sich einen guten Weg gefunden zu haben: „Ich glaube, es ist wichtig, in der Work auch ein Life zu empfinden. Deswegen finde ich es ganz wichtig, mich auch im Unternehmen wirklich wohl zu fühlen, mich selbst zu spüren und ich selbst zu sein, in meiner Rolle hier bei Sartorius. Das ist für mich ein Teil meines Lebens. Und das Familienleben ist natürlich sehr stark konzentriert auf die Zeit, die ich dann habe.“
Die nimmt er sich dann aber auch – „relativ kompromisslos“, wie er sagt: „Ich fokussiere mich, wenn ich hier bin, zu 100 Prozent auf das, was ich hier mache. Wenn ich bei der Familie bin, bemühe ich mich genauso, das auch andersrum zu machen.“ Was Grosse im Vergleich zu vielen anderen Menschen offenbar gut gelingt: „Ich nehme sehr wenig an beruflichen Gedanken oder Stress mit in mein Privatleben. Ich bin also dann zu 100 Prozent da und kann sehr schnell von dem einen Leben ins andere Lebenumschalten, weil ich eben immer ich selbst bleibe.“
So wie Grosse bei seiner Familie zur Ruhe kommt, soll es auch rund um die Großbaustellen an der Göttinger Konzernzentrale bald deutlich ruhiger werden: „Wir haben jetzt über die letzten gut zehn Jahre hier rund 1,4 Milliarden Euro investiert. Das ist eine enorme Summe, sie macht etwa 40 Prozent unseres gesamten Investitionsportfolios aus.“ Die Norderweiterung soll etwa zum Jahreswechsel 2026/27 fertig sein; dort entstehen für die Filterproduktion unter anderem weitere Reinräume, Labors, Büro- und Innovationsflächen.
Über die vergangenen rund sechs Jahre hat Sartorius in Göttingen in beachtlichem Umfang zusätzliche Kapazitäten aufgebaut – und die will man jetzt auch nutzen: „Neben der gesteigerten Produktionskapazität wird der Fokus hier sein, in der Produktentwicklung und im Bereich Innovationen weitere Akzente zu setzen und uns auch beim Thema KI in eine führende Position in der Industrie zu bringen.“ Weitere größere Bauaktivitäten sind in Göttingen also erst einmal nicht zu erwarten.
Dass hier in den kommenden Jahren nicht in noch mehr neue Gebäude investiert wird, muss aber niemanden beunruhigen. Und das stellt auch Grosse selbst klar: „Göttingen ist mit rund 3750 Mitarbeitern für unser Unternehmen Herz, Kopf und Motor, wie es mein Vorgänger oft genannt hat. Hier kommen wir her, hier sind unsere Vergangenheit und unsere Wurzeln, es ist Heimat und Zukunft. Es ist der Ort, an dem Ideen und Technologien entstehen.“
Jede Menge Ideen entstehen seit mittlerweile rund vier Jahren auch in der eingangs schon erwähnten und mittlerweile längst etablierten Life Science Factory im Sartorius-Quartier an der Annastraße, die in München 2024 auch schon eine Art Ableger bekommen hat. „Die Idee war hier in Göttingen von Anfang an, ein Ökosystem für die Life Sciences zu schaffen. Dass wir dabei eine aktive Rolle spielen und das auch weiterhin tun werden, ist Teil unserer DNA und unserer Berufung“, erklärt Grosse.
Zusammen mit verschiedenen regionalen Partnern aus Industrie und Forschung ist inzwischen ein Innovationsinkubator für Start-ups im Bereich Life Sciences entstanden – auch mit dem Ziel, Göttingen als Life-Science-Standort zu positionieren und zu stärken, so wie es an anderen Standorten wie Heidelberg oder Mainz auch schon gelungen ist. Mit der erfolgreichen GOe-Future-Initiative und bis zu 20 Millionen Euro an Fördermitteln sollen in Göttingen in den nächsten Jahren quasi Life-Science-Start-ups am Fließband produziert werden können – so hatte es GOe-Future-Geschäftsführerin Elisabeth Zeisbergschon bei der Verleihung der Innovationspreise im vergangenen Jahr formuliert.
Das Ziel ist ambitioniert: In Südniedersachsen soll quasi ein Silicon Valley für Life Sciences entstehen. Und das soll bestenfalls dann auch weit über die Region hinaus als solches anerkannt werden.
Grosse weiß: „Das muss jetzt natürlich von allen Seiten getragen und angenommen werden.“ Er selbst komme aus einer Industrie, die das Land lange entscheidend geprägt habe. Dass die Autobranche nach wie vor viel Aufmerksamkeit bekommt, schon weil enorm viele Arbeitsplätze dranhängen, versteht Grosse. „Trotzdem ist es mindestens genauso wichtig, auch die Zukunftsthemen für Deutschland stärker zu bewerben, stärker zu fördern, im Rahmen von Gesetzgebungen, im Rahmen von Innovationsermöglichungen. Und ich glaube, das Life-Science-Thema passt super zu Deutschland.“
Dafür wirbt Grosse ganz ausdrücklich: „Ich möchte mehr Leute gewinnen, die diesen Glauben teilen. Das hilft uns allen.“ Seine Vision dabei: Ein großes, funktionierendes Ökosystem, Start-ups, die ihre Ideen skalieren und Investoren überzeugen, was wiederum zu Arbeitsplätzen führt und weitere Talente in die Region holt. „Das stärkt in meinen Augen auch die Attraktivität der Stadt“, sagt Grosse. Und nicht nur das: „Für das ganze Land Niedersachsen wäre es ein enormer Gewinn, noch viel mehr daraus zu machen. Und für uns entstehen dadurch natürlich neue Ideen, Impulse für Innovation, Partnerschaften, Lieferbeziehungen, auch ein Talenteaustausch. Es gibt nur Vorteile, wenn man es gut macht.“
Ein klarer Appell von Grosse – und gleichzeitig eine deutliche Forderung an die Politik, aber auch an andere Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft, sich für den Life-Science-Standort einzusetzen. In Heidelberg oder Mainz habe das ähnlich funktioniert – weil erfolgreiche Unternehmen als Leuchttürme vor Ort irgendwann immer mehr Fürsprecher aus Politik, Wissenschaft, Forschung und Industrie mobilisieren konnten. „Und ich sage einfach: Warum soll das nicht auch in Göttingen klappen?“
Als wir nach dem Gespräch noch Fotos machen und beim Rausgehen noch etwas mit Michael Grosse plaudern, manifestiert sich der Eindruck, den wir im Laufe unseres Termins gewonnen haben: Hier ist wirklich einer angekommen. Einer mit Werten und Ideen, die mutmaßlich gut zu Sartorius passen. Und wahrscheinlich auch zu Göttingen. ƒ
