“Landwirtschaft ist Heimat“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Mühlhausen

Landwirtschaft ist sein Leben. Der Ex-Minister Klaus Peter Bruns (95) schlägt nachdenkliche Töne an – und kritisiert, dass sich viele Landwirte ausschließlich als Unternehmer sehen.

Herr Bruns, Sie waren lange Zeit als Bewirtschafter der Domäne Reinhausen selbst in der Landwirtschaft tätig…

…fast ein halbes Jahrhundert…

…und haben die Entwicklung der Landwirtschaft immer aufmerksam verfolgt. Was hat sich geändert?

Viel, sehr viel… Und nicht immer nur zum Guten. Die Landwirtschaft hat früher ja die Dörfer markant geprägt. Heute fahren Sie durch Dörfer, in denen es keinen einzigen Landwirt mehr gibt und in denen auch viele Einwohner keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft haben. Das ist schade.

Ist das der Preis für den Strukturwandel, damit unsere Landwirte weltmarktfähig werden?

Weltmarkt, Weltmarkt… Aus meiner Sicht ist es nicht die Aufgabe der Landwirte, auf Biegen und Brechen weltmarktfähig zu sein und im globalen Wettbewerb zu bestehen. Da muss auch die Politik umdenken. Sicher, der Strukturwandel war nötig, viele Klein- und Kleinstbetriebe haben ja früher am Rande der Armutsgrenze gewirtschaftet. Wie auch immer: Landwirte sollten nach meiner Ansicht heute drei Dinge leisten: Die heimische Bevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln in höchster Qualität und Frische versorgen, sich auch ihrer Rolle bezüglich des Hungers in der Welt bewusst sein und die ihr anvertraute, in Jahrhunderten von Menschen geprägte Kulturlandschaft verantwortungsvoll und nachhaltig pflegen. Aber nicht nur Unternehmer sein um jeden Preis. Da bleibt zu viel auf der Strecke.

Also ein Zurück in die Vergangenheit nach dem Motto „Früher war alles besser…“?

Nein, natürlich nicht! Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Aber wir müssen uns fragen, ob all die Entwicklungen im Nachhinein so richtig
waren. Ob wir das, was heute unbefriedigend ist, nicht besser machen können. Schauen Sie doch mal, wohin uns das größer, schneller, weiter gebracht hat: Aus einer bäuerlichen Landwirtschaft, die verantwortungsvoll mit der Natur in der dörflichen Gemarkung gearbeitet hat, ist eine von Technik dominierte Agrarwirtschaft geworden, die von großen, in mehreren Dörfern arbeitenden Betriebsgemeinschaften bestimmt wird. Der Bauer aus dem Dorf hatte früher ein großes Interesse daran, dass die örtliche Landschaft auch schön ist, also gepflegt wird. Dem Landwirt aus dem Nachbardorf, der die Flächen heute bewirtschaftet, dem ist das meist egal – er hat den Bezug verloren und schaut nur auf die Kosten. Aber das ist nicht gut, denn die von uns durch jahrhundertelanges nachhaltiges Wirtschaften entstandene lebendige Landschaft ist auch unser Zuhause. Landschaft ist Heimat. In ihr leben auch teils seltene Tier- und Pflanzenarten, für die wir eine Verantwortung haben. In ihr erholt sich auch der Mensch.

Sie möchten also den Landwirt statt als Unternehmer lieber als Landschaftspfleger sehen?

Beides. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Klar muss der Landwirt heute wirtschaftlich arbeiten, muss seine Familie ernähren, seinen Betrieb
zukunftsfähig machen und ausrichten. Aber ich würde mich freuen, wenn Landwirte heute die ihr anvertraute Natur, die Schöpfung Gottes,
nicht nur als reine Nutzlandschaft sehen, in der man um jeden Preis kostengünstig für den Weltmarkt produzieren muss. Alle Landwirte müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein und das Erbe der bäuerlichen Landwirtschaft erhalten. Landwirtschaft, Landschaft und
Natur – das gehört doch zusammen.

