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Text von: Claudia Klaft

Das Drama ist noch nicht zu Ende, aber die Kultur in Südniedersachsen inszeniert sich bereits neu.

Waren es früher große Gefüh­le, die den Stoff für Dra­men lieferten, ist es heute ein winziges Virus. Mehrere Akte sind gespielt, aber der Ausgang ist noch immer ­ungewiss. Das Publikum verfolgt das Trauerspiel von außen, während drinnen ein großes Minus die Bühne ­betreten hat.

„Ganze 24 Prozent Umsatzrückgang im vergangenen Corona-Jahr 2020 werden es in Bezug auf 400 Millionen Euro zwei Jahre zuvor in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Südniedersachsen wohl sein“, erklärt Anne Bleimeister vom Niedersächsischen Wirtschaftsministerium. Wobei Kultur- und Kreativwirtschaft, kurz KKW, ein wirklich weiter Begriff ist: Er umfasst alles von sämtlichen Bereichen des Presse-, Architektur-, Werbe-, Kunst- und Buchmarkts über die Software-/Games-Industrie bis zur Design-, Rundfunk-, Musik- und Filmwirtschaft und hin zum Markt für darstellende Kunst. Für Letzteren allein schätzt das Kompetenzzentraum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes deutschlandweit ein Minus von 85 Prozent. Und selbst dieses Minus trifft die Akteure unterschiedlich hart.

Einrichtungen überleben zwar dank Sonderprogrammen, Zuschüssen, Spenden und Kurzarbeit. Doch auch wenn wieder geöffnet ist, bleibt das Minus vorerst bestehen, weil Publikumskapazitäten aufgrund der Abstandsregeln nicht ausgeschöpft werden können. Veranstalter, deren Räume ungenutzt bleiben, mussten bereits einen Großteil ihrer Crew entlassen. „Unsere Kultur­veranstalter und eigenen Betriebe haben wir ungeschmälert die ganze Zeit durchgefördert. Aber die freischaffenden Künstler sind in ihrer Existenz bedroht“, sagt Petra Broistedt, Kultur- und Sozialdezernentin der Stadt Göttingen. „Mit tragischen Folgen“, so Erich Sidler, Intendant am Deutschen Theater Göttingen. „Alle Künstler, die frei arbeiten und ganz bewusst nicht den Main­stream bedienen, sind extrem gefährdet. Und damit die künstlerische Vielfalt.“

Die heterogene Betroffenheit zeigte sich auch Ende Januar auf der Südniedersachsenkonferenz, die zum Thema Kultur- und Kreativwirtschaft tagte. Jens Wortmann, Inhaber des Kulturbüros Göttingen, resümiert: „Diese Konferenz kann nur ein Anfang sein. Es fehlt so grundsätzlich an Strukturen, Zielen und Methoden, dass alle Beiträge nur als Einzelbeiträge im Raum stehen blieben.“ Für größere Schritte forderten die Referenten eine zentrale Koordinierungsstelle für Kulturschaffende. Abseits einer solchen haben sich inzwischen schon einzelne Netzwerke etabliert. Der Verein Kreuz­berg on KulTour beispielsweise, der seine Konzerte erfolgreich auf einem eigenen Portal online stellt, hat ein Musiker­selbsthilfe­portal (www.musikerfuermusiker.de) ge­gründet und dafür den Niedersachsenpreis für Bürgerengagement 2020 erhalten.

Ein weiteres gelungenes Beispiel ist kulturis.online, eine Weiterführung von KiSN (Kultur in Südniedersachsen), das bereits im März 2020 startete, initiiert vom Landkreis Göttingen, Akteuren der Kulturbranche und dem Göttinger Tageblatt. Kultur und Landkreis blieben bis heute im Boot, das Fachwerk5Eck stieg mit ein, doch Regie führt jetzt der Landschaftsverband Südniedersachsen. Projektleiter Moritz Steinhauer hat es sich zum Ziel gesetzt, die virtuelle Plattform für Kunst- und Kulturschaffende, ­Museen und Veranstalter mit neuen Features zu der Anlaufstelle für Kultur in der Region weiterzuentwickeln. Der Startschuss dafür fiel wiederum im März dieses Jahres mit einem Sofa-Festival (www.kulturis.online).

