Wer gräbt wem das Wasser ab?

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Der Ausbau der Weserumschlagstelle erhitzt länderübergreifend die Gemüter. Verschiedene Interessen prallen aufeinander und eine Lösung muss gefunden werden.

Für uns bleibt nur der Transportweg über das Wasser“, sagt Wolfgang Klecker, Pressesprecher der Kasseler Arvos Group. Für den Produzent von Kühlern für Kohlevergasungsanlagen stellt die Weser den einzig möglichen Weg zur Verladung nach Übersee dar.

„Unsere 450 Tonnen schweren Geräte gehen über den Oman nach Indien. Als Unternehmen, das im Binnenland ansässig ist, müssen wir sie über die Weser transportieren“, erklärt Klecker.

Für sein Unternehmen ist die Hann. Mündener Weserumschlagstelle( WUS) daher ein wichtiges Nadelöhr zu den internationalen Märkten.

Doch auch für viele andere Unternehmen kommt der geplante und in der Begutachtungsphase befindliche Ausbau der WUS gerade recht. Der Zustand der Autobahnen und insbesondere der Autobahnbrücken, deren zugelassene maximale Traglasten immer weiter reduziert werden, dürfte hinlänglich bekannt sein. Tiefgreifende Probleme für die Logistik von Schwerlasttransporten sind die Folge. Zehn Millionen Euro sollen daher in den Bau eines Portalkrans und eines Schwergutterminals fließen, um die WUS zukunftsfähig machen. Eine beachtliche Entwicklung, denn die Weserumschlagstelle Hann. Münden hat eine wechselhafte Geschichte: Eröffnet am 31. August 1906, steigt das Frachtaufkommen an ihrem Binnenhafen stetig bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende startet ihr Betrieb wieder bis zur Schließung im Jahr 1978. Es folgten drei Jahrzehnte der Flaute. Mehrere Brände zehrten an der Anlage, für die heute die Weserumschlagstelle Hann. Münden Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing GmbH (WWS) die Verantwortung trägt. Seit 2008 verlädt die WUS aber wieder Schwerlasttransporte.

Eine 250.000 Euro-Investition der Richter Maschinenfabrik AG aus Kassel ermöglichte den Neuanfang. Im vergangenen Jahr verlud die WUS bereits 15 Frachten, die sich auf über 2.500 Tonnen summierten. Mit dem neuen Portalkran und dem Schwergutterminal sollen sich die Kapazitäten vervielfachen. „Um die Rentabilität zu gewährleisten, brauchen wir wöchentlich etwa zwei Transporte“, sagt WWS-Wirtschaftsförderer Florian Wieske. Neben den positiven Effekten, dass Arbeitsplätze in der Region geschaffen und gesichert würden, verweist die WWS auch darauf, dass die Bundesfernstraßennetze entlastet würden. Die Politik unterstützt die Förderung und den Ausbau der Umschlagstelle parteiübergreifend. Der Portalkran gehört zu einem der fünf Fusionsobjekte des Landkreises sowie zu den Kandidaten für die Förderung durch das Südniedersachsenprogramm. Investoreninteresse und aktive Projektpartner lassen das Ziel in greifbare Nähe rücken.

Dennoch scheiden sich an einem der wesentlichen Faktoren der Wesertransporte die Geister: Für eine sichere Beförderung der Schwerlast über die Weser zum Mittellandkanal ist in Hann. Münden ein Weserpegel von mindestens 1,20 Meter erforderlich. Diesen zu gewährleisten ist neben dem Hochwasserschutz und der Energieerzeugung eine der Zweckbestimmungen des Edersees. Denn von der hessischen Talsperre gelangt das Wasser über Eder und Fulda in die Weser. Liegt der Pegel vor einem geplanten Transport unter dem genannten Mindestwert, öffnen sich die Schleusen der Talsperre, und die Weser erreicht die notwendige Tiefe. Nicht zu den ursprünglichen Zweckbestimmungen des Edersees gehört hingegen die Gewährleistung eines für den Tourismus ausreichenden Wasserstandes im Stausee.

Dennoch fordert Claus Günther, Geschäftsführer von Edersee Touristic, auch auf die touristischen Interessen in dem Urlaubsgebiet Rücksicht zu nehmen.

„Millionen Touristen sowie Tausende Segler und Wassersportler besuchen uns jährlich. 2.000 Arbeitsplätze hängen vom Tourismus ab und generieren 90 Millionen Euro Jahresumsatz“, erklärt der Reiseverkehrsexperte. „Bevor die Leute nach der Qualität von Hotels und Freizeitangeboten fragen, erkundigen sie sich, ob Wasser im See ist.“

Denn noch heute leide die Region unter den Erinnerungen an die Rekordtiefststände vor einigen Jahren. Insbesondere im Bau von mehr Transportschiffen mit geringerem Tiefgang sieht er einen konstruktiven Lösungsansatz. So müsse dem Edersee nicht so viel Wasser entnommen werden. „Es sollte mehr Kommunikation stattfinden, um alle Eigeninteressen möglichst gut miteinander zu verbinden“, so Günther.

Auch Thomas Lippel, Sachbereichsleiter Verkehrswesen des für den Edersee zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden, räumt diesen Zielkonflikt zwischen Tourismus und Industrieinteressen ein.

„Wir versuchen, die besonders trockenen Zeiten im Sommer für die Transporte möglichst zu vermeiden. Doch die Transporte stehen bei uns definitiv eher im Fokus als der Tourismus“, so der stellvertretende Amtsleiter.

Die Politik scheint also in ihrer Vermittlungsfunktion gefordert zu sein. Doch auch hier stoßen unterschiedliche Interessen aufeinander, da Eder, Fulda und Weser zwei Bundesländer und mehrere Landkreise durchfließen.

Ein besonders heftiger Disput entwickelte sich in diesem Frühjahr zwischen dem Göttinger Landtagsabgeordneten Ronald Schminke und MdB Thomas Viesehon aus dem Landkreis Korbach. Schminke hatte Viesehon, der Mitglied im Bundesverkehrsausschuss ist, via Presseinterview „egoistisches Denken für die hessische Wirtschaft“ vorgeworfen. Ähnlich wie Günther von Edersee Touristic fordert auch Viesehon eine direktere und offenere Diskussion. „Herrn Schminkes Art bin ich nicht gewohnt. Ich habe ein direktes Gespräch mit ihm gesucht, aber er hat nicht reagiert. Es darf keine Sprachlosigkeit zwischen Niedersachsen und Hessen geben“, sagt Viesehon und verweist auf die Wichtigkeit der Weserschifffahrt. Auf eine Anfrage von faktor zur Stellungnahme reagierte Ronald Schminke nicht. Eine Vermittlungsposition könnte die Interessengemeinschaft Oberweser (IGO) einnehmen. „Selbstverständlich werden wir auch die Interessen des Edersees in die wirtschaftliche Nutzung der Weser einbeziehen“, sagt deren Vorsitzender Rolf-Jürgen Foellmer. Grundlage hierfür wäre aus Sicht der Edersee Touristic aber eine Einladung der Touristikbranche zu den IGO-Veranstaltungen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Wogen wieder glätten und sich alle Protagonisten zielorientiert zusammenfinden.