Mehr “strampeln“ als andere

Text von: Sebastian Günther

Landrat Bernhard Reuter und Unternehmer Lars Obermann über positive Pendlerzahlen und den Fachkräftemangel.

Herr Reuter, hat die Wirtschaftskrise den industriell geprägten Standort Osterode besonders hart getroffen?

Reuter: Hoher Industriebesatz bedeutet Licht und Schatten. Auf der einen Seite sind es wichtige Arbeitsplätze, und auf der anderen Seite heißt Industrie auch ständiger Rationalisierungsdruck, um im globalen Wettbewerb standhalten zu können. Auch sind wir konjunkturanfälliger als andere Regionen und haben die Krise deshalb deutlicher zu spüren bekommen.

Wie äußerte sich das konkret?

Reuter: Die aktuellste Zahl aus September 2009 zeigt im Vorjahresvergleich einen Umsatzrückgang in der Industrie in Osterode um 40 Prozent. Zusätzlich stieg die Arbeitslosenquote von neun auf zwölf Prozent stärker als im Landesdurchschnitt. Wobei zu bedenken ist, dass wir im Falle eines Aufschwungs auch wieder mehr profi tieren als andere.

Herr Obermann, wie stellt sich für Sie die Situation aus Unternehmersicht dar?

Obermann: Ich persönlich war sehr geschockt, als ich vom Umsatzrückgang in dieser Höhe gehört habe. Denn das Bild, das ich gewonnen hatte, war ein anderes. In unserem Kundenkreis haben konsumnahe Unternehmen von der Krise kaum etwas verspürt. Dagegen musste die Industrie mehr Abschläge hinnehmen, die sich aber bei maximal 30 Prozent bewegten. Insgesamt lag der gefühlte Wert des Einbruchs bei etwa 15 Prozent.

Um in Zukunft besser gerüstet zu sein, müsste sich in Osterode nicht ein Strukturwandel vollziehen?

Reuter: Den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft zu schaffen, ist leicht gesagt. Denn dies würde nur mit enormen staatlichen Geldmitteln möglich sein. Musterbeispiel wäre hier das Ruhrgebiet. Eine solche Aufmerksamkeit hat der Harz leider nie gefunden, obwohl wir als alte Bergbauregion ähnliche Probleme haben. Zu der fehlenden Hilfe aus öffentlichen Kassen kommt noch die periphere Lage. Hier findet sich keine Großstadt, kein Flughafen oder ein InterCity-Knotenpunkt. Deshalb sind wir nicht prädestiniert, ein Dienstleistungszentrum zu werden. Wir müssen die Leistungspotenziale aus dem schöpfen, was wir haben – in erster Linie aus der Industrie.

Obermann: Ich denke, an dieser Stelle kann die Politik wenig machen. Das muss aus der Industrie oder dem Dienstleistungssektor selbst kommen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, Produkte anzubieten, die auf den Weltmärkten erwünscht sind. Dahingehend gibt es vor Ort viele positive Beispiele wie die Zentrifugenhersteller Sigma und Thermofisher. Zudem steht hier das größte Druckplattenwerk der Welt. Hier muss man jedoch beobachten, ob geändertes Leseverhalten der Jugend über Internet und alternative Medien noch weiteres Wachstum in diesem Bereich zulassen. Ich erwarte zwar in absehbarer Zukunft durchaus weiterhin eine positive Entwicklung, ein möglicher Rückgang wäre für die Region aber nur schwierig zu kompensieren. Positive Impulse könnte ich mir aber in Verbindung mit der Region Göttingen vorstellen. Sollte sich hier eine große Konzentration entwickeln, könnten wir als Randregion davon profitieren.

Inwieweit ist es möglich, sich an solche Entwicklungen anzukoppeln?

Reuter: Für unsere Entwicklungspotenziale gibt es zunächst den Innenansatz: Hier versuchen wir mit Netzwerken wie MEKOM, der Wirtschaftsförderung sowie mit der Bildungsregion voran zu kommen. Wir sind der festen Überzeugung, dass die knappste Ressource der Zukunft die Fachkräfte sein werden. Deshalb setzen wir stark darauf, die Fachkräfte hier vor Ort auszubilden. Nach Außen wäre es vernünftig, sich in einer größeren Region wie Südniedersachsen enger zu vernetzen. Ich wünsche mir eine deutlich bessere Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Mein Vorschlag lautet, für die Landkreise Osterode, Northeim und Göttingen eine gemeinsame Regionalplanung mit gemeinsamen Zielen vor allem in der beruflichen Bildung zu formulieren. Das würde uns allen nützen, denn wir stehen in einem harten Wettbewerb zu viel stärkeren Regionen.

Der Fachkräftemangel wurde angesprochen. Osterode hat eine positive Pendlerbilanz und zugleich eine hohe Arbeitslosigkeit. Fehlen hier vor Ort schon jetzt die passenden Kräfte?