Die Kultur erfindet sich seit einem Jahr neu. faktor sprach mit regionalen Akteuren über die Heraus­forderungen der vergangenen Monate und darüber, was es bedeutet, innovative Wege zu gehen.

Theater der Nacht

Im Theater der Nacht in Northeim kreuchen und fleuchen die traumhaft skurrilen Gestalten des Figu­ren­theaters ungeduldig durch die Flure. Gründerin und Thea­terleiterin Ruth Brockhausen kämpfte anfangs mit dem „bitteren Gefühl, dass Kultur plötzlich keine Bedeutung mehr hat“. Die Sommerpause 2020 ging fast nahtlos in den Lockdown über, und die Ruhe sei vor allem zu Beginn schwer auszuhalten gewesen. „Rettungsanker waren staatliche Hilfen, Sponsoren und Menschen, die einfach mal Kuchen vorbeibrachten, um uns aufzuheitern.“

Inzwischen haben die Figuren einen Weg aus der Lethar­gie gefunden und sich mit der Hausband ,Die Schrägen Vögel‘ zusammengetan. Für diese experimentelle musikalisch-­bildnerische Inszenierung wurde Geld durch Crowdfunding gesammelt. Das Ergebnis wird ­gezeigt, sobald wieder geöffnet ist. „Schräg wird auch ­unsere erste Castingshow“, erzählt Brockhausen. „Das Theater der Nacht sucht den goldenen Abendstern im Mondlicht des südniedersächsischen Nachthimmels, kurz DTDNSDGAIMDSN.“ In einem Talentwettbewerb werden sich dabei Künstler aus Northeim und der Region ­einer humorvollen, fachkundigen Jury stellen. Mitmachen kann grundsätzlich jeder mit einem Talent. Aus dem ­Casting werden kleine Videoclips entstehen, die regel­mäßig auf der Webseite des Thea­ters, auf Facebook und Youtube erscheinen. So können die Zuschauer mit abstimmen. „Film ist eigentlich nicht unsere Kunstform, aber sie bringt uns zu den Zuschauern“, sagt Strippenzieherin Brockhausen. Und während das Theater drinnen mit einer Lüftungsanlage umgerüstet wird, entsteht draußen noch ein Feen- und Elfengarten mit bespielbaren Skulpturen. „So, dass die Leute Lust haben, wiederzukommen.“
▸ www.theater-der-nacht.de

Deutsches Theater Göttingen

Lust auf reale Begegnungen hat seit Langem auch das Deutsche Theater Göttingen, das finanziell dank un­geschmälerter Zuschüsse und Kurzarbeit auf soliden Beinen steht. „Das Team ist voll motiviert“, berichtet Intendant Erich Sidler, auch dank der guten Kommunika­tionskultur, die Potenziale wachrufe und bereits zu kreativen Ideen führte – wie das Drive-through-Projekt ,Die Methode‘, das im vergangenen Jahr über den Sommer autofahrende Zuschauer in die Tiefgarage lockte. Diese ungewöhnliche coronasichere Inszenierung brachte der Theaterleitung, Erich Sidler und Sandra Hinz, den Preis Bühnenheld*innen ein.

Dass das Haus weiteratmet, demonstrierte auch zu Beginn des Jahres die Outdoor-Installation ,Mechanische Tiere‘, die zum Reflektieren und Verweilen am Deutschen Theater einlud. Das Ensemble hatte den Theatertext ­,Mechanische Tiere‘ der Autorin Rebekka Kricheldorf eingesprochen, der den Theaterplatz murmelnd ­belebte und den kulturellen Moment in den Außenraum trug. Seit der endgültigen Schließung mit dem zweiten Lockdown Anfang November erfreuen sich auch Live­streams von Aufführungen im Internet wachsender Beliebtheit: Etwa 6.000 Zuschauer waren allein bei der Inszenierung ,Alles Lüge‘ im Februar dabei. Im März folgte der Live­stream ,Speed Acting‘, der ebenfalls bis heute online abrufbar ist. Akustisch präsentiert sich das Theater mit ,DT Ohrengold – Die Radioshow des Deutschen Theaters Göttingen‘ seit Anfang Februar einmal monatlich im Stadtradio, während sich im Inneren des Haues derweil alle darauf vorbereiten, den Vorhang wieder zu heben. „Wir sind gewappnet“, sagt Sidler.
www.dt-goettingen.de

