“Mein Herz ist in Südafrika geblieben“

Text von: Heidi Niemann

Als Kind musste er Südafrika verlassen. 2006 kehrte Werner Bendisch aus dem Harz als Werksleiter bei Frötek in sein Geburtsland zurück – und möchte dort eigentlich nie wieder weg.

Fast 30 Jahre seines Lebens hat Werner Bendisch in Deutschland verbracht. Er ist hier zur Schule gegangen, hat erst eine Lehre als Werkzeugmacher und dann sein Fachabitur gemacht und anschließend als Maschinenbauer gearbeitet. Er hat in Deutschland seine Frau kennengelernt, geheiratet, eine Familie gegründet. Doch all die Jahre hat ihn eines nie losgelassen: die Sehnsucht nach dem Land, in dem er geboren wurde und seine ersten Kindheitsjahre verbrachte. 1977 hatten seine Eltern seinem Heimatland aus politischen Gründen den Rücken gekehrt und waren nach Deutschland übergesiedelt. „Mein Herz ist aber immer in Südafrika geblieben“, sagt Werner Bendisch heute. „Ich wollte immer dorthin zurück.“

Ein Vierteljahrhundert später bot sich schließlich eine Chance: Bendisch war 2002 technischer Leiter des Kunststoffherstellers Frötek in Osterode geworden. Das Unternehmen produziert Kunststoffteile für die Automobilbranche und für Batteriehersteller. 2005 bekam er dann das Angebot, nach Südafrika zu gehen, um dort eine neue Niederlassung aufzubauen. Bendisch brauchte nicht lange zu überlegen. „Wir hatten eine schöne Zeit in Niedersachsen, weil kurz vor dem Umzug nach Osterode unser Sohn geboren wurde. Wir haben die Zeit genutzt, um an den Wochenenden und Feiertagen die Harzer Umgebung zu erkunden. Doch auch wenn die Landschaft sehr reizvoll ist, stand für uns immer fest, dass dies nur eine Zwischenstation sein würde.“ Besonders lebhaft sind ihm zwei Ausflüge mit der Schmalspurbahn auf den Brocken in Erinnerung. „Dort konnte man schon mal einen Geschmack davon bekommen, wie der Wind an der Küs te sein würde.“

2006 war es schließlich soweit: Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn zog er wieder in das Land, das er immer als seine eigentliche Heimat empfunden hatte. Ihn reizte jedoch nicht nur die Rückkehr zu den Wurzeln, sondern auch die berufliche Herausforderung. „Wir haben dort ein komplettes Werk aus dem Boden gestampft“, erzählt Bendisch stolz. Inzwischen beschäftigt das südafrikanische Tochter unternehmen 16 Mitarbeiter, wegen der guten Auftragslage soll es im nächsten Jahr weitere Neueinstellungen geben. Die fünf Spritzguss- und Schweißmaschinen sind allesamt gut ausgelastet. „In diesem Jahr haben wir außerdem unser Qualitätsmanagement-System für TS 16949 abgeschlossen“, merkt der Werksleiter freudig an. „Damit können wir jetzt auch für VW produzieren.“

Das Frötek-Werk befindet sich in der Stadt East London am Indischen Ozean in der Provinz Eastern Cape, wo so gut wie alle gro ßen Automobilhersteller mit Niederlassungen vertreten sind. Der Ableger der Südharzer Firma produziert nicht nur Spezial-Kunststoffteile für den südafrikanischen Markt, sondern beliefert auch Kunden in den USA. „Dort haben wir gerade zwei Riesenaufträge bekommen“, sagt Bendisch.

Bislang habe er es keinen einzigen Tag bereut, nach Südafrika zurückgegangen zu sein, im Gegenteil: „Auch meine Frau und mein elfjähriger Sohn fühlen sich hier rundum wohl.“ Ein ganz entscheidender Wohlfühlfaktor sei natürlich das Wetter. Bendisch ist aber auch von den Menschen in Südafrika begeistert: „Die meisten Leute sind unwahrscheinlich freundlich und offen.“ Auch die ethnische Vielfalt und der Mix der Kulturen beeindrucken ihn: „Hier sprechen die Menschen 13 offizielle Landessprachen.“ Die vielen europäischen Einwanderer haben ebenfalls dazu beigetragen, dass Südafrika oft als ‚Regenbogennation‘ bezeichnet wird. ,Multikulti‘ gehe es auch an den Schulen zu. Die Schüler werden hier in drei Sprachen unterrichtet: Englisch, Afrikaans und Xhosa – eine der am weitesten verbreiteten Muttersprachen der afrikanischen Bevölkerung. „Mein Sohn besucht eine Privatschule, an der auch Deutsch gelehrt wird. Sein Abitur wird er in Afrikaans und Englisch ablegen.“

Am stärksten faszinieren ihn indes die Landschaften und die Tierwelt Südafrikas. So fährt Bendisch jedes Jahr mit seiner Familie in einen der Nationalparks. „Diese Naturerlebnisse sind absolut beeindruckend“, schwärmt er. Dort beobachten sie dann Elefanten, Löwen und Antilopen, sitzen abends am Feuer, staunen über den nächtlichen Sternenhimmel und lauschen in der Dunkelheit den Geräuschen der Tiere.

