Lohnende Innovationen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Belinda Helm

Eine Forschergruppe der Universität Göttingen und Unternehmen möchten mit einem gemeinsamen Projekt den Erfolg von Innovationen nachhaltig messen.

„Rauchende Köpfe schaffen mehr Wohlstand als rauchende Schlote.“ Das zumindest findet Roland Stimpel, Göttinger Wirtschaftsjournalist und Chefredakteur des Deutschen Architektenblattes. Und steht mit seiner Einschätzung nicht alleine da: Dass neue Ideen und Innovationen wichtig sind, um die Wirtschaft und die Gesellschaft voranzubringen, propagiert auch die Uni Göttingen in ihrem Zukunftskonzept. Die Fachhochschule Göttingen gründete sogar eine Fakultät für Technologie und Innovation, und die Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG) verleiht seit einigen Jahren eigens einen Göttinger Innovationspreis. Aber was genau macht eigentlich eine gelungene
Innovation aus?

Nähert man sich dem Thema von der wirtschaftswissenschaftlichen Seite, so ist eine Innovation, zumindest nach Joseph Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung: die Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung und Verbesserung im Produktionsprozess oder im Produkt, durch die geldwerte Vorteile entstehen. Im Klartext also: Eine Erfolg versprechende Innovation ist eine Neuerung, durch die ein Unternehmen Bares sparen kann oder Gewinn erzielt.

Das sehen auch Michael Kubach und Lukas Krüger von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen so. Aber sie sehen noch mehr: Seit über einem Jahr arbeitet die Forschergruppe um Professor Klaus Möller und Michael Kubach von der Controlling-Seite und Professor Kilian Bizer und Lukas Krüger von wirtschaftspolitischer Seite daran, den Erfolg und die Nachhaltigkeit einer Innovation auch über klassische ökonomische Faktoren hinaus zu messen. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebene Forschungsprojekt NaBI (Nachhaltigkeitsorientierte Bewertung von Innovationsprojekten) hat sich zum Ziel gesetzt, ein mehrstufiges und mehrdimensionales Konzept zu entwickeln, mit dem Unternehmen die Nachhaltigkeit ihrer Innovationen nach ökonomischen, aber auch nach den schwer messbaren ökologischen und sozialen Faktoren bewerten können. Während es bei der ökonomischen Einschätzung vor allem um langfristige Profitabilität geht, spielen im Bereich Ökologie Faktoren wie das Verwenden von gefährlichen Substanzen, der Materialverbrauch und die Langlebigkeit eines Produktes eine Rolle. Soziale Faktoren hingegen können die mit dem Produkt verknüpften Arbeitsbedingungen sein, aber auch dadurch geschaffene Arbeitsplätze oder ein Mehrwert an Bildung und Qualifikation.

Damit der Leitfaden auch in der Praxis anwendbar ist, arbeiten die Forscher eng mit zwei Unternehmen, der Sartorius AG aus Göttingen und der Festo AG aus Esslingen, zusammen: „Zunächst ging es einmal darum, zu analysieren, wie Unternehmen bislang bei der Innovati-onsentwicklung vorgehen und was sie sich für die Zukunft erhoffen“, erläutert Kubach. „In der Folge haben wir dann mithilfe von existierenden Konzepten zur Nachhaltigkeitsbewertung einen Prototyp entwickelt.“ Und der wird momentan von Festo und bei Sartorius anhand einer präzisen Farbmischwaage getestet.

„Uns war es vor allem wichtig, dass wir NaBI an einem unserer Produkte testen können, das in hoher Stückzahl produziert wird. Wir wollten den Prototyp unter realistischen Bedingungen testen und keine Luftschlösser bauen“, berichtet Reinhard Baumfalk, Vice President R&D Mechatronics der Sartorius AG. Natürlich habe man sich laut Baumfalk bei Sartorius schon immer intensiv mit der Optimierung von Entwicklungsprozessen auseinandergesetzt. „Allerdings hat das Thema Nachhaltigkeit in den letzten Jahren immer stärker an Bedeutung gewonnen“, sagt Baumfalk. „Um diesen Aspekt unserer Entwicklungsarbeit weiter voranzutreiben, war eine Zusammenarbeit mit der Uni Göttingen naheliegend.“ Bei der Entwicklung von NaBI mitzuwirken, sei laut Baumfalk eine Investition in die Zukunft, ein Ergebnis sei allerdings erst noch in den realen Innovationsprozessen umzusetzen.

Ähnlich sieht das Christoph-Albrecht Winter, Manager Tools and Infrastructure Customer Solutions, von der Festo AG aus Esslingen. „An einer Zusammenarbeit mit der Uni Göttingen reizt uns vor allem, an der Entwicklung des Leitfadens von Anfang an beteiligt zu sein“, erläutert Winter. Und das hat laut Festo und der Schweißprozess leiser als bei bisherigen Produkten gestaltet werden? Ökologisch bewertet wird hingegen der Energieverbrauch, der zum Betrieb der Zange notwendig ist. Dazu werden die einzelnen Faktoren auf einer Skala eingeordnet und schließlich eine Kennzahl ermittelt, die dem Unternehmen hilft, die Nachhaltigkeit der Innovation einzuordnen.“ Derzeit sind wir noch mitten im Bewertungsverfahren, konkrete Aussagen zum Praxisnutzen können wir erst im Laufe des Jahre 2011 treffen.“ Dann wird sich die Abteilung Innovationsmanagement von Festo auch entscheiden, ob sie das Bewertungsverfahren bei weiteren Innovationen anwenden wird.

Doch NaBI geht es laut Krüger nicht nur um den Bewertungsprozess innerhalb eines Unternehmens, sondern auch darum, eine Empfehlung an den Gesetzgeber geben zu können. „Nachhaltige Innovationen wirken sich positiv auf sogenannte öffentliche Güter, wie zum Beispiel die Umwelt, aus. Diese positiven Externalitäten können die Unternehmen jedoch nicht für sich verbuchen.“

Deshalb sei es sinnvoll, festzulegen, dass Unternehmen keine ökonomischen Nachteile entstehen, wenn sie bei Entwicklungen auf Nachhal- tigkeit achten. „Ein weiteres Ziel ist, dass sich Unternehmen langfristig verpflichten, gewisse Spielregeln einzuhalten.“ In manchen Branchen, zum Beispiel in der Chemieindustrie, ist das schon seit einigen Jahren selbstverständlich: Die europäische Chemikalienverordnung REACH (Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien) basiert auf dem Grundsatz der Eigenverantwortung der Industrie. Demnach dürfen nur noch chemische Stoffe in Verkehr gebracht werden, die vorher registriert worden sind.

Zudem ist NaBI laut Krüger flexibel anwendbar: „Nicht jedes Kriterium ist für jedes Unternehmen auch relevant.“ Grundsätzlich gelte aber: Je detaillierter man sich mit der Bewertung auseinandersetzt, desto aufschlussreicher ist das Ergebnis. In Zukunft möchte die Forschergruppe das System auch in Kooperation mit dem Measurement Valley und dem Verpackungscluster anwenden.

Zum Projekt
Die Universität bietet voraussichtlich am 18. Januar von 16 bis 19 Uhr einen Workshop zu dem entwickelten Bewertungsverfahren an. Interessierte Unternehmen wenden sich an:
Professur für Unternehmensrechnung und controlling Prof. Dr. Klaus Möller Platz der Göttinger Sieben 3, 37073 Göttingen
www.controlling.uni-goettingen.de

Ansprechpartner: Michael Kubach Telefon: 0551/39-10671 per E-Mail