Reuter: Vielleicht sind die Arbeitskräfte aus den neuen Bundesländern, was Entlohnung oder Arbeitsbedingungen angeht, einfach bescheidener. Vielleicht laufen auch die Qualifikationen auseinander. Für mich steht in diesem Zusammenhang die Frage im Mittelpunkt: Wie können aus Einpendlern Einwohner werden? Dies haben wir bereits versucht. Dabei erwiesen sich die Mobilitätskosten allerdings noch als zu gering.

Obermann: In der hohen Pendlerzahl liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Denn je mehr der Fachkräftemangel voranschreitet, desto eher suchen sich die Pendler wieder Arbeitsplätze in Wohnortnähe. Wir haben zwar noch genügend Bewerber, aber der Pool wird kleiner. Heute müssen wir bei der Qualifizierung deutlich mehr Zugeständnisse machen. Und wenn die Konjunktur wieder anspringt, werden wir schnell vor einem Mangel stehen. Es fehlen dann tatsächlich die Menschen mit den passenden Kompetenzen. Deshalb ist es umso wichtiger, möglichst früh den Kontakt zwischen Wirtschaft und Schule herzustellen. Wir können es uns nicht leisten, das Potenzial der schwieriger auszubildenden Jugendlichen nicht zu nutzen. Auch sie müssen zumindest Grundqualifikationen lernen.

„Wer den Harz abschreibt, verkennt unsere Krisenresistenz.“

Das Netzwerk MEKOM hat bereits den zusätzlichen Ausbildungsberuf zum Mechatroniker an der Berufsschule etabliert, sind hier weitere Ansätze geplant?

Reuter: Alles läuft darauf hinaus, Schule und Betriebe näher zusammenzubringen. Wir können es nicht hinnehmen, dass junge Leute am Bedarf vorbei ausgebildet werden. Ein weiteres Problem: Immer mehr Kindern und Jugendlichen fehlt aus den Familien heraus die Berufsorientierung. Einigen ist es nicht klar, dass man morgens aufsteht und zur Arbeit geht. Die Gruppe ist zwar klein, aber nicht so klein, um sie ignorieren zu können. Die Berufsorientierung wollen wir mit den Fachgymnasien Wirtschaft und Sozialpädagogik sowie dem „Schulbetrieb“ fördern. Dabei erhält jede Schule einen Betrieb als Partner. Berufsorientierung muss sich zu einem kontinuierlichen Unterrichtsprinzip entwicklen, das auch in den Köpfen der Lehrer verankert ist.

Obermann: Der Erfolg hängt ohnehin ganz eng mit den Lehrern zusammen. Wenn diese begeistert sind für Wirtschaftsthemen oder Technik, überträgt sich das auch auf die Schüler. Darüber hinaus muss in die Köpfe der jungen Menschen, dass sie auch hier vor Ort anspruchsvolle Jobs finden und die Region nicht verlassen müssen.

Fehlt in diesem Zusammenhang das Image von Osterode als lebenswerter Region?

Reuter: Der Harzer neigt dazu, seinen Standort zurückhaltend zu präsentieren. Zunächst ließe sich dies als einfaches „Schlechtreden“ interpretieren. Es ist aber auch ein Ausdruck von Bescheidenheit. Ein Quäntchen mehr Selbstbewusstsein würde ich mir aber wünschen.

Obermann: Das kann ich nur unterstützen, denn ich sehe in Osterode eine gute wirtschaftliche Perspektive. Diese lässt sich sehr gut mit den angenehmen Lebensverhältnissen kombinieren. Neben der Natur mit den guten Freizeitmöglichkeiten der Tourismusregion Harz lässt sich hier relativ preisgünstig Eigentum erwerben. Die kurzen Strecken nach Göttingen, Hannover und Braunschweig sind ebenfalls ein Pluspunkt. Aus meiner Sicht gibt es für Familien keine perfektere Region.

Wie lautet ihr Fazit für Osterode mit Blick auf die Zukunft?

Obermann: Ich sehe die Entwicklung positiv. Unser Unternehmen ist für das Jahr 2010 sehr gut ausgelastet. Vielleicht kann die Speditionsbranche als Frühindikator dafür dienen, dass der Aufschwung kurz bevorsteht. Es gibt berechtigte Hoffnung, dass auch Osterode gut aus der Krise kommt.

Reuter: Der Standort wird häufi g mit den implodierenden Regionen im Osten Deutschlands verglichen, wo irgendwann gar nichts mehr geht. Diese Angst ist aufgrund des gesunden industriellen Kerns völlig unbegründet. Für mich ist die Krise übertrieben worden. Aus Panik wurde nichts mehr bestellt, bis die Lager leer waren. Dementsprechend groß ist jetzt das Aufholpotenzial. Davon können wir profitieren. Wir müssen zwar ein bisschen mehr „strampeln“ als andere, aber das kennt der Harzer. Wer darauf setzt, dass der Harz irgendwann entvölkert und wirtschaftlich nicht mehr aktiv ist, der verkennt unsere Krisenresistenz.

Vielen Dank für das Gespräch!