Leben Sie gern im Tempoland?

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Lothar Seiwert, Experte für Zeit- und Lebensmanagement, verrät im Gastbeitrag, wie man seine Lebenszeit in Balance genießt.

In Finnland sagt man: „Gott hat den Menschen die Zeit gegeben, aber von Eile hat er nichts gesagt.“ Doch wir leben in einer chronometrischen Gesellschaft. Wir glauben an Chronos, den Gott der sequenziellen Zeit, der linearen Zeit, der deutschen Zeit: pünktlich, zuverlässig, ordentlich, verplant. Wir glauben, alles zu erreichen, wenn wir nur genug beschleunigen. Die Folge: Über 41 Millionen Erwerbstätige in Deutschland kommen auch zu Hause nicht zur Ruhe.

Das Leben im Tempoland wird von einem Hormon namens Adrenalin regiert. In einer Werbung des internationalen Konzerns ABB fand ich einmal folgenden Text: ,Denk schneller! Die Idee, die Du heute hast, ist in fünf Jahren veraltet. Du hast die ganze Welt als Konkurrent. Was Du kaufen kannst, musst Du nicht erfinden. Finde raus, wo das Problem liegt. Such nicht das, was Du für perfekt hältst. Fang an zu machen. Lieber nur 98,5 Prozent als 1,5 Jahre zu spät – oder zu teuer. Perfektion ist Zeitlupe, Phantasie ist Lichtgeschwindigkeit. Wie schnell warst Du heute?‘ Ziemlich schnell.

Der Wecker holt uns aus den Federn. Blitzschnell wird geduscht. Höchstens Zeit für eine Tasse Kaffee. Kurz ein Blick in die Zeitung. Ab ins Auto, schnell ins Büro. Mist, geblitzt worden. Die Geschwindigkeit übertreten. Warum braucht der Aufzug nur so lange, die warten doch schon alle. Zwischen den Zimmern, den Terminen, den Aufgaben hin und her fetzen. Kaum Zeit für die Kantine. Essen runterschlingen. Abends schnell heim. Halt, vorher noch schnell was einkaufen. Blitzschnell die Sporttasche packen. Schnell noch Mutter anrufen. Ins Auto, zum Fitnesscenter rasen. Schnell was für die Gesundheit tun. Pizza in die Mikrowelle. Schnell essen, schnell noch den Krimi gucken. Schnell ins Bett. Der Tag ist eine einzige Rushhour.

Das Leben auch. „Wer immer schneller zu laufen versucht, ist deswegen noch lange nicht da, wo er hin will“, meint Management-Guru Stephen Covey. Wir leben in einer Ex-und-hopp-Gesellschaft. Alles wird immer schneller: Arbeiten, Essen, Informieren, Unterhalten, Reisen, Erholen. Sportler müssen immer schneller werden, genauso wie Autos, Flugzeuge, Bahn, Kommunikation. Spezialisten treiben die Technik des Zeitsparens bis zur Perfektion – und Controller schleichen wie Momos graue Herren von der Zeit-Sparkasse durch die Betriebe und holen noch mehr Zeit raus. Fast Life. Ein schreckliches Leben. Weil uns die Zeit abhanden kommt, weil wir nicht mehr erleben. Kurz: Wir brauchen ein allgemeines Tempolimit.

Was passiert, wenn wir einen Gang runterschalten und ein bisschen mehr Zeitlupe in unser Leben einbauen? Wir sehen auf dem Weg zur Post leuchtende Kinderaugen und die rosa Blüten des Kastanienbaums, wir lächeln über den Hund, der im Brunnen badet. Wir spüren den Wind durch die Haare zausen. Wir riechen den Espressoduft vom Eckcafé. Wir erleben. Machen Sie mit bei der Hetzjagd um Macht und Erfolg? Wir leben unter der Diktatur des Adrenalins. Und hasten atemlos durchs Tempoland. Wir glauben, alles erreichen zu können, wenn wir nur beschleunigen. Zum Beschleunigen brauchen wir Adrenalin. Es ist das Hormon der High-Speed-Gesellschaft, unserer Nonstop- Kultur. Mit Smartphone und Laptop ist immer Rushhour. Wir sind stets und überall erreichbar, hochwachsam, rund um die Uhr. Wir hetzen, mobil und flexibel, wie wir sind, weil es von uns verlangt wird, rund um die Welt. Politiker sind heute in Chicago, morgen in Peking. Unsere Manager heute in Chelsea und morgen in Prag, unsere Verkäufer heute in Celle und morgen in Pirmasens.

