Lernen durch Praxis

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Bereits am Gründungstag im Jahr 1888 beschäftigte Ruhstrat seinen ersten Lehrling. Seitdem haben im Unternehmen über 1.300 junge Menschen ihren Start ins Berufsleben begonnen. Warum ist der Familienbetrieb so beliebt bei den Bewerbern, und was erwartet sie dort?

Andreas Lux ist nervös: Es ist der erste Tag seiner Ausbildung als Technischer Systemplaner in der Fachrichtung Versorgungs- und Ausrüstungstechnik bei der Firma Ruhstrat. Wie wird er sich in dem Unternehmen zurechtfinden? Die 125-jährige Ausbildungserfahrung der Firmengruppe hat ihn motiviert, sich hier zu bewerben. Schon der erste Ein- druck überzeugt ihn: Der erste Tag dient dem Kennenlernen des Unternehmens und der Mitarbeiter. Ältere Azubis stehen den jüngeren als ,Paten‘ zur Seite. Lux hat sofort das Gefühl, sich richtig entschieden zu haben – und ist heute nach wie vor zufrieden mit seiner Wahl: „Wir werden von erfahrenen Mitarbeitern betreut, die jederzeit auf unsere Fragen eingehen. So lernen wir jeden Tag dazu.“

Für Daniela Ruhstrat ist das praxisorientierte Lernen der Kernpunkt der Ausbildung bei Ruhstrat. „Bei uns ist jede Baustelle anders. Wie könnten die Auszubildenden besser ihren Beruf erlernen, als an möglichst vielen unterschiedlichen Aufträgen mitzuwirken?“, sagt die Ausbildungsverantwortliche der Ruhstrat Haus- und Versorgungstechnik GmbH. Pascal Apfeld, der sich im dritten Lehrjahr zum Elektroniker für Automatisierungstechnik befindet, beschreibt den Unterschied zur Ausbildung in einem Industrieunternehmen: „Auf den vielen Baustellen lernen wir auch Probleme und Lösungen kennen, die in industriellen Lehrwerkstätten nicht auftauchen.“

Auch er ist froh, sich für den Handwerksbetrieb entschieden zu haben. In seinen Gesprächen an der Berufsschule zeigt sich, dass er in der Ausbildung bei Ruhstrat mehr praxisnahe Erfahrung sammeln kann als seine Mitschüler: „Ich wollte schon immer etwas mit meinen Händen gestalten. Es ist ein Supergefühl, durch die Stadt zu fahren und die fertigen und funktionierenden Projekte zu sehen, an denen ich mitgearbeitet habe.“

Wichtig ist den Auszubildenden auch der Umgang des Unternehmens mit Problemen während der Ausbildung. Anna-Katherina Hampe ist z.B. im Raum Göttingen die einzige Auszubildende als Technische Systemplanerin in der Fachrichtung Elektrotechnik. Das führt in der Berufsschule dazu, dass der Unterrichtsstoff nicht immer für ihren Ausbildungsgang konzipiert ist. „Wir sprechen es offen an, wenn uns am Lehrplan und den Abläufen in der Berufsschule etwas nicht passt“, sagt Daniela Ruhstrat. Die Befürworterin des dualen Ausbildungssystems ist zufrieden mit den überwiegend positiven Reaktionen der Schule auf solche Kritik. Für Lehrinhalte, die in der Berufsschule und im Betrieb nicht vermittelbar sind, bietet Ruhstrat seinen Auszubildenden die Teilnahme an Fortbildungslehrgängen an.

Neben dem Fachwissen spielt für Fiorella Kunkel auch die Anerkennung ihrer Leistungen eine große Rolle. „Wenn etwas gut läuft, wird man gelobt. Das motiviert mich, und ich will mehr solche Erfolge haben“, sagt die künftige Industriekauffrau, die vor allem die aufwändigen Bestellvorgänge für komplizierte Aufträge interessant und lehrreich findet. Sie saß übrigens schon als Kind in einem Ruhstrat-Auto – ihr Nachbar fuhr als Monteur einen Firmenwagen. Vielleicht war dies schon ein Zeichen für ihre spätere Berufslaufbahn …

Apropos Berufslaufbahn – alle Auszubildenden möchten gerne nach ihrem Abschluss bei Ruhstrat bleiben. „Es ist natürlich ein Vorteil, vom Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden. Dann kennt man die ganzen Abläufe schon“, sagt Bastian Jürs, der im zweiten Lehrjahr zum Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klimatechnik ausgebildet wird. Angst davor, nach der Übernahme zum ,ewigen Azubi‘ zu werden, hat er nicht, denn „es kommen ja immer wieder neue Azubis nach. Denen kann man dann sein eigenes Wissen weitergeben“.

Mit über 40 Nachwuchskräften hat Ruhstrat traditionell eine der höchsten Ausbildungsquoten in Südniedersachsen. Seit der Gründung bildete das Unternehmen über 1.300 junge Menschen aus. „Wir freuen uns über jeden motivierten Auszubildenden, den wir weiter beschäftigen können und der vielleicht auch noch den Meisterbrief macht. Als Handwerksbetrieb brauchen wir immer gute Leute“, so Daniela Ruhstrat. Gerade weil der innerbetriebliche Kontakt manchmal zu kurz kommt, da immer einige Auszubildende in der Berufsschule, andere auf den Baustellen, im Büro oder Betrieb sind, fördert Ruhstrat stets den Austausch und Zusammenhalt. So findet einmal jährlich zu Beginn des Ausbildungsjahres ein ,Azubitreffen‘ statt. „Wir fahren dann z.B. Kanu auf dem Kiessee und können uns so ungezwungen kennenlernen“, sagt Daniela Ruhstrat, und mit einem Augenzwinkern fährt sie fort: „Bevor die jungen Leute dann später am Abend zum gemeinsamen Feiern auf die Piste gehen, verdrücken wir Ausbilder uns natürlich.“