“Man muss auf seine Knie hören“

Text von: Stefan Liebig

Experten verraten, was konkret bei Knieschmerzen zu tun ist und wie hilfreich eine Zweitmeinung sein kann.

Einerseits ist es eine begrüßenswerte Tatsache, dass wir immer älter werden, andererseits fordert dies unseren Organen und unserem Skelett längere Belastungszeiten ab. Insbesondere die Knie haben viel auszuhalten (siehe S. 10 ff.) und verursachen daher häufig altersbedingte Schmerzen. Eine hitzige Debatte entfaltete sich diesbezüglich in den letzten Monaten in den Medien. Der Grundtenor lautete: Es wird zu viel operiert und arthroskopiert in Deutschland. Stimmt das? Und wie können Menschen Knieschmerzen vorbeugen oder mit ihnen umgehen? Wie finden sie den richtigen Arzt und die richtige Behandlungsmethode? Experten aus der Region verraten Wege zu einer erfolgreichen Behandlung.

„Man muss auf seine Knie hören und Schmerzen registrieren“, sagt Volker Lasch von der mit insgesamt vier Ärzten praktizierenden Maxineum Orthopädie in Göttingen, die jährlich etwa 800 Operationen im benachbarten Krankenhaus Neu Mariahilf durchführt. Mit seinem Praxiskollegen Christoph Rose verfolgt er trotz der vielen Operationen die Philosophie, einen chirurgischen Eingriff erst vorzunehmen, „wenn der Patient die Schmerzen nicht mehr aushält und konservative Behandlungsmethoden nicht mehr weiterhelfen“. Die beiden Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie stellen aber neben den altersbedingten Verschleißerkrankungen auch viele Arthrosen bei jungen Patienten fest, die in einer zu einseitigen Belastung, zu wenig Bewegung oder aber Übergewicht begründet sind. Das Knie stellt also ein generationenübergreifendes Problemfeld dar.

Die Lösung des jeweiligen Problems ist allerdings nicht einfach. Menschen sind nach den kritischen Medienberichten skeptischer und durch Internetrecherche besser informiert. „Die Zahl der neu eingesetzten Knieprothesen dürfte in diesem Jahr etwa fünf bis zehn Prozent niedriger liegen als im Vorjahr“, beschreibt Stefan Kolbeck, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Helios Klinik Bad Gandersheim, die Auswirkungen der Berichterstattung. Mit Vorträgen in der Region bringt er Interessierten seine Sichtweise zur optimalen Kniebehandlung näher und wirbt für ein gutes Miteinander von Patient und Arzt. Auch für den orthopädischen Chirurg Johannes Hensel kommt es jetzt mehr denn je auf dieses Vertrauensverhältnis an. Der Patient müsse „seine Geschichte erzählen können“, und so räumt ihm der Arzt des Ambulanten Operationszentrums Hann. Münden immer genügend Zeit dafür ein. Zu einer umfassenden Diagnose gehören bei ihm – wie auch bei den anderen befragten Medizinern – das Anfassen und Abtasten des Knies, Temperaturmessung und wenn nötig Ultraschall- und Röntgenuntersuchung sowie eine Kernspintomografie. „Daraus gewinne ich die entscheidenden Informationen und kann die richtige Behandlungsmethode festlegen“, so Hensel.

Doch vor der genauen Untersuchung steht für die Betroffenen immer noch der Schritt, ihren Arzt des Vertrauens zu finden. Wer von Bekannten eine Empfehlung bekommt, ist natürlich im Vorteil, aber auch die Krankenkassen können weiterhelfen. Die AOKNiedersachsen bietet beispielsweise viele Informationen auf ihren Internetportalen ,Arztnavi‘ und ,Krankenhausnavigator‘, und auch die ,Weiße Liste‘ der Bertelsmann Stiftung gibt wichtige Hinweise. Carsten Meyerhoff, selbst praktizierender Arzt und Berater für gesundheitliche Fragen bei der Beratungsstelle Göttingen der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), rät dazu, den Hausarzt in seiner Lotsenfunktion in Anspruch zu nehmen. Er solle Voruntersuchungen vornehmen und dann zu den entsprechenden Spezialisten überweisen. Mit der Diagnose, die der Spezialist anschließend erstellt, solle der Patient unbedingt eine Zweitmeinung einholen, um eine möglicherweise unnötige Operation zu verhindern – was im Übrigen auch für die Ärzte kein Problem darstellt und auch von den Krankenkassen empfohlen wird. Natürlich hat auch in diesem Bereich die technische Entwicklung ihre Spuren hinterlassen. So gibt es mit ,medexo‘ eine Zweitmeinungsplattform im Internet. Hier können Patienten ihre Untersuchungsergebnisse und Behandlungsempfehlungen von renommierten Experten gegen Entgelt überprüfen lassen. Im Bereich Knie ist der seit Jahrzehnten anerkannte Arthroskopieexperte Hans Pässler der Ansprechpartner. Er vertritt seit einiger Zeit in den Medien offensiv die Auffassung, es werde zu viel arthroskopiert. Den direkten Kontakt zum Patienten hält er für eine Zweitmeinung nicht für entscheidend: „Die Patienten wurden bereits gesehen. Unseren Experten reichen die Befunde. Dank ihrer Erfahrung können sie ein fundiertes Urteil treffen.“ Für Pässler, der in Heidelberg praktiziert, stellt diese Form der Diagnose ein Zukunftsmodell dar, das in den USA schon „an fast jeder Universitätsklinik eingesetzt“ werde.

