Einmal um den Blog

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Die Göttingerin Luana Theodoro da Silva zeigt täglich Hunderttausenden, wie hübsch sie ist. Hinter ein paar Handyfotos und Tagebucheinträgen steckt ein raffiniertes Business.

Vater Brasilianer, Mutter Deutsche: Die Gene meinen es gut mit Luana Theodoro da Silva. Die Göttingerin sieht top aus: Modelmaße. Sie ist sportlich: Fitness und Tanzausbildung. Und sie hat etwas im Kopf: Abschluss in BWL. Seit drei Jahren schafft sie es, all diese Dinge zu kombinieren und das zu tun, was sie wirklich liebt. Ein kleines Zimmer in einer Industriehalle im Göttinger Westen. Die Sonne bricht steil durch die großen Fenster, auf dem Schreibtisch ein Laptop, ein Smartphone und ein paar Blätter Papier. Mehr braucht Luana nicht, um ihr Geschäft zu führen. Sie ist Bloggerin, heißt: Sie schreibt und fotografiert für Hunderttausende im Internet.

Wobei: „Eigentlich mag ich den Begriff ‚Blogger‘ nicht“, sagt die 25-Jährige.

Sie macht ihr Ding. Es ist schwer, einen Namen für das zu finden, was sie tut. Für klassische Geschäftsleute ist es auch schwer zu verstehen, wie sich mit ein paar Fotos im Internet und ein paar Zeilen nett geschriebener Texte Geld verdienen lässt. Aber es funktioniert, ist keine Magie – sondern ziemlich viel Arbeit. Das abgeschlossene BWL-Studium hilft dabei ungemein. Hinzu kommt das Gespür für Mode, Aussehen und Stil. Ein Körper, der es tragen kann, und eine Ausstrahlung, die bei vielen Menschen gut ankommt –, und das lehrt keine Universität der Welt. Als sie im Jahr 2013 mit ihrer Idee loszog, dauerte es zwei Jahre, bis ihr genau 100.000 Menschen beim Foto-Netzwerk Instagram folgten. Täglich mindestens zwei Bilder lädt sie dort hoch. Die 200.000er-Marke knackte sie nur ein Vierteljahr später. Tempo von Wachstum und Verbreitung sind rasant. Und das ist die Währung Nummer 1 im Blogger-Business: Reichweite. Täglich liefert sie über ihre Homepage neue Inhalte. Zusammen mit spontanen und geplanten Fotos gibt sie Tipps zur Kombination aus Hose und Oberteil, lässt ihre Fans an einem Friseurtermin teilhaben oder berichtet von ihrer aktuellen Urlaubsplanung. Es ist der schmale Grat zwischen Privatleben und öffentlicher Figur, den Luana täglich geht – mit Eleganz und Stil. Um ihre Privatsphäre zu schützen, hat sie keinen Charakter, keine Figur erfunden. Ihr Konzept lebt davon, dass sie immer ein Stück von sich preisgibt – aber nur so viel, dass Neugierde bleibt. „Es würde nicht funktionieren, wenn meine Bilder und die Dinge, die ich schreibe, zu künstlich rüberkommen“, erklärt Luana. Es mache gerade der persönliche Stil, die nicht ganz perfekten Bilder und die Anekdoten aus dem Alltag für viele Menschen so interessant, sich ihre Homepage und die Bilder anzusehen. Apropos Homepage: Instagram hat sich mit der Zeit zum Zentralorgan für Luanas Arbeit gemausert. Dort erreicht sie die meisten Menschen, und dort liefert sie die meisten Inhalte. Der Trick ist der Verweis auf ihre Homepage, auf die Werbepartner und am Ende zu ihrem eigenen Mode-Shop.

