„Man kann noch viel mehr machen“

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Text von: redaktion

Drei Projektpartner im Gespräch über ihre Erwartungen an das Hightech-Wachstumsprojekt.

Eine weitere Initiative in einer zumindest an Wirtschaftsförderung nicht gerade armen Region. Was versprechen Sie sich davon?

Wilhelm Nörthemann: Wir haben natürlich ein vitales Interesse daran, was in der Wissenschaft vor sich geht, ob und welche kommerziell verwertbaren Ideen es gibt. In solch einem Projekt kann das Unternehmen den Kontakt zur Wissenschaft intensivieren. Dieser ist in Göttingen noch nicht ausgeprägt genug.

Wolfgang Viöl: Ich glaube, in der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Unternehmern gibt es noch großes Potenzial. An der HAWK haben wir inzwischen 68 solcher übergreifenden Forschungsprojekte ins Leben gerufen, die Hälfte mit Unternehmen aus der Region. Das ist vielversprechend – man kann aber noch viel mehr machen.

Wolfgang Meyer: Ich hoffe, dass sich die Zahl der Ausgründungen erhöht, dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden und hier gut ausgebildete Leute in der Region bleiben. Mein Ziel ist, dass Göttingen nicht nur als Wissenschafts-, sondern auch als Wirtschaftsregion wahrgenommen wird.

Wissenschaftler sollen mehr ausgründen und stärker wirtschaftlich denken. Muss man Forscher aus ihrem Elfenbeinturm herausholen?

Viöl: An Fachhochschulen ist das in der Regel kein Problem. An Universitäten wurde in der Vergangenheit häufig die Fahne der reinen Lehre der Wissenschaft hochgehalten. Ich kenne einen Fall, in dem ein Professor extra in den Keller gegangen ist, um an einem kommerziellen Vorhaben zu forschen – nur um sich nicht der Kritik der Kollegen auszusetzen. In den vergangenen beiden Jahren hat sich das meiner Auffassung nach in Göttingen verändert – man ist offener für die Wirtschaft geworden. Das bietet Ansatzpunkte. Unternehmen sind in vielen Fällen sehr an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert. Einmal wollte ich eine Firma anrufen, um ein Patent anzubieten. Mein Gegenüber war auch kurz davor, zum Hörer zu greifen – er hatte mein Patent schon längst auf dem Schreibtisch.

Klingt so, als ob das Hightech-Wachstumsprojekt gar nicht mehr nötig sei.

Meyer: Große Unternehmen sind durchaus in der Lage, Kontakte zu knüpfen. Für kleinere hingegen ist das häufig ein Problem. Da sind funktionierende Netzwerkstrukturen sehr hilfreich. Ein gutes Beispiel dafür ist das Messtechnik-Netzwerk Measurement Valley, bei dem viele Mitglieder erst im Verbund gemerkt haben, welche Kooperationsmöglichkeiten sich vor Ort ergeben.

Viöl: Ich glaube auch, dass viele Unternehmen nicht wissen, welche interessanten Projekte es in ihrer Umgebung eigentlich gibt. Das heißt, nicht nur Wissenschaftler sollten sich häufiger in die Wirtschaft trauen, sondern Unternehmen muss auch die Wissenschaft schmackhaft gemacht werden?

Viöl: Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Für Unternehmen gilt es Ideen zu entdecken, für Wissenschaftler, ihre kreativen Köpfe besser zu vermarkten. Man darf den faktor der räumlichen Nähe nicht vergessen. Man kann sich hier ganz schnell zusammensetzen und die Vertriebsstruktur der Großen mitnutzen.

Nörthemann: Das ist eines der häufigsten Probleme. So manches Spin-off hat ein gutes Produkt, aber der Marktzugang ist verflixt schwierig aufzubauen. Da ist es sehr hilfreich, einen im Markt etablierten Partner zu finden. Viele junge Unternehmen scheitern am fehlenden Vertrieb.

Wie sieht die konkrete Arbeit im Projekt aus?

Nörthemann: Es wurden sechs Arbeitskreise gegründet, die in den Startlöchern stehen. Einer davon beschäftigt sich mit der Frage: Welche Hightech-Geräte gibt es eigentlich in den regionalen Forschungsinstituten und Unternehmen, und inwiefern kann man die gemeinsam nutzen. Darüber entstehen Kontakte. Wir machen natürlich das, was wir am besten können und beteiligen uns im Bereich optische Systeme. Wir stellen finanzielle Ressourcen und Manpower zur Verfügung.

Wo sehen Sie den besonderen Charme der Initiative?

Nörthemann: Oft entwickeln sich solche Projekte von selbst weiter. Man merkt, es gibt noch andere Wissensträger, und plötzlich vergrößert sich der Kreis. Der Schneeballeffekt ist nicht zu unterschätzen. Am Ende zählt nicht nur das kurzfristige Projektziel, sondern das Entstehen nachhaltiger Beziehungen, die über die Grenzen der Initiative hinausgehen und im Alltag hilfreich sein können. Ich denke, das Konzept ist gut angelegt. Die Mischung der Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung stimmt.

Viöl: Es kann ganz schnell gehen. Aus einem Projekt entsteht plötzlich noch eines und noch eines. Und aus diesen Projekten sollen Unternehmensausgründungen aus der Wissenschaft entstehen, wie eines der wesentlichen Ziele der Initiative lautet?

Nörthemann: Wir werden nicht selbst gründen, aber Gründer unterstützen, indem wir Startkapital und Know-how zur Verfügung stellen können.

Viöl: Die Vermittlung von Kontakten, zum Beispiel zu Kapitalgebern, ist der entscheidende Punkt. Wenn man mehr Ausgründungen in der Region will, muss auch der Lead-Investor aus der Region kommen. Denn Risikokapitalgeber wollen ihre Projekte üblicherweise immer in ihrer Nähe haben.