Bei der UPD und den hiesigen Medizinern weckt diese Art der Ferndiagnose allerdings Skepsis. Rose bezieht klar Gegenposition: „Pässler war ein Vorreiter der Arthroskopie, heute sagt er, es werde zu viel operiert. Ferndiagnosen anhand von Kernspinaufnahmen finde ich zweifelhaft. Das ist allenfalls ein Puzzlestück. Die Diagnose sollte direkt am Patienten erstellt werden.“ Er erklärt, es gehe um Entscheidungen, bei denen für Jahrzehnte im Voraus geplant werden müsse. Als Ausbilder in der Gesellschaft für Arthros kopie und Gelenkchirurgie (AGA) macht Rose sich stark für Behandlungen, die nicht in erster Linie auf eine schnelle Beschwerdefreiheit setzen, sondern auf eine langfristige Lösung. „Gerade bei Kreuzbandrissen werden häufig die ebenfalls betroffenen Menisken nicht operiert, um die Rehazeit zu verkürzen. Das führt später aber oft zu massiven Folgeschäden“, warnt Rose, der Experte für Kreuzbandoperationen ist. Er rät aber auch davon ab, die Menisken grundsätzlich zu entfernen: „Der liebe Gott hat sie nicht umsonst eingebaut.“ Als AGAMitglied nimmt er seit Jahrzehnten regelmäßig an internationalen Konferenzen teil, um auf dem neuesten Wissensstand zu bleiben. Neben Entwicklungen im chirurgischen Bereich geht es dabei auch um konservative Behandlung und Prävention.

Denn viele Knieprobleme sind vermeidbar oder zumindest linderbar. Manche mit besseren Schuhen, Einlagen oder Orthesen. Manche ganz ohne Hilfsmittel. Hierfür ist das Geheimrezept zwar einfach, läuft jedoch auf einen Kampf mit dem inneren Schweinehund eines jeden hinaus. Es lautet: Übergewicht reduzieren und viel Bewegung ohne große Belastung. Schwimmen und Radfahren oder auch Walking mit Stockeinsatz halten den Selbsterhaltungsprozess des Knies aufrecht. Denn nur durch Bewegung produziert unser Körper die nötige Gelenkschmiere, die so wichtig ist, um Schmerzen zu vermeiden. Bei hartnäckigen Schmerzen raten die Experten zu einer genauen Abstimmung von medizinischen Eingriffen und begleitender oder anschließender Physiotherapie. „Es ist wichtig, das geschwächte Gelenk zu stabilisieren und das muskuläre Umfeld zu stärken“, beschreibt Rainer Junge seinen Ansatz. Der Inhaber des Göttinger Rehazentrums verweist zudem darauf, dass eine Gewichtsreduktion um fünf Kilogramm die Gelenke um 20 Prozent entlaste und Radfahren das Arthroserisiko um 50 Prozent mindere. Für ihn zählt daher nur ein ganzheitlicher Ansatz. Neben Medikamenten muss dieser auch eine Ernährungs- sowie eine Schuh- und Einlagenberatung umfassen. Selbst in psychologischen oder sozialen Fragestellungen, wie etwa einem gesundheitsbedingten Berufswechsel, berät sein Team. Entscheidend für die Genesung der Patienten sei außerdem ein präziser Zeitplan für die physiotherapeutischen Maßnahmen. Denn nur so könnten unnötige Folgeprobleme vermieden werden. Mit vielen der vorgenannten Ärzte arbeitet Junge seit Jahren zusammen und erstellt die individuellen Regenerationspläne. Ergänzt werden können diese durch alternative Heilmethoden. So bietet die Maxineum Orthopädie auch Akupunkturbehandlungen an. Einen ebenso ganzheitlichen Ansatz wie Rainer Junge verfolgt die Praxis für Physiotherapie und Naturheilkunde von Nina Macke. Die Bovenderin betrachtet den Körper als Einheit, dessen Teile durch das Bindegewebe (Faszien) miteinander verbundenen sind und setzt auf die Faszientherapie zur Behandlung von Arthrose. Durch sanfte Berührungen beseitigt sie Fehlstellungen und Blockierungen, die eventuell schon seit Jahrzehnten Probleme verursachen. „Häufig treten Schmerzen nicht dort auf, wo sie ihre Ursache haben“, sagt Macke. In diesem Punkt stimmt sie mit den Schulmedizinern überein.

Die Beseitigung der Probleme ist letztlich das Hauptziel. Verschiedene Ansätze der Diagnose und Behandlung wird es aber immer geben. Für Kniepatienten – wie auch für alle anderen – ist es in erster Linie wichtig, einen eigenen Weg zu finden, in den sie vertrauen können. „Unsere Aufgabe ist es, den immer älter werdenden Menschen zu helfen, dass sie schmerzfrei alt werden können“, beschreibt Lasch sein Ziel und verweist dabei darauf, dass auch schon junge Menschen verantwortungsvoll versorgt werden müssen, um im Alter keine unnötigen Schmerzen zu haben.