Melodische Führung

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Heidi Niemann, redaktion

Es gibt wohl kaum eine augenfälligere Verkörperung des Führenden als die eines Dirigenten. Wie er da auf seinem Podium steht und allein mit seinen Bewegungen die Musiker leitet, übt eine große Faszination auf das Publikum aus. Aus diesem Grund ist auch Christoph-Mathias Mueller auf dem faktor-Cover in Aktion zu sehen. Im Interview erklärt der 47-Jährige, wie entscheidend Emotionen und die Länge seines Taktstocks beim Führen von Menschen sind.

Herr Mueller, warum sind Sie nicht Musiker, sondern Dirigent geworden?

Ich habe zunächst Violine studiert. Mir wurde jedoch relativ schnell klar, dass dieses Instrument zu klein für mich war. Ich hatte immer das Gefühl, an Grenzen des Ausdrucks zu stoßen. Außerdem hat mich seit jeher das Orchester-Repertoire fasziniert, diese unglaubliche Breite.

Welche Fähigkeiten braucht man, um ein Orchester führen zu können?

Ein Dirigent muss eine umfassende Bildung haben, nicht nur in musikalischen Dingen, sondern auch in Geschichte, Kunst oder Literatur. Ich finde auch, dass ein Dirigent ein Instrument beherrschen muss, damit er ein Recht hat, vor dem Orchester zu stehen. Außerdem muss er physisch in der Lage sein, musikalische Ideen auszudrücken. Dirigieren ist auch etwas sehr Körperliches, und dafür braucht man schon eine gewisse Begabung. Ein Dirigent muss eine ganz klare musikalische Idee haben und fähig sein, diese Idee im Kontakt mit dem Orchester umzusetzen. Außerdem möchte ich ein anständiger Mensch sein. Wenn man seine Ideen transportieren will, sollte man auch die anderen als Menschen wahrnehmen. Für mich ist das auf jeden Fall eine Grundvoraussetzung, um diesen Beruf ausüben zu können.

Inwiefern spielte der Reiz der Macht eine Rolle?

Das war nie meine Motivation. Mir ging es darum, andere motivieren zu können, eine Idee präsentieren zu können, die die anderen überzeugt. Der Beruf des Dirigenten bringt es dann mit sich, dass man mit Macht umgehen muss. Das ist mit viel Arbeit, Erfahrung und auch Niederlagen verbunden. Man hat eine hoch ausgebildete Gruppe von Menschen vor sich, und diese muss man überzeugen. Wenn man sie überzeugt, gewinnt man Respekt, und dadurch hat man tatsächlich auch Macht, allerdings nur über eine begrenzte Zeit, nämlich solange das Stück dauert. In diesem Moment übt man Macht aus, auch über das Publikum. Ein schönes Gefühl, das hat auch etwas Euphorisierendes. Wichtig ist, dass man Menschen um sich hat, die einen dann wieder auf den Boden bringen.

Wie bereiten Sie ein Konzert vor?

Wir beginnen zwei Tage vorher mit den Proben, die jeweils zweieinhalb bis drei Stunden dauern. Am dritten Tag folgt die Generalprobe, abends dann das Konzert. Die Probenarbeit ist ein hoch konzentrierter und sehr komplexer Prozess. Da die Programme ständig wechseln, muss ich schon zu Anfang eine ganz klare musikalische Idee haben. Ich habe keine Zeit zum Diskutieren. Ich muss meine Idee so transportieren, dass der Musiker sie akzeptieren kann. Im Idealfall spielt er meine Idee so, als wenn es seine wäre. Während der Proben reagiere ich auch auf das Orchester, auf all die verschiedenen Erfahrungen, die mir von dort entgegenkommen. Und wenn mir etwas gefällt, bin ich bereit, meine musikalische Idee zu modifizieren. Manchmal hat ein Musiker eine schönere Idee, und dann ist es für ihn wie für mich eine wunderbare Sache, wenn er diese ausdrücken kann.

Führungskräfte in Unternehmen machen gerne Zielvorgaben. Welches Ziel verfolgt ein Orchester?

Wir arbeiten gemeinsam auf einen Moment der Magie hin. Und wenn uns das gelingt, dass alle am selben Strang ziehen, dann spürt es auch das Publikum, und es entsteht ein Sog, der ein gutes Konzert zu einem außerordentlichen macht. In dem Moment gibt es auch keine Machtfrage mehr, das ist komplett unwichtig, da geht es um etwas Höheres, um etwas, was man gemeinsam erreicht hat. Solche Momente sind eher selten. Man erinnert sich auch nach Jahren noch an solche Konzerte. Das ist es, was man jedes Mal anstrebt.

Und was machen Sie, wenn der Funke mal nicht überspringt?

Das Schöne an der Musik ist ja auch ihre Vergänglichkeit. Wenn man ein Konzert absolviert hat, kann man wieder von vorne beginnen, und das ist immer auch eine Chance. Ich baue immer auch auf den Erfahrungen der früheren Konzerte auf.