Wir wechseln den Job, den Arbeitgeber, den Ort – und nicht immer, aber immer öfter den Partner. Die Familie ist sauer – denn der Job frisst uns auf. 66 Prozent der Arbeitnehmer empfinden ihr Arbeitspensum als zu hoch, resümiert eine Studie der Personalberatung von Rundstedt HR Partners. 88 Prozent der Deutschen haben keinen klassischen Feierabend mehr, wie eine Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom ergab. Immer ist etwas los, immer ist etwas zu tun.

Das Leben ist gefüllt, nur eben nicht erfüllt. Vielen geht vieles, wenn nicht fast alles, viel zu schnell. Wir müssen ständig auf dem Laufenden sein. Der Schnelle frisst den Langsamen, der Bewegliche den Schwerfälligen.

Sogar unsere Sprache ist von der Hetze infiltriert: Ich geh mal schnell telefonieren. Ich geh rasch Pause machen. Kannst du mal schnell meinen Mantel holen? Als ob man das nicht langsam tun könnte. Nichts läuft ohne Adrenalin, das Hormon der Nebenniere, das uns antreibt und beschleunigt.

Neuere Technologien verlangen, in immer schnellerem Tempo unter stärkerem Druck mit weniger Budget und weniger Personal in kürzerer Zeit immer mehr zu schaffen. Die Erwartungen an sich und an andere sind gestiegen – und damit das Risiko, sie nicht zu erfüllen. Heute zählen weniger handwerkliche Fertigkeit oder Kraft und körperliche Ausdauer als Kreativität, höchste Konzentration, psychologisches Geschick, emotionale Intelligenz, situative Kompetenz, Flexibilität, ständiges Dazulernen. Diese treffen auf: Informationsflut, Leistungsdruck, schlechtes Betriebsklima, mangelnde Aufstiegschancen, Mobbing, Burn-out.

Angst um den Job. Die Kluft zwischen Arm und Reich gibt es immer noch. Allerdings werden wir nicht mehr so stark wie noch vor 100 Jahren in unsere Rolle in der Gesellschaft hineingeboren. Der Sohn übernimmt nicht automatisch die Schreinerei des Vaters. Meist muss er sich seinen Platz in der Gesellschaft selbst schaffen.

Das Arbeitsumfeld hat sich verändert – vom Acker zum Schreibtisch. Statt körperlicher Schwerarbeit leisten wir Kopfarbeit. Da sind stabile Nerven gefragt. Wir fehlen nicht mehr so oft in der Arbeit, weil der Körper krankt, sondern viel häufiger, weil die Seele das alles nicht mehr verkraftet. Viele Menschen setzen sich zum Ziel: Wohlstand, Macht oder Erfolg. Weil sie meinen, Mächtige und Reiche seien glücklichere Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, ackern sie sich auf der Karriereleiter ab. Auf dem mühsamen Weg steil nach oben fragen sie zu wenig nach den eigenen Bedürfnissen. Und stolpern.

Erfolg heißt für mich: Zufriedenheit mit der eigenen Leistung, mit dem eigenen Leben. Erfolg ist das Ergebnis steten, geplanten Handelns in einem ausbalancierten Leben – und stellt sich jeden Tag neu ein. Die Hetzjagd nach Erfolg kann fatale Auswirkungen haben: Der Adler endet als Suppenhuhn. Denn viele stellen sich nicht die Frage: Wie hoch ist hoch genug für mich? Und alles endet nach dem Peter-Prinzip: Der Amerikaner Laurence J. Peter stellte Anfang der 1970er-Jahre die These auf, dass die meisten Menschen so weit in der Hierarchie aufsteigen, bis sie ihre jeweilige persönliche Stufe der Unfähigkeit erreicht haben. Überforderung und Inkompetenz führen dann zu schweren Belastungen und Konflikten mit sich und den Kollegen. Die Folgen sind Neurosen, Alkoholmissbrauch, Herzinfarkt und Magengeschwüre. Das Hinaufklettern ist so lange kein Übel, solange es wirklich Spaß macht, den eigenen privaten Beziehungen keinen Abbruch tut und einem selbst das Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Eine Beförderung sollte man niemals aus Eitelkeit annehmen, wenn man sich nicht hundertachtzigprozentig sicher ist, dass der Aufstieg einen nicht aus der Balance bringt. Wir sind einer ständigen Zunahme von Informationsmengen, Vernetzungsgraden und Verarbeitungsgeschwindigkeiten ausgesetzt. Und je größer die Zahl der Menschen ist, die auf engem Raum zusammenleben, desto mehr nehmen auch Geschwindigkeit und Komplexität zu.

