Leben im Alter

Text von: Claudia Klaft

Sie kommt schneller, als Sie denken: nämlich die Frage, wie Sie im Alter leben und wohnen wollen.

Es ist passiert. Der 50. Geburtstag ist gefeiert. Erst mit der bitteren Erkenntnis verbunden, dass man älter ist, als man sich eigentlich fühlt. Aber dann mit leiser Vorfreude auf den Ruhestand. Den Großteil der berufstätigen Jahre hat man hinter sich und nun endlich der Ausblick auf die freie Zeit. KeinenTermindruck mehr, es sich einfach gut gehen lassen. Schöne und vor allem lange Reisen unternehmen können, ohne dass man an Vertretung oder Auftragslage denken muss. Herrlich.

Doch ist das in vielen Fällen leider nur ein Traum. Denn genauso wenig wie uns die Ausbildung auf die Tücken des realen Arbeitslebens vorbereitet hat, sind wir – obwohl lebenserfahren – nicht wirklich gut auf das Alter vorbereitet. So wie der womöglich ergriffene Traumberuf sich der Realität beugen musste, so werden wir auch im Ruhestand mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert. Das Leben verläuft selten nach Plan. Viele Familien erleben hautnah, wie es ist, für die eigenen Eltern Sorge zu tragen. Erst wenn sie sich aufgrund eines Unfalls, einer Krankheit oder nachlassender Kräfte nicht mehr selbst helfen können, wird ein Heim gesucht, und irgendwo findet sich ein Platz.

Man selbst ist beruhigt, dass sie gut untergebracht sind, ist es doch immer häufiger durch die räumliche Distanz und die Berufstätigkeit nicht möglich, selbst Hilfe zu leisten. Ein gutes Heim beruhigt das Gewissen der Kinder. Der Kinder? Selbst über 50 und nicht nur in Sportvereinen bereits als Senioren tituliert? Und was ist ein „gutes Heim“? Es wird Zeit, dass Sie darüber nachdenken, ob Sie selbst bereit sind, später in ein Heim zu ziehen und wie ein Heim sein müsste, dass es für Sie „gut“ ist. Wenn Sie vermeiden wollen,dass andere in Zukunft für Sie entscheiden, ob, wann und wo Sie in ein Altersheim sollen – machen Sie sich selbst rechtzeitig Gedanken. Wie also stellen Sie sich Ihr Wohnen im Alter vor?

Heime können eine sinnvolle Wohnperspektive sein. Sind Sie noch rüstig, können Sie eine Wohnung mieten, die Ihnen den Komfort der Rundum-Versorgung im Bedarfsfall garantiert. Verfügt die Wohnanlage über eine eigene Küche, ein vielfältiges Freizeitangebot, verbreitet das Personal eine herzliche Atmosphäre, fühlen sich die Bewohner wohl, sind die Räumlichkeiten ansprechend eingerichtet und sauber, ist das schon ein positives Signal. Seltsam mag erscheinen, dass viele Heime mit Freizeitaktivitäten wie Malen und Töpfern werben, denn es klingt ein wenig nach Kinderkram. Doch selbstverständlich findet man im passenden Heim auch Gesprächspartner für gesellschaftliche und politische Diskussionen.

In guten Einrichtungen wird man sich auch um Sie kümmern, wenn Sie komplett pflegebedürftig sind. Doch es gibt Unterschiede: In manchen Heimen können Sie in Ihrer Wohnung bleiben, lediglich das Bett wird durch ein Pflegebett ersetzt. Ehepartner müssen so nicht getrennt werden und können in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. In anderen Heimen werden Sie komplett auf die Pflegestation verlegt. Nicht nur, dass Sie psychisch daran leiden, immer hilfloser zu werden, so müssen Sie dann in dieser Situation auch auf Ihre lieb gewonnene Privatsphäre verzichten.

Für die Unterbringung von Demenzkranken gibt es unterschiedliche Ansätze. Während bei einigen ein gesonderter Aufenthaltsraum für sie zur Verfügung steht, ist es bei anderen eine abgeschlossene Abteilung. In der Stiemerling Senioren-Residenz Northeim hält man nichts vom Wegsperren. „Unser Wohnbereich für demente Personen hat selbstverständlich offene Türen“, so der Geschäftsführer Karsten Stiemerling. Dennoch ist der Wohnbereich eigens eingerichtet, da Stiemerling die Erfahrung gemacht hat, dass orientierungs- und im wahrsten Sinne zeitlose Menschen von ihrer Umwelt oft als anstrengend empfunden werden und sie sich daher in einem ungezwungenen Freiraum wohler fühlen. Kleinere, familiär geführte Heime, wie die Seniorengemeinschaft Am Reinhardswald in Hann. Münden, hätten nicht die räumlichen Möglichkeiten einer gesonderten Abteilung und wollten sie auch nicht. Sie haben gute Erfahrungen mit dem Zusammenleben von erkrankten und nicht erkrankten Personen gemacht: „Der familiäre Zusammenhalt und der gegenseitige Respekt schaffen bei uns eine harmonische Atmosphäre“, so Olaf Herbst, Betreiber der Residenz. In der Seniorenwohnanlage Dransfeld gibt es ebenfalls keine getrennte Unterbringung. Sven Tilch, Inhaber und ausgezeichnet als einer der Top-100-Arbeitgeber: „Es kann und darf nicht sein, dass diese Menschen von der Gesellschaft missachtet und aus Bequemlichkeitsgründen eingesperrt werden.“

Da die momentane Entwicklung und auch die Prognosen zeigen, dass die Zahl der Erkrankten zunimmt, sollte dieser nicht unwichtige Aspekt bei Ihren Überlegungen berücksichtigt werden. Überhaupt gilt es, eine Entscheidung zu treffen zwischen einer kleinen Anlage mit vielleicht weniger als 50 Personen, in denen die familiäre Geborgenheit spürbar ist, und einer größeren Anlage, die freundlichen Hotelcharakter hat. Genauso wie die Frage, ob Sie Ortsrandlage mit angrenzendem Waldgebiet oder Stadtnähe präferieren.