Das Orchester hat eine lange Tradition. Ist das manchmal auch hinderlich?

Es gibt im Orchester ein kollektives Erinnern. Das merkt man, wenn man ein bestimmtes Repertoire spielt. Manche Dinge laufen dann wie von selbst. Das kann gefährlich sein, zum Beispiel, wenn etwas als selbstverständlich gilt, was der Komponist eigentlich anders notiert hat. Dann muss man dagegen arbeiten. Das ist manchmal sehr schwierig, weil diese Gewohnheiten meistens Jahrzehnte alt sind. Aber ich bin natürlich auch aufgefordert, neue Ideen zu bringen. Genau diese Herausforderungen machen den Beruf so spannend.

Im Orchester spielen Musiker aus 20 Nationen. Wie kann aus so vielen unterschiedlichen Mentalitäten und Altersgruppen ein harmonisches und leistungsstarkes Team entstehen?

Das ist schon eine schwierige Aufgabe. Orchestermusiker haben einen anstrengenden und auch körperlich harten Beruf, ich vergleiche das gerne mit Hochleistungssportlern. Jeder Musiker steht vor dem Problem, dass es ab 30 körperlich bergab geht. Das kann man zum Teil mit Erfahrung wettmachen, aber zum Teil kommt man da auch an Grenzen. Es kommt daher immer wieder vor, dass Musiker wegen gesundheitlicher oder anderer Probleme nicht mehr voll motiviert sind. Um sie in das Gesamtensemble integrieren zu können, muss ich sie in der kurzen Probenzeit dazu bringen, über sich hinauszuwachsen.

Und wie machen Sie das?

Indem ich versuche, ihre Schwächen zu kompensieren und ihre Stärken zu unterstreichen. Manchmal reicht ein Lächeln oder eine Geste. Man kann auch bestimmte Passagen proben und versuchen, die Schwachstellen individuell zu bearbeiten und zu verbessern. Man kann auch die Positionen der Musiker ändern, indem man sie umsetzt. Bei den Streichern ist das zum Teil sehr motivierend, wenn plötzlich ein neuer Kollege da sitzt, das kann eine ganz neue Inspiration sein. Dann gibt es natürlich auch Personalgespräche, wo man die Dinge klar benennen und einen gewissen Druck ausüben muss. Das ist allerdings das letzte Element, denn unter Angst und Stress ist es schwierig, Musik zu machen und kreativ zu sein.

Inwiefern unterscheidet sich die Personalführung in einem Orchester von anderen Unternehmen?

Der Unterschied besteht vor allem darin, dass das meiste auf einer nonverbalen Ebene stattfindet, wo man nur auf Klänge und Stimmungen reagiert. Genau das macht es manchmal auch so schwierig. Musiker sind nicht darin ausgebildet, sich verbal auszudrücken, das merkt man immer wieder. Gerade deshalb ist eine offene Kommunikationsstruktur ganz wichtig, und diese versuche ich auch zu pflegen.

Übt ein Dirigent auch eine Coaching-Funktion aus?

Ja, durchaus. Ich bin manchmal Beichtvater, manchmal Ratgeber, manchmal nur Zuhörer oder Projektionsfläche für alle möglichen Gefühle. Ich sehe mich hier in einer großen Verantwortung, weil ich überzeugt bin, dass auf lange Sicht nur die Qualität das Überleben eines Kulturbetriebes wie eines Orchesters gewährleistet. Das Göttinger Symphonie Orchester hat in den vergangenen Jahren seine Qualität enorm gesteigert und wird auch deutlich mehr wahrgenommen als früher. Um die Qualität erhalten und steigern zu können, muss auch das Umfeld stimmen. Das Publikum würde merken, wenn etwas nicht in Ordnung ist, vielleicht nicht sofort, aber beim zweiten, dritten Konzert würde es das spüren, und das wäre sehr gefährlich.

Wie wichtig ist eigentlich der Taktstock?

Der Taktstock wird von vielen als Symbol von Macht gesehen. Für mich ist er einfach ein praktisches Werkzeug, eine Verlängerung des Armes. Er hilft mir, die Bewegungen, die ich mit dem Arm mache, ökonomisch umzusetzen. Mit dem Taktstock mache ich kleinere Bewegungen, spare also Energie. Außerdem ist er eine visuelle Hilfe für das Orchester. Die Musiker spielen in der Regel nach Noten, gleichzeitig müssen sie dabei den Dirigenten im Blickfeld haben. Da dieser Blickkontakt immer nur kurz sein kann, fokussieren sich die Blicke auf das Ende des Taktstocks. Dabei ist es egal, ob der Taktstock lang oder kurz ist. Ein Kollege dirigiert sogar mit einem Zahnstocher.

Wie lang ist denn Ihr Taktstock?

