Mensch im Mittelpunkt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Berti Kolbow

Otto Bock HealthCare setzt auf Entertainment-Marketing. Das neue “Science Center“ in Berlin dient als Schaufenster, Ausliefer-Station und Business-Treff zugleich. Faszinierende Technik-Spielereien sollen Vorurteile gegen Medizintechnik abbauen. Als Vorbilder dienen die Erlebnistempel der Automobilhersteller.

An die Struktur von Muskelfasern soll die Architektur erinnern: Das würfelartige Gebäude wirkt wie von Bändern horizontal umzogen, lose gespannt, so dass die geschwungenen Fensterpartien viel Einsicht und Licht im Gebäudeinneren zulassen. Überall weiche, abgerundete Formen. Das Exponate-Design möchte man mit Lounge-Interieur assoziieren.

Nichts erinnert in den Ausstellungsetagen des „Science Centers“ auf den ersten Blick daran, dass es hier um Hilfsmittel für körperliche Behinderungen geht. Darauf, seine Produkte in den Vordergrund zu stellen, hat der Medizintechnik-Konzern aus gutem Grund verzichtet. Damit positive Emotionen zu wecken, funktioniert einfach nicht.

„Das ist ein schwieriges Thema“, sagt Hans Georg Näder, Chef der Otto-Bock-Firmengruppe, der daher auf subtilere Weise versucht, sich und sein Sortiment im Bewusstsein der Besucher zu verankern.

Im Erd- und Zwischengeschoss erklären Installationen die motorische Komplexität von scheinbar selbstverständlichen Bewegungsoptionen wie „greifen“ und „gehen“. Veranschaulichend wird dies auf thematisch einschlägige Lebenssituationen heruntergebrochen, etwa für die Zeit nach einem Schlaganfall, im Alter und im Fall einer Diabetes-Erkrankung.

„Wir wollen den Menschen begreifbar machen, wie weit Hightech-Lösungen bei eingeschränkter Gesundheit oder körperlicher Behinderung Mobilität und Lebensqualität wieder herstellen können“, erklärt Näder. Die Technik soll für sich selbst sprechen und dürfte dabei vor allem multimediaaffine Besucher erreichen.

Interaktive Exponate motivieren zum Mitmachen. Eingaben erfolgen häufig auf berührungsempfindlichen Displays. Eine Installation simuliert eine tiefe Schlucht, die es virtuell zu überqueren gilt. Das Fahrgefühl mit einem Rollstuhl durch die Stadt simuliert eine andere. Stößt man etwa gegen einen Bordstein, summt, brummt und rüttelt es. Wie bei einem Videospiel.

In diesen Tagen veröffentlicht der Medizintechnik-Konzern für Besitzer des trendigen Mobiltelefons „iPhone“ eine Zusatzanwendung, die spielerisch den menschlichen Bewegungsapparat demonstriert und – letztlich für das Science Center wirbt.

Willkommen in der Otto-Bock-Erlebniswelt! Die Ähnlichkeit zu Örtlichkeiten wie der Autostadt oder der BMW-Welt sind nicht zufällig. Otto Bock orientiert sich Hans Georg Näder zufolge ganz bewusst an diesen Vorbildern und überträgt das Marketing-Konzept des so genannten Mixed-Use-Centers erstmals auf die Medizintechnik-Branche. Bei der Gestaltung der Ausstellung hat sich Otto Bock von einer Berliner Agentur beraten lassen, die auch schon für VW und BMW tätig war.

Neben dem Erlebnisbereich für Nicht-Fachbesucher birgt das Gebäude auch Räume für Vorträge und Konferenzen. Lehrveranstaltungen für Orthopädietechniker finden bereits in Duderstadt statt, in Berlin sind Ärzte-Seminare vorgesehen. Und obgleich Hans Georg Näder das Science Center weniger als Museum oder Showroom verstanden wissen möchte, können sich Besucher im zweiten Stock über das Otto-Bock-Sortiment informieren – und gleich anpassen lassen. Die Ausstattung für die Patientenversorgung mit Highend-Produkten wurde im Penthouse integriert.

Otto Bock möchte mit dem 20 Millionen Euro teuren Science Center einen Beitrag zur Markenbildung leisten. Im Fokus hat das Unternehmen vor allem den voraussichtlich wachsenden Kreis von Menschen, die für hochwertige Gesundheitsprodukte selbst zahlen müssen.

Näder geht davon aus, dass körperliche Beeinträchtigungen künftig alltäglicher werden und hält einen Paradigmenwechsel wie in der Augenoptik auch in seiner Branche für möglich. Prothesen und Orthesen könnten irgendwann keine „Mitleidsprodukte“ mehr darstellen. Die Bereitschaft, für hochwertige und ästhetisch ansprechende Hilfsmittel Aufpreise zu zahlen, dürfte zunehmen. „Sich als Hersteller früh im Bewusstsein der Kundschaft zu verankern, ist daher unverzichtbar“, erklärt Hans Georg Näder im faktor-Interview.

Auch die Politik gehört zur Zielgruppe des Science Centers. „Wir brauchen die Politik“, räumt Näder ein. In Berlin sei der Aufwand, wahrgenommen zu werden, viel geringer als am Firmenstammsitz. Der Reichstag und die Niedersächsische Landesvertretung liegen in Sichtweite.

Auch in der Hauptstadt ansässige Patienten-und Wohlfahrtsverbände lassen sich leichter vor Ort ansprechen. Zwar verfügt Otto Bock bereits im Beisheim-Center über eine Hauptstadt-Dependenz. Doch mit dem Science Center dürfte sich das eigene Geschäft Dritten nun deutlich „greifbarer“ vermitteln lassen.