Gibt es genügend potente Kapitalgeber in der Region?

Viöl: Wenn der Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben hier viele mögliche Lead-Investoren. Ob wir genug haben, wird diese Initiative zeigen.

Inwiefern können Mentoren aus der Wirtschaft – so sieht es das Projekt vor – Wissenschaftler in der Praxis unterstützen? Könnten dafür beispielsweise Zeiss-Ingenieure abgestellt werden?

Nörthemann: Temporär ja, aber eine Ausgründung läuft nie nur auf technischer Ebene ab, sondern auf verschiedenen Ebenen der Unternehmensführung. Dazu gehört beispielsweise die Erstellung eines mehrjährigen Geschäftsplans, der für Investoren erfolgversprechend sein muss. In der Gründungsphase und deren Vorbereitung bieten zudem Existenzgründervereine ihre Unterstützung an. Die Wirtschaft kann sich bei der Evaluierung von Geschäftsideen einbringen. Der objektiven Beurteilung von Chancen und Risiken kommt eine hohe Bedeutung zu.

Viöl: Die Idee von Mentoren ist nicht neu und wird schon erfolgreich praktiziert. Dabei sind gemischte Gruppen tatsächlich sehr wichtig. Ein Ingenieur reicht nicht – auch ein Kaufmann oder ein Rechtsexperte sollte dabei sein.21.03.2007Herr Meyer, wie kann die Stadt helfen? Existenzgründer beklagen häufig bürokratische Hürden.

Meyer: Wir, die Verwaltung, sind nicht immer schnell, aber auch nicht immer so langsam, wie manche behaupten. Ich habe ein Büro für Unternehmer und Wissenschaftler neben der GWG direkt in meinem Referat angesiedelt, damit es in diesem Hause künftig schneller geht. Einige Regelungen, die mir zu bürokratisch erschienen, habe ich schon abgeschafft.

Es gibt von vielen Seiten Bemühungen, die regionale Wirtschaft zu fördern. Wie hilfreich empfinden Sie das?

Nörthemann: Unser Unternehmen wird sehr häufig angefragt, um Förderinitiativen aktiv zu unterstützen. Grundsätzlich stehen wir jedem Engagement aufgeschlossen gegenüber. Aber ich finde, es gibt mit der Südniedersachsen-Stiftung, der GWG, der WRG, dem Measurement Valley oder PhotonicNet zu viele Akteure in der Wirtschaftsförderung. Unsere Ressourcen sind natürlich auch begrenzt – weniger ist manchmal mehr. Wir können nicht allen Herren dienen! Deshalb plädiere ich für mehr Fokus.

Meyer: In den ersten Monaten meiner Amtszeit hat sich mir in besonderer Weise verdeutlicht, dass es zu viele Akteure gibt. Ich habe bereits Gespräche mit Herrn Näder von der SüdniedersachsenStiftung und Landrat Schermann geführt und zum Ausdruck gebracht, dass das unproduktiv ist. Entscheidend ist, was am Ende für die Region herauskommt. Nicht jeder muss überall mitmischen. Beim Higtech-Wachstumsprojekt ist die GWG zuständig. Es dürfen keine Unter- und Nebenprojekte entstehen. Ebenso wird die GWG sich nicht die Projekte der anderen Akteure in der Region zu eigen machen.

Nörthemann: Das sehe ich auch so. Es muss einen geben, der die Leadership übernimmt, die Arbeit koordiniert und den Arbeitsfortschritt sicherstellt. Solche Initiativen müssen schnell vorangetrieben werden, sonst gehen Motivation und Drive verloren. Das Projekt muss im Übrigen von der Begeisterung der Mitwirkenden getragen werden.

Wird das Hightech-Wachstumsprojekt Früchte tragen?

Nörthemann: Fragen Sie mich in drei Monaten noch einmal. Wir haben uns schon an vielen Initiativen beteiligt, aber nicht an einer dieser Größe. Ich sehe das Projekt als eine weitere Chance für die Region. Ich habe schon zahlreiche regionale Vorhaben erlebt, wo viel geredet wurde und am Ende nichts davon übrig blieb. Nur: Es darf keinen Stillstand geben. Wir brauchen schnelle Erfolge, und es muss allen Beteiligten Spaß machen. Das sind die beiden wichtigsten Erfolgs faktoren.

Meyer: Das Projekt ist von der NBank für gut befunden worden – das werte ich als Gütesiegel. Auch dass die Unternehmen dabei sind, sehe ich positiv. Die Wirtschaft wartet häufig erst einmal ab, was für sie dabei herumkommt. Wenn sie eigenes Geld in die Hand nehmen, ist das ein gutes Zeichen, dass sie an den Erfolg glaubt. Ich bin sehr optimistisch. Es wird mit diesem Projekt nicht darum gehen, ein weiteres Luftschloss zu bauen. Gemeinsames Ziel ist, konkret und zielorientiert zu handeln. Von meiner Seite aus wird dieses Projekt jede Unterstützung bekommen.

Viöl: Wenn wir nur ein Teil dessen umsetzen, was wir vorhaben, wird die Sache ein Erfolg. Ich gehe fest davon aus, dass sich die eine oder andere Kooperation dabei ergeben wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zu den Personen:

Wolfgang Meyer (SPD) ist seit dem 1. November 2006 Oberbürgermeister der Stadt Göttingen.

Wolfgang Viöl ist Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen.

Wilhelm Nörthemann ist seit März 2006 Mitglied der Geschäftsführung der Firma Carl Zeiss Microimaging.

Interview: BERTI KOLBOW; MARCO BÖHME

Fotografie: ALCIRO THEODORO DA SILVA