42 Zentimeter. Ich hatte früher einen kürzeren, mit dem längeren dirigiere ich aber etwas ökonomischer. Das Dirigieren ist ja nie etwas Punktuelles. Was das Dirigieren ausmacht, ist der Weg von A nach B. Diese Bewegung liest das Orchester, und darauf reagiert es, und da kann man den Taktstock ganz unterschiedlich ansetzen. Entscheidender ist eigentlich die andere Hand. Diese modelliert die Nuancen, und diese Schattierungen sind ganz individuell. Das Erstaunliche ist, dass dasselbe Stück mit demselben Orchester mit unterschiedlichen Dirigenten unterschiedlich klingt.

Kann ein Dirigent den Musikern auch mal freien Lauf lassen?

Das Orchester braucht nicht immer einen Polizisten vor sich. Im Laufe der Jahre lernt man zu erkennen, wann man nicht führen muss, wann das Orchester selbst die Führung übernimmt. Und das ist einer der schönsten Momente beim Dirigieren, wenn man nichts machen muss, wenn man es einfach geschehen lassen kann. Das macht das Faszinierende an diesem Beruf aus, dass man die Möglichkeit hat, etwas auszulösen, was auf das Orchester überspringt, etwas, was nichts mit einer Polizeifunktion zu tun hat, sondern mit Inspiration. Genau das sucht ein Orchester.

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?

Inspiration finde ich eigentlich überall. Mich inspirieren zum Beispiel menschliche Begegnungen, die Natur, ein gutes Essen, ein wunderbarer Wein. Viele dieser Erfahrungen teilt man mit den Musikern. Man kann sie dann auch als Inspirationsquelle benutzen, indem man zum Beispiel mit Bildern arbeitet. Wenn man für eine Passage, die auf eine bestimmte Weise klingen soll, ein gutes Bild findet, in dem sich alle wiederfinden, dann ändert sich sofort schlagartig der Klang – und das ist sehr schön. Als Dirigent muss man offen sein und überall Eindrücke aufnehmen, um diese dann einfließen lassen zu können.

Führungskräfte leiden häufig unter Stress. Wie stressig ist Ihr Job?

Der Beruf des Dirigenten ist teilweise sehr anstrengend und zeitaufwendig. Oft isst man erst sehr spät abends, weil man nach einem Konzert häufig noch gesellschaftliche Verpflichtungen hat. Das ist nicht unbedingt gesundheitsfördernd. Dafür ist der Kreislauf sehr gut in Schuss. An und für sich ist es ein gesunder Beruf, weil er auch geistig beweglich hält. Man ist immer gefordert und hat auch immer mit jungen Leuten zu tun.

Stellt die Arbeit mit jungen Menschen eine besondere Herausforderung dar?

Mir fällt auf, dass junge Musiker heute viel zielgerichteter sind und sich viel mehr auf ihre Karriere konzentrieren als früher. Ich hatte mehr Zeit, um mich umfassend zu bilden und zu reisen. Junge Musiker sind zwar meist hervorragend ausgebildet, aber es fehlt ihnen an breit gefächerten Erfahrungen, und das führt manchmal zu Spannungen oder Unverständnis. Wie soll man französische Musik interpretieren, wenn man noch nie den Lavendel in der Provence gerochen hat? Ich sehe meine Führungsaufgabe auch darin, den jungen Musikern dabei zu helfen, den Horizont zu erweitern. Das ist nicht einfach, ich kann ja schlecht etwas vorlesen. Aber ich hoffe, ihnen durch interessante Probenarbeit einige Anregungen geben zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Christoph-Mathias Mueller ist am 26. Februar 1967 in Chiclayo, Peru, geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Er studierte Violine in Basel und Dirigieren in Cincinnati, Ohio. Dann wurde er Conducting Fellow in Tanglewood, Massachusetts, und arbeitete mit Seiji Ozawa, Robert Spano und Leon Fleisher. 1996 wurde Mueller beim Deutschen Symphonie- Orchester in Berlin Assistent von Vladimir Ashkenazy. 2000 gewann er den Internationalen Dirigierwettbewerb in Cadaqués, Spanien. Von 2001 bis 2005 war er Assistenzdirigent von Claudio Abbado beim Gustav Mahler Jugendorchester und von 2003 bis 2005 in derselben Funktion beim Lucerne Festival Orchestra. In der Saison 2004/2005 war er künstlerischer Leiter des Cairo Symphony Orchestra. Seit 2005 ist Mueller Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Göttinger Symphonie Orchesters, seit 2007 Generalmusikdirektor. Darüber hinaus wird Mueller häufig für internationale Gastspiele engagiert. Charakteristisch für Christoph-Mathias Muellers Arbeit ist sein ungewöhnlich vielseitiges Repertoire, seine Offenheit für neue Einflüsse und sein Mut zum Schärfen der Kontraste.