Internationale Händel-Festspiele

Gewappnet waren auch die Internationale Händel-Festspiele Göttingen – für den kommenden Mai. Dann endlich sollte das Feuerwerk gezündet werden, das schon zum 100-jährigen Jubiläum im vergangenen Jahr vorgesehen war. Jetzt mussten die Vorbereitungen wieder ab­gebrochen werden. „Wir entwickeln langsam eine gewisse Gelassenheit“, sagt der geschäftsführende Intendant Tobias Wolff und kommentiert so die erneute Verschiebung auf September. Der künstlerische Leiter an seiner Seite, Laurence Cummings, zeigt sich erleichtert darüber: „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Reise­beschränkungen schnell genug aufgehoben werden.“

Verständnisvolle Worte für einen verzweifelten Zustand. Zwar gab und gibt es viele persönliche Zuwendungen, doch fehlt ihnen im zweiten Jahr in Folge das Publikum, aus dem sie ihre Kraft schöpfen. Das zehrt. Das ersatzweise entstandene ,Digitale Festival‘ im vergangenen Jahr fand noch großen Anklang – die Videos der Beiträge sind noch immer auf der Webseite und dem ­Youtube-Kanal haendel­fest abrufbar. „Doch die Kontakte werden schwächer“, sagt Wolff bedauernd. „Weitere Aufzeichnungen füllen nun die Monate bis zur eigentlichen Spielzeit, in der erneut kleine feine digitale Formate stattfinden werden.“ Zwischenzeitlich schalten sich die Orchestermitglieder aus aller Welt mit Cummings zusammen. Wolff tauscht Erfahrungen mit anderen Festivals aus. „Wir werden das Prinzip Salzburg rigide umsetzen“, erzählt er. „Das heißt, die Mitwirkenden einer Produk­tion müssen unter sich bleiben.“ Das ursprünglich geplante Programm wird schmaler ausfallen müssen. Trotz allem: Die Vor­bereitungen für den zweiten Anlauf zum großen Jubiläum im September laufen auf Hochtouren – wenn auch mit Ungewissheiten seitens der Locations und der Künstler. Sicher ist nur der Wechsel an der Spitze: Für Wolff und Cummings ist es die letzte Spielzeit in Göttingen. Schon im Mai wechselt Wolff nach Leipzig, ­Cummings geht nach London – beide kommen aber für den September zurück, um sich angemessen mit einem Feuerwerk zu verabschieden und ihre Nachfolger zu begrüßen.
www.haendel-festspiele.de

PS.SPEICHER

Der ausgebremste PS.Speicher hatte 2020 eine auf­sehen­erregende Premiere von 1.600 neuen Exponaten geplant. „Corona hat uns die Öffnung der PS.Depots jedoch verhagelt“, sagt Geschäftsführer Lothar Meyer-­Mertel. Das Überleben sichert vor allem die gemeinnützige Stiftung PS.Speicher, vormals Kulturstiftung Kornhaus.

Heiß läuft der Motor derweil auf den sozialen Kanälen, auf denen der PS.Speicher Fahrzeuge und deren Geschichte vorstellt. „Das Thema Oldtimer ist sehr emotio­nal, und so präsentieren wir es auch“, sagt Meyer-­Mertel und freut sich über das enorm gestiegene organische Wachstum der Follower: Über 75.000 Menschen liken, kommentieren und motivieren. Großen Zuspruch finden auch die virtuellen Rundgänge auf der Webseite. Für den Herbst ist eine Sonderausstellung zu ,100 Jahre AVUS‘ geplant, öffnen will der PS.Speicher aber schon im Frühjahr. „Wir haben viel Raum, Lüftungsanlagen, Hygienekonzepte“, erklärt der Geschäftsführer hoffnungsvoll. „Richtig durchstarten wird das Museum aber wohl erst wieder 2022 – dann geben wir richtig Gas“.
▸ www.ps-speicher.de