Sie sind gerne in vertrauter Gesellschaft und haben sozusagen „Freunde für’s Leben“. Ihren Kindern wollen Sie auch nicht „zur Last fallen“. Was liegt also näher als eine Wohngemeinschaft, in der man sich gegenseitig unterstützt. Gemeinsam ein Haus bauen/kaufen/mieten, das alle Annehmlichkeiten wie Barrierefreiheit und eine gute Infrastruktur bietet. Dieser Schritt sollte vor allem deshalb gut überlegt werden, weil bei engerem Zusammenleben die unterschiedlichen Vorstellungen Konfliktpotenzial bergen.

Was genau sind Ihre Wünsche? Mit Hund, Katze, Wellensittich, mit Gemeinschaftsküche oder eigener kleiner Küche, mit Sauna und überhaupt – mit wie vielen Menschen wollen Sie zusammenleben? Sollte sich dann heraus stellen, dass Ihre Freunde andere Prioritäten setzen, dann könnten Sie sich über Kontaktbörsen oder Anzeigen Gleichgesinnte suchen – ein nicht unüblicher und durchaus erfolgreicher Weg. Aber Sie müssen es wollen. Der unbestrittene Vorteil liegt darin, dass Dienstleistungen gemeinsam organisiert und die Kosten geteilt werden können. Sie können sich zurückziehen, aber es ist auch immer jemand in der Nähe, der sich kümmern oder im Notfall Hilfe rufen kann. Das trifft auch auf Mehrgenerationenhäuser zu, in denen nicht nur Gleichaltrige gemeinsam leben. Manche empfinden das als anregend, andere wiederum als anstrengend.

Egal wie Sie gemeinschaftliches Wohnen planen, Sie sollten in jedem Fall einen Moderator hinzuzuziehen, der beim Zusammenführen der Bewohner sowie der Klärung wichtiger Fragen hilft. „Die größte Schwierigkeit für eine solche Wohnform ist der kommunikative Umgang“,weiß Regina Meyer, Geschäftsführerin der Freien Altenarbeit Göttingen e.V. „Der familiäre Zusammenhalt, in dem man um die Schwächen des anderen weiß und der über die Tiefen hinwegträgt – der muss erst einmal in einer Wahlgemeinschaft erarbeitet werden.“ Doch da die familiären Strukturen immer mehr auseinanderbrechen, ist gemeinschaftliches Wohnen eine gute Chance, im Alter nicht einsam zu sein. Und Silke Inselmann, Inhaberin des Beratungsunternehmens widserve und Projektbetreuerin bei GemeinschaftBauen, ergänzt: „Natürlich muss man im Vorfeld genau definieren,wie viel Gemeinsamkeit man zulässt. Doch schon durch die Planungsphase findet eine Gemeinschaft zueinander.“

Sie brauchen keine Gemeinschaft und kommen bestens alleine zurecht? Sicher, das ist sogar für eine lange Zeit möglich. Doch was tun Sie im Fall eines Unfalls oder einer Krankheit, so dass Sie plötzlich pflegebedürftig sind? Wer organisiert für Sie einen mobilen Pflegedienst? Und was ist mit Ihrer Wohnung/Ihrem Haus? Treppen sind unüberwindbar, Türen zu schmal für ein Pflegebett; Haushalt und Garten wollen gepflegt sein. Vielleicht haben Sie es schon bei Ihren oder anderen Eltern beobachtet: Oft zwingt ein nicht heilbarer Knochenbruch oder ein Schlaganfall zu einer schnellen Hilfestellung, oder die Erkenntnis wird negiert, dass vieles nicht mehr selbständig bewältigt werden kann. Der Spruch „Ich kann bestens für mich selbst sorgen“ ist bar jeder Realität. Angehörige müssen schnell entscheiden, meist mit Blick ins Telefonbuch und den beiden Fragen „Ist was frei?“ und „Was kostet es?“. Ob die Unterkunft „gut“ ist, entscheiden Sie dann nicht mehr selbst.

Daher ist es für das Wohnenbleiben in den eigenen vier Wänden wichtig, das eigene Zuhause rechtzeitig barrierefrei und komfortabel zu gestalten sowie Informationen und Kontakte zu Pflegediensten parat zu haben. Hilfreich ist auf jeden Fall eine gute Nachbarschaft, in der Sie sich gegenseitig bei alltäglichen Aufgaben unterstützen und auf die Sie sich im Notfall verlassen können.

Welche Wohnform passt? Überlegen Sie sich also schon jetzt, wie Sie wohnen möchten, um sich wohlzufühlen. Phantasieren und diskutieren Sie mit Ihrem Partner, Ihren Kindern, Freunden und Nachbarn. Informieren Sie sich über Heime, Wohnalternativen und mobile Dienste. Nutzen Sie Ihre vorhandene Energie, und handeln Sie jetzt, damit Sie im Fall des Falles das beruhigende Gefühl haben, dass Sie Entscheidungen selbst getroffen haben oder in Ihrem Sinne entschieden wird. Dazu gehören auch so wichtige Dinge wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Noch haben Sie Einfluss auf Ihre Zukunft. Sicher, das Leben ist nicht planbar, aber Vorkehrungen treffen ist besser als Nichtstun.