Es gebe jedoch auch viele Gegenden, die alles andere als idyllisch sind. „Südafrika ist ein wunderschönes Land, hat aber Riesenprobleme.“ Gut 20 Jahre nach dem Ende der einst von der burischen National Party verordneten Rassentrennung hat Südafrika immer noch mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Apartheid zu kämpfen. „Die sozialen Unterschiede sind wahnsinnig groß. Es gibt sehr reiche Wohngegenden hier, und es gibt die Wellblechhütten in den Townships.“ Überall dort, wo es viel Armut gibt, gibt es auch viel Dreck und Müll, das ist auch in Südafrika nicht anders. „Das ist natürlich schon ein großer Kontrast zu Deutschland“, sagt der Familienvater. „Doch wenn man hier lebt, muss man sich auch mit diesen Dingen arrangieren. Uns gelingt das eigentlich ganz gut.“

Eine andere Folge der Armut ist die hohe Kriminalität. Wer nicht Gefahr laufen will, überfallen zu werden, sollte manche Gegenden tunlichst meiden. „Mir ist Gott sei dank bislang noch nichts passiert“, sagt Bendisch. Einer seiner Mitarbeiter sei aber schon einmal auf dem Weg zur Arbeit überfallen und ausgeraubt worden.

Wie so vieles in Südafrika ist auch die Frötek-Niederlassung ein ‚Regenbogen‘-Unternehmen. Hier arbeiten etwa gleich viele Mitarbeiter mit heller und dunkler Hautfarbe, auch in der Führungsriege sind beide vertreten. Bendisch würde gerne noch mehr Einheimische in leitende Positionen aufnehmen. „Es ist aber schwierig, gute Leute zu finden. Vielen ist der Standort East London jedoch zu provinziell, sie wollen lieber nach Johannesburg.“

Am Betriebsklima kann es jedenfalls nicht liegen. Dass die Stimmung bei Frötek gut ist, zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Belegschaft regelmäßig beim legendären ‚Discovery Surfers Challenge‘ mitmacht, einem kuriosen Wettrennen zwischen Surfern und Läufern. Im nächsten Jahr findet die ursprünglich einer Wette entsprungene Veranstaltung zum 40. Mal statt. Dann will auch Bendisch unbedingt wieder mitlaufen. „Letztes Mal waren fast alle dabei, nur der Chef nicht, der hatte Knie!“

Die Südafrikaner seien überhaupt ziemlich sportverrückt, so Bendisch. Sie joggen, surfen oder spielen Cricket, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. „Fast jedes Wochenende gibt es irgendwo eine große Laufveranstaltung.“ Der Firmenchef hat sich davon anstecken lassen und ist heute ebenfalls in einer Laufgemeinschaft aktiv. Auch eine andere Leidenschaft vieler Kap-Bewohner teilt er: „Die meisten Südafrikaner haben viele Haustiere, vor allem Hunde.“ Bei Familie Bendisch tummeln sich vier Katzen und zwei Labradore. Typisch südafrikanisch sei auch die Vorliebe für das Grillen. Dank des mediterranen Klimas können die Kap-Bewohner das ganze Jahr über den Grill anwerfen, und das tun sie auch. „Viele Menschen hier sind leidenschaftliche Fleischesser“, erzählt Bendisch. „Vor allem lieben sie gegrilltes Rindfleisch – ich übrigens auch.“

Auch Weihnachten wird bei den Bendischs das Grillfeuer lodern und zwar am Strand – schließlich ist dann Hochsommer in Südafrika. Es wird dazu auch eine Weihnachtsdekoration geben, eine kleine Plastiktanne, die in den Sand gesteckt wird. Eigentlich gibt es nur drei Dinge, die Bendisch in Südafrika vermisst: den Wechsel der Jahreszeiten, deutsches Brot und gute Schokolade. Alles kein Grund, hier jemals wieder wegzugehen. Vielleicht zieht er aber doch noch einmal um – nach Kapstadt: „Das ist einfach eine wunderschöne Stadt.“