Lernen, mutig und schlau zu handeln

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Das Leben von Mut in öffentlichen Situationen, um zivilgesellschaftliche Werte aufrechtzuerhalten“, so definiert Margarete Boos den Begriff Zivilcourage. Die Leiterin der Abteilung für Sozial- und Kommunikationspsychologie forscht und lehrt seit 1995 an der Georg-August-Universität.

Ihre Schwerpunkte setzt sie im Bereich der Gruppen-, Koordinations- und Führungsprozesse in Teams. Schockiert durch rassistisch motivierte Brandanschläge in Deutschland zum Jahrtausendwechsel, widmete sich die Professorin dem Thema Zivilcourage. Aus ersten Seminarveranstaltungen, die auf großes Interesse stießen, entwickelte sich schnell ein etablierter Bereich an ihrem Institut. Inzwischen ist daraus das Göttinger Zivilcourage-Impuls- Training (GZIT) entstanden. Gemeinsam mit der Trierer AG Frieden e.V., dem Mauthausen Komitee Wien und weiteren Kooperationspartnern bietet das Göttinger Georg-Elias- Müller-Institut für Psychologie Zivilcouragetrainings und Ausbildungskurse zum Zivilcouragetrainer an.

Aber wie reagiere ich zum Beispiel, wenn ein Mensch einen anderen bedroht? „Zivilcourage kann man trainieren, indem man in Gruppen bestimmte Situationen simuliert und Handlungsalternativen durchspielt“, beschreibt Boos die Vorgehensweise. In ihren Seminaren trifft sie oft auf Menschen, die sich seit Jahren mit Selbstvorwürfen quälen, weil sie denken, in einer kritischen Situation falsch oder gar nicht gehandelt zu haben. Die Forscherin unterstreicht zwar den Zusammenhang von Zivilcourage und mutigem Handeln, möchte dies aber nicht als Aufforderung missdeutet sehen, sich blindlings zwischen Konfliktparteien zu stürzen. Vielmehr sei es wichtig, Hilfe zu rufen oder andere Umstehende mit einzubeziehen und sich in erster Linie um das Opfer und nicht nur um den Täter zu kümmern. Solche Szenen können per Rollenspiel sehr gut nachgestellt werden. Handlungsalternativen werden dann aufgezeigt und ausführlich diskutiert. Treten solche Umstände in der Realität auf, sei dies selbstverständlich mit ganz anderen Rahmenbedingungen verbunden, doch die praktische Auseinandersetzung in der Übung stellt den Betroffenen mögliche Lösungsansätze zur Verfügung. Skeptisch ist Boos allerdings gegenüber nachgestellten Szenen in der Öffentlichkeit, um die Hilfsbereitschaft der Menschen zu testen. „Solche Situationen können schnell außer Kontrolle geraten und sind gefährlich“, warnt die Sozialwissenschaftlerin.

Aufgrund ihrer umfassenden Erfahrung auf diesem Gebiet – gemeinsam mit ihrem Wissenschaftskollegen Kai J. Jonas hat sie das Buch ,Zivilcourage trainieren‘ veröffentlicht – hielt Margarete Boos in diesem Jahr eine Rede bei der Verleihung des Göttinger Zivilcouragepreises. In diesem Zusammenhang erweitert sie den Begriff auch über die rein körperliche Gefahr hinaus: „Es muss nicht immer um eine Bedrohung der Gesundheit des Helfenden gehen, oft kann couragiertes Verhalten auch durch die Angst um den Verlust gesellschaftlichen Ansehens gebremst werden.“ Aus diesem Grunde zeigte sie sich auch erfreut über die Auszeichnung des Luisenhofes für die Verfolgung des Werdenfelser Weges (siehe Seite 19), denn hier habe man mit Michael Eisenberg jemanden geehrt, der dauerhaft gegen die Widerstände der Behörden und brancheninterne Skeptiker ankämpfen musste.