Der Fachbegriff für dieses Phänomen lautet ‚Dynaxity‘, die Kombination aus der Dynamik und der Komplexität unseres Lebens, die in den letzten Jahrzehnten rasant angestiegen sind. Immer mehr Termine, immer mehr Informationen – das zunehmende Lebens tempo setzt die Menschen unter extremen Druck. Doch die Grenze des Verkraftbaren ist erreicht: Entweder wir treten selbst auf die Bremse oder werden vom Burn-out ausgebremst.

Der Verlust der Lebensbalance ist ein schleichender Prozess. Und erst auf der Intensivstation wacht man auf – und ist bereit, etwas zu ändern. Die Amerikaner haben einen Namen dafür: Hurry-Sickness-Syndrom. Hetzkrankheit. Ein Symptom dafür ist, dass wir immer alle alles sofort haben wollen. Viele Menschen lassen sich von diesem allgemeinen Wunsch nach ‚Sofort‘ beherrschen und sind nicht mehr Herr ihrer Zeit, sondern die Zeit beherrscht sie. So, wie Sie alles sofort erledigt haben wollen, setzt man auch Sie gern unter Druck. Und starker Druck auf Menschen verursacht immer Stress. Sie drücken zurück, damit sie nicht umfallen. Sie verteidigen Standpunkte, die ihnen gar nicht so wichtig sind. Druck verbraucht Ihre Energie und erzeugt eine Gegenenergie. Wenn Sie stärker sind, haben Sie im besten Falle einen Zentimeter gewonnen. Das ist unökonomisch.

Druck löst unangenehme Gefühle aus, die uns auf Dauer schwer schaden. Da ist zunächst einmal die Angst, die viele Gesichter hat. Sie beginnt mit der Furcht, Fehler zu machen, die Existenz zu verlieren. Sie macht uns manchmal so unruhig, dass wir keinen klaren Gedanken mehr fassen können, und schickt uns irgendwann zum Therapeuten: Circa jeder Zehnte leidet unter behandlungsbedürftigen Panikattacken. Auch Wut und Zorn sind typische Ventilgefühle. Lange hieß es: Rauslassen! Heute weiß man, dass negative Emotionen – dazu zählen auch Misstrauen, Neid und Missgunst – über kurz oder lang zum Herzinfarkt führen können. Oder es stellt sich eine innere Unruhe ein, Termin- und Konkurrenzdruck machen nervös.

Diese Unruhe kann so weit gehen, dass sie uns den Schlaf raubt. Denn wer sich keine Zeit für sich nimmt, verkümmert. Der britische Psychologe Richard Wiseman fand in einer Langzeitstudie heraus, dass sich die Gehgeschwindigkeit der Menschen innerhalb von zehn Jahren um ungefähr zehn Prozent beschleunigt hat. Die Menschen haben offensichtlich wesentlich mehr Druck als früher, der sie dazu zwingt, ihr Lebenstempo zu erhöhen. Doch das ist noch nicht alles: Je größer die Stadt ist, in der wir leben, desto größer die Geschwindigkeit. In den letzten zehn Jahren ist die Dynaxity-Kurve derartig steil angestiegen, dass die Belastungsgrenze der Menschen überschritten wird.

Unser Tempo hat sich in allen Lebensbereichen so stark beschleunigt, dass es sich in einer Grafik in Form einer exponenziellen Kurve darstellen ließe. Doch diese Kurve kann nicht unendlich ansteigen. Es braucht Mut, um aus dieser Spirale auszusteigen, Informationen bewusst nicht aufzunehmen, Termine zu vermeiden, Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen und unsere Sprache und unser Denken zu vereinfachen.

Es braucht Mut zur Lücke. Jeder Mensch kann und muss die Komplexität und das Tempo seines Lebens selbst festlegen. Wer sich vergegenwärtigt, was ihn bedrückt und welche Ursachen dieser Druck hat, kann sich freimachen vom Diktat der äußeren Zwänge.

Verlosung

Übrigens: faktor verlost drei Exemplare der beiden Bücher von Lothar Seiwert. E-Mail mit dem Stichwort ‚Seiwert‘ bis zum 30. April 2015 an redaktion@faktor-magazin.de