Gandersheimer Domfestspiele

„Die erhofft ,beste Spielzeit aller Zeiten‘ fiel bescheiden aus“, erzählt der Geschäftsführer der Gandersheimer Domfestspiele Thomas Groß. „Und trotzdem: 2020 sind wir sehr reich beschenkt worden.“ Vom Publikum, das Gutscheine gekauft oder gespendet hat, und von Spon­soren, die trotz ausgefallener Gegenleistung geblieben sind. „Die vielen persönlichen Gespräche haben uns zusammengeschweißt. Die Gandersheimer Dom­festspiele haben so vom Rand der Existenz wieder zurückgefunden.“

Die Künstler dagegen sind in Not. Mit Verträgen, die das Risiko gerecht verteilen, will Groß ihnen seine „Leidenschaft und Wertschätzung vermitteln“. Gemeinsam mit Intendant Achim Lenz plant er in diesem Jahr von Juni bis August eine Woche mehr Spielzeit mit 35 Prozent mehr Aufführungen, ein weitläufiges Catering-Konzept, Schnelltests mit ärztlicher Betreuung und einen zusätzlichen Spielort im Probenzentrum. Dessen technische Ausstattung haben sie durch ein Crowdfunding und einen unverhofften Spender finanzieren können. „Die Stiftsfreiheit am Dom wird aufgewertet“, so Groß, „damit Besucher bei uns das Gefühl von Freiheit, Optimismus und Wohlbefinden atmen können.“
www.gandersheimer-domfestspiele.de

Göttinger Literaturherbst

Der Göttinger Literaturherbst hatte 2020 mehr Glück – beziehungsweise mehr Mut. „Am ersten Sonntag im ­November kamen noch Besucher zu unserer letzten Live-­Veranstaltung, obwohl bereits die Regierungsentscheidung für eine endgültige Schließung ab Montag bekannt war“, erzählt Geschäftsführer Johannes-­Peter Herberhold. Ab dann hieß es, Beschränkungen einzuhalten. Doch man war vorbereitet. Wo andere resignierten, hat der Literaturherbst die Chance genutzt: Kurzerhand wurde für die Zuschauer eine neue Möglichkeit der Teilnahme geschaffen. Mit dem On-Air-Ticket konnten erstmalig alle Lesungen des Festivals auch von zu Hause aus verfolgt werden. Allen 27.000 Studierenden der Uni Göttingen wurde dies kostenlos ermöglicht. „Normalerweise hätten wir ihnen Restkarten geschenkt, aber wir waren ausverkauft“, sagt Herberhold nicht ohne Stolz.

Der große Erfolg des On-Air-Tickets brachte bundesweite Aufmerksamkeit. Die Innovation war schließlich sogar ausschlaggebend für die Verleihung des Initiativ­preises der Göttinger Litfin-Stiftung. „Wir honorieren damit auch Christoph Reisner, den verstorbenen Initiator des Literaturherbstes“, sagt Gerd Litfin. „Doch Johannes-Peter Herberhold hat die Chance ergriffen, diesen überregional zum Strahlen zu bringen.“

Der 30. Göttinger Literaturherbst wird nun aufgrund der Pandemie wohl erneut kein rauschendes Festival im klassischen Sinne. „Auf digitaler Ebene wird dafür umso intensiver weitergedacht“, sagt Herberhold. Unter anderem sollen bereits ab dem Frühjahr spannende Online-­Beiträge als Countdown zum Start im Oktober laufen. Und im Herbst rechnet der Geschäftsführer damit, so manchen Autor wieder live zuzuschalten. „Auch da gehen wir experimentelle Wege. Bleibt nur noch die Frage im Raum: Wird das Publikum auch zurückkommen?“
www.literaturherbst.com

Wie die hier aufgezählten Beispiele, so gibt es noch viele andere Kulturschaffende in Südniedersachsen, die mutig, kreativ und engagiert die Fahne hochhalten. Ob Internationales Straßentheater Holzminden, Göttinger Kultur­­­sommer, Junges Theater oder Musa – sie alle stehen für eine ganze Branche, die in Deutschland einen wichtigen Beitrag leistet, um uns das Leben lebenswert zu machen. Das Drama Corona ist noch nicht vorbei. Bleibt zu hoffen, dass – auch mit Ihrer Hilfe – der nächste Akt endlich wieder zur Komödie wird.