Finanziert wird das Geschäft von gleich zwei sehr individuellen Modellen. Zum einen arbeitet Luana Theodoro da Silva sehr eng mit den verschiedenen Modelabels zusammen, deren Kleidung sie auf den Bildern trägt. Zwar sind einige der Hemden, Hosen und Schuhe tatsächlich ihre eigenen, meistens bekommt sie aber auch ganze Sets zugeschickt, damit sie diese anzieht und sich darin präsentiert. Als Bloggerin kann sie sich dabei herausnehmen, nur das zu tragen und darüber zu sprechen, was ihr auch persönlich wirklich gefällt. Diese authentische Seite kommt bei den Fans und Followern sehr gut an.

„Wir Blogger wissen aber auch, dass wir eigentlich sehr günstige Werbung für die Labels sind“, sagt sie und zeigt sich selbstkritisch.

Als zweites Modell hat Luana auf ihrer Homepage inzwischen einen eigenen Shop eingerichtet. Unter der Marke ,Minsey‘ bietet sie ausgewählte Kleidungsstücke in kleiner Auflage direkt an. Auch hier arbeitet die Göttingerin mit den Labels zusammen und setzt auf die Reichweite ihrer Social- Media- Kanäle. Denn am Ende greifen alle Mechanismen, um aus der Idee ein echtes Geschäft zu machen. Wer sein Aussehen, seinen Körper und seine Persönlichkeit als Geschäftsmodell anbietet, macht sich allerdings auch angreifbar. Insbesondere in einem Medium wie dem Internet, welches noch immer anonymisierte Kommentare zulässt, ist das täglich eine Herausforderung. „Zu Anfang war das für mich ein echtes Problem, viele Kommentare habe ich auch nahe an mich herangelassen“, sagt Luana. Tatsächlich seien es aber gar nicht so viele negative Kommentare, und wenn, dann sind sie von vorneherein kaum ernst zu nehmen. „Ich lösche das sofort.“ Es sind nicht etwa Kleidungsstücke oder die Fotos, die Luana verkauft, sondern es geht um eine Emotion, eine Lebenseinstellung. Lifestyle. Für die junge Frau bedeutet das: arbeiten in zwei Welten. Die eine ist Show mit ein bisschen Glamour und jeder Menge Stil. Eine Mischung aus künstlerischem Ausdruck und authentischer Teilhabe.

Die Welt ist virtuell, wenngleich hinter den Bits und Bytes immer auch Menschen stehen. Die andere Welt besteht aus Pappkartons und Stromrechnungen, Aktenordnern und Deadlines. Analoge Briefe, Mahnungen und Reisepläne. Es ist die Maschine hinter der Maschine, die kaum jemand zu Gesicht bekommt. Nach den Arbeitszeiten gefragt, überlegt Luana lange:

„Eigentlich arbeite ich immer. Wenn ich etwas sehe oder eine Idee habe, schreibe ich es auf oder mache ein Foto.“

Nicht jedes Foto entsteht dabei aus Zufall. Meistens werden ganze Reihen produziert. Dazu wird viel geplant: Wann kann welcher Fotograf? Welche Mode soll getragen werden? Weiß das Modelabel schon Bescheid? Im Anschluss folgt die Auswahl der besten Bilder und die Ideenfindung für einen neuen Texteintrag im Blog. Auch im Urlaub – jüngst in London – ist die Kamera immer dabei. Und auch die Fans erkennen sie inzwischen.

„In Göttingen wurde ich noch nicht angesprochen, aber in Düsseldorf, München oder zuletzt in London haben mich die Menschen erkannt und wollten ein Foto von mir.“

Luana lächelt viel. Sie liebt den Austausch mit ihren Followern, die irgendwie – und irgend wann – auch ihre Kunden sind. Und in Zukunft soll das auch so weitergehen. Derzeit plant sie, auch für Plattformen wie Snapchat und YouTube Inhalte zu produzieren und so ihre Reichweite, vor allem aber ihr Angebot, zu vergrößern. Grund zur Annahme, Luana könnte mit ihrem Vorhaben scheitern, gibt es nicht. Dafür lief es bisher zu gut, und dafür tut die junge Frau derzeit viel zu viel, um ihr Leben weiter vorwärtszubringen. Und ihre Fans und Follower werden jeden Schritt genau verfolgen.