Management spielend lernen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Ältestes Strategiespiel der Welt als Trainingsplatz für Führungskräfte-Seminare

GO heißt das asiatische Brettspiel, mit dem Gerhard Heinzerling die Managementfähigkeiten seiner Seminarteilnehmer trainiert und analysiert. „Es ist das älteste Strategiespiel der Welt und bietet viele Analogien zum Managementalltag“, erklärt der SAP-Senior-Consultant bei der Crossgate AG in Göttingen.

Die Regeln sind denkbar einfach.

Zwei Personen setzen abwechselnd schwarze oder weiße Steine auf die 361 Verbindungspunkte des Spielbrettes. Das Ziel: möglichst große Gebiete abstecken und dabei zugleich die Steine des Gegners fangen.

Um den Einstieg zu erleichtern, starten die Teilnehmer auf einem kleineren Spielbrett. Die Spieldauer ist festgelegt. „Das entspricht dem realen Zeitdruck, und so kann ich das Seminar besser takten.“

Aber so einfach die Regeln auch sind, das Spiel selbst ist an Komplexität kaum zu überbieten. „Und genau das macht den Reiz aus“, sagt der 44-Jährige. Schon nach wenigen Zügen entstehen auf dem Spielfeld sehr komplexe Muster. Diese bilden die Grundlage des Seminars.

Denn im Management dreht sich alles um das Beherrschen komplexer Systeme.

„Komplexität darf man nicht einfach ignorieren“, weiß Heinzerling, der selbst täglich mit strategischen Großprojekten zu tun hat. Vollends beherrschbar sei Komplexität nie, aber der Umgang damit ließe sich durch das Spiel verbessern.

GO erfordert sowohl rationales, analytisches Denken als auch intuitives Handeln mit dem Blick für das Ganze. Ein Beispiel: Konzentriert sich ein Spieler zu stark auf ein Problem, kann dieses andere Bereiche des Spielfelds negativ beeinflussen und zum Verlust der gesamten Partie führen.

Analog dazu kann in der realen Welt ein Unternehmen durch den unbedingten Willen, die Produktionszahlen zu steigern, die Arbeitsbedingungen außer Acht lassen und so wichtige Mitarbeiter verlieren. Dadurch wird unter Umständen genau das Gegenteil des gewünschten Zieles erreicht.

Heinzerling vergleicht: „Beim GO muss der Spieler immer den Blick für das Lokale haben, aber zugleich das gesamte Brett im Auge behalten – ganz wie im Managementalltag.“

Wer das Spiel beherrschen will, benötigt insbesondere die Fähigkeit, vernetzt zu denken.

Denn wie im Unternehmen bewirkt die Veränderung eines Stellrades diverse Veränderungen an weiteren Rädern. Der Spieler muss die Konsequenzen eines Zuges sowie dessen Wechselwirkungen also möglichst genau abwägen. Dies gilt auch im Unternehmen, zum Beispiel bei der Koordination verschiedener Abteilungen.

Ein weiterer wichtiger faktor für Spiel und Realität ist die richtige Strategie. „Wer erfolgreich GO spielen möchte, benötigt wie im Management klare Grundsätze.“ Für das Spiel existieren viele, Jahrhunderte alte Prinzipien, aus denen Heinzerling zehn „Goldene Regeln“ ausgewählt hat.

Diese lauten unter anderem: „Wenn du gehst, dann angemessenen Schrittes“ oder „Geh nicht auf die Jagd, wenn das Haus brennt“. Ersteres bezieht sich auf ein gutes Timing, Letzteres bedeutet: Besteht die Gefahr, dass der Gegner Steine fängt, darf sich der Spieler nicht auf andere Probleme konzentrieren.

Übertragen auf das Management geht es um das richtige Setzen von Prioritäten.

„Wichtig ist, dass es nicht genügt, ein oder zwei Prinzipien zu beherrschen, um beim GO oder in der Unternehmensführung erfolgreich zu sein“, sagt Heinzerling. Vielmehr komme es darauf an, alle Prinzipien gleichzeitig und in richtigem Maße anzuwenden.

Das versucht Heinzerling, mittels seines Konzepts „PIA“ (Prinzipien in Aktion) zu vermitteln. Damit dies effektiv trainiert werden kann, schließt sich an jede GO-Partie eine intensive Phase der Reflexion an. Anhand des Bildes auf dem Brett erkennt der Trainer, welche Prinzipien ein Spieler gut und welche er weniger gut umgesetzt hat.

Durch die eingehende Analyse setzt sich der Seminarteilnehmer intensiv mit seinen Fähigkeiten auseinander. Dabei sind die Ergebnisse meist direkt auf die Managementtätigkeit übertragbar. Die gewonnenen Erkenntnisse können die Spieler bei der nächsten Partie sogleich anwenden. „Das Spiel ist eine ausgezeichnete Simulation, denn die Spieler können Komplexität und die Anwendung von Prinzipien praktisch erleben.“

Dass die Teilnehmer nach seinem Seminar automatisch bessere Führungskräfte werden, verspricht Heinzerling nicht: „Ein guter GO-Spieler muss noch lange kein guter Manager sein und ein guter Manager noch lange kein guter GO-Spieler.“

Aber das Spiel eigne sich hervorragend dazu, die kognitiven Fähigkeiten zu verbessern, die ein Manager benötige. „Allerdings müssen sich die Teilnehmer ganz auf das Seminar einlassen und am besten aus freien Stücken teilnehmen.“

Als Zielgruppe definiert Heinzerling Führungskräfte der mittleren und oberen Managementebene.

Diese bringt er für ein komplettes Wochenende in einem Göttinger Vier-Sterne-Hotel unter. „Dort wird nicht nur in schönem Ambiente gespielt, sondern auch hervorragend gegessen.“

In der Regel dauern die Seminare zwei Tage. Für die Zukunft plant der GO-Trainer die Erweiterung auf fünf Tage. Dann soll es auch Ziele im Ausland geben.

Dabei denkt Heinzerling zum Beispiel an China, das Ursprungsland des GO-Spiels. Dort sollen Elemente der Philosophie sowie Mentaltraining das Programm ergänzen. „Auch interkulturelle Aspekte sind geplant“, sagt er.