“Mehr zuhören, weniger reden“

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Text von: redaktion

Weltenbummler aufgepasst: Am 22. und 23. Januar 2011 findet zum achten Mal das Göttinger Fernwehfestival statt. Was aus einer Initiative von Kai Stietenroth und Matthias Hanke entstanden ist, hat sich in den letzten Jahren zum größten Reisevortragsfestival Norddeutschlands entwickelt. faktor sprach mit Stietenroth über das Festival, seine Arbeit in der Entwicklungshilfe und die Harzer Heimat.

Weltenbummler und Reiselustige aufgepasst: Am 22. und 23. Januar 2011 findet zum achten Mal das Göttinger Fernwehfestival statt. Was aus einer Initiative des Göttingers Kai Stietenroth und des Braunschweigers Matthias Hanke mit Partnern aus der lokalen Wirtschaft entstanden ist, hat sich in den letzten Jahren zum größten Reisevortragsfestival Norddeutschlands entwickelt.

Die Vorträge, Diskussionen und Aktionen rund um die Themen Reisen und Fotografie ziehen regelmäßig mehrere tausend Besucher an. Wir sprachen mit Stietenroth über das Festival, seine Arbeit in der Entwicklungshilfe, die Lust am Reisen und die Harzer Heimat.

Herr Stietenroth, frieren Sie eigentlich hier in Deutschland?
Stietenroth: Oh ja. Und wie.

Warum?
Stietenroth: Ich habe die letzten vier Jahre in Australien bei meiner Freundin gelebt, da ist ja gerade Sommer. Gearbeitet habe ich aber unter anderem in Bangladesh, Pakistan und in Indien als freier Berater für Entwicklungshilfe-Projekte der Gesellschaft für Technische Zusam-menarbeit (GTZ). Derzeit bin ich für die GTZ drei Jahre im Jemen.

Was machen Sie denn im Jemen?
Stietenroth: Ich arbeite im Ministerium am Aufbau und der Entwicklung eines neuen Gesundheitsprogramms mit.

Also eher Ursachenbekämpfung anstatt Symptombehandlung?
Stietenroth: Ja, könnte man so sagen. Die GTZ engagiert sich ja immer mehr in Sachen Gesundheitspolitik.

Ursprünglich sind Sie ja Arzt …
Stietenroth: Ja, aber das letzte Mal, dass ich in der klinischen Medizin gearbeitet habe, war 2002 im Krankenhaus Neu-Mariahilf in Göttingen. Mittlerweile arbeite ich ausschließlich als Berater in der Entwicklungshilfe. Das macht mir mehr Spaß, und ich habe das Gefühl, etwas an der Basis verändern zu können. Direkte medizinische Hilfe ist zwar wichtig, aber kann eben langfristig nicht die Ursachen für Missstände bekämpfen.

Sie waren ja schon viel unterwegs. Welche Reise hat Sie am meisten beeindruckt?
Stietenroth: Die Motorradreise von Deutschland über Asien bis nach Australien und die Reise mit einem alten Lastwagen durch Afrika. In beiden Fällen haben mich zwei Sachen besonders beeindruckt. Erstens: Wie anders sich mir die Realität dargestellt hat, als das, was man in den Nachrichten vermittelt bekommt. Vor allem in Ländern, die hier eher ein negatives Image haben, wie zum Beispiel der Iran. Auch in Libyen waren die Menschen so freundlich gegenüber Fremden, dass man sich davon eine Scheibe abschneiden kann. Und zweitens war es unglaublich, wie positiv viele Menschen mit ihrer Situation umgehen, auch wenn sie kaum über Reichtümer verfügen. Kein Hadern mit dem Schicksal, sondern Zufriedenheit mit dem, was ist.

Waren Sie auf Ihren Resien denn manchmal einsam?
Stietenroth: Ich reise ja immer mit Freunden. Allein reisen ist nichts für mich. Trotzdem gab es einsame Momente. Als wir in der Sahara waren zum Beispiel. Zu wissen, dass die nächsten Menschen unglaublich weit entfernt sind, ist schon ein sehr ungewohntes Gefühl.

Und hatten Sie schon mal richtig Angst?
Stietenroth: Ja. Auf einer Reise in Kamerun. Da wurde ich überfallen, die Täter waren bewaffnet. In der Situation realisiert man aber gar nicht so richtig, was das wirklich mit einem macht. Das merkt man später. Ich konnte nicht mehr richtig schlafen, war unruhig. Der Überfall hat richtige Angst ausgelöst.

Was ist Ihnen wichtig beim Reisen?
Stietenroth: Eine gute Vorbereitung auf das Land. Vor Ort sollte man vor allem mehr zuhören und weniger reden. Man sollte bereit sein, andere Wertesysteme zu akzeptieren. Und wenn man am liebsten alles so hat, wie man es kennt, ist es vermutlich besser, zu Hause zu bleiben.

Was möchten Sie Besuchern des Fernwehfestivals vermitteln?
Stietenroth: Zunächst Offenheit anderen Kulturen und Wertesystemen gegenüber. Besucher sollen Länder aus anderen Blickwinkeln betrachten können, wir wollen Perspektiven aufzeigen – jenseits von den in TV-Dokus dargestellten. Und wir wollen ein Forum sein – für Reisende, die von ihren Erfahrungen berichten.

Wie und wann kam Ihnen die Idee dazu?
Stietenroth: Schon während des Studiums habe ich mit meinem Freund Matthias Hanke, der ebenfalls gern reist, Vorträge organisiert. Daraus ist eine Vortragsreihe geworden, in die wir finanziell ordentlich reingebuttert haben. Nach dem Studium fehlte die Zeit für die Organisation einer ganzen Reihe. So entstand die Idee zum Festival. Wir haben mit Freunden einen Verein gegründet und ein paar Unterstützer wie Foto Bieling, das Hapag-Lloyd-Reisebüro und den Outdoor-Ausrüster Unterwegs & Draußen gewonnen. Jetzt kommen wir meist bei Plus-Minus-Null
raus. Das wenige, was übrig bleibt, spenden wir – letztes Jahr an WWF, diesmal an Amnesty International.

Was erwartet die Besucher 2011?
Stietenroth: Ein Pärchen aus Ulm wird von seiner Fahrradreise durch Südamerika berichten, aus der unverhofft eine Weltreise geworden ist. Und es wird zum ersten Mal einen Deutschland-Vortrag geben von dem National-Geographic- Fotografen Norbert Rosing.

Ist für Sie als Weltenbummler Deutschland überhaupt noch Ihr Zuhause?
Stietenroth: Ja. Und das wird es auch bleiben. Der Harz, Göttingen und Goslar bedeuten für mich Heimat. Hier sind viele meine Freunde, und ich finde es hier einfach sehr schön.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Kai Stietenroth wurde 1970 in Wolfenbüttel geboren und ist in Goslar aufgewachsen. Er studierte Medizin in Göttingen. Seit 2002 war er für humanitäre Hilfs- und Entwicklungshilfe-Organisationen als Public-Health-Berater unter anderem in Indien, im Sudan, in Afghanistan, Pakistan und Bangladesh tätig. Derzeit arbeitet er für die GTZ im Jemen am Aufbau eines neuen Gesundheitssystems. Abschalten kann der 40-Jährige am besten beim Reisen. Stietenroths Traum ist es, einmal von Anchorage, Alaska, die Panamericana mit dem Auto entlangzufahren.

Veranstaltungsort des Fernwehfestivals (22. und 23. Januar 2011) ist das Zentrale Hörsaalgebäude der Universität Göttingen am Platz der Göttinger Sieben.