Wie soll das geschehen?

Es gibt viele Landwirte, die umdenken müssen. Die in Landschaftselementen wie Hecken, Bäumen und Sträuchern nicht die Schönheit der Natur – den Lebensraum für Arten –, sondern nur störende Hindernisse sehen, an denen man mit den immer größer werdenden Maschinen nicht schnell genug vorbeikommt. Auch die Landwirtschaft muss hier ihren Beitrag leisten. Ich fordere aber auch die politischen Gemeinden auf, sich um die Landschaft vor ihrer Haustür zu kümmern. Zum Beispiel, indem sie dem Landschaftspflegeverband beitreten.

Was ist das?

Ich habe in den neunziger Jahren mit dafür gesorgt, dass im Landkreis Göttingen solch ein Landschaftspflegeverband nach bayerischem Vorbild gegründet wird, war viele Jahre Vorsitzender des Verbandes. Wir haben es geschafft, dass wir dort paritätisch die Landnutzer, die Naturschutzverbände und die Kommunalpolitik an einen Tisch bekommen haben. Der Landschaftspflegeverband organisiert den Vertragsnaturschutz und sorgt etwa dafür, dass Landwirte gegen Bezahlung die bei uns so typischen, artenreichen und schützenswerten Feuchtwiesen sowie Magerrasen mähen oder beweiden. Auch um den Erhalt des selten gewordenen Leineschafes und die Förderung der Hüteschäferei, mit der wunderbar wertvolle Biotope gepflegt werden können, kümmert sich der Verband. Eine erfolgreiche Arbeit seit nunmehr 14 Jahren, bei der alle an einem Strang ziehen. Es müssten aber alle Gemeinden aus dem Landkreis dort Mitglied werden, um den Verband zu stärken und die Arbeit zu stützen.

Da haben Sie doch einiges erreicht…

Ich bin zwar alt, aber ich will noch mehr. Ich werde mich dafür stark machen, dass die Domäne Reinhausen, in deren Gebäuden ja heute schon unter anderem das Regionale Umweltbildungszentrum RUZ untergebracht ist, mit ihren Flächen in eine Stiftung umgewandelt wird. Dort soll beispielhaft gezeigt werden, wie eine landschaftsgerechte Landbewirtschaftung aussehen und funktionieren kann. Ich habe damals als Domänenpächter durch Anpflanzungen von Hecken und Feldgehölzen dafür gesorgt, dass wir eine lebendige Gemarkung haben. Das sollte fortgesetzt werden.

Die Technik hat die Arbeit in der Landwirtschaft deutlich erleichtert. Wie waren früher die Arbeitsbedingungen auf den Höfen?

Natürlich sehr viel härter. Besonders die schlecht ausgestatteten Kleinbetriebe hatten es schwer. Und es waren sehr viel mehr Menschen als heute in der Landwirtschaft beschäftigt. Als ich nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Domäne Reinhausen zunächst als Verwalter, später als Pächter, anfing, haben dort zeitweise über 100 Leute gearbeitet. Darunter auch viele Flüchtlinge aus dem Osten. Um den Menschen zu helfen, haben wir sie aufgenommen, was irgendwie ging. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Um Hunger und Not zu mindern, haben wir den Menschen Arbeit und Essen gegeben und ein Dach über dem Kopf. Die Domäne bot damals allerdings auch weit mehr Arbeitsplätze als heute. Wir hatten neben dem Ackerbau und einer für damalige Verhältnisse stattlichen Milchkuhherde auch eine Schweinezucht sowie eine Schweinemast, eine Schafherde, Feldgemüseanbau und eine Gärtnerei. Wir bewirtschafteten insgesamt 300 Hektar. Da war immer was zu tun. Aber alles in allem war die Landwirtschaft menschlicher als heute. Die anderen Bauern im Dorf, das waren die Berufskollegen mit ähnlichem Schicksal, mit denen man eine Gemeinschaft bildete, mit denen man sich in den örtlichen Genossenschaften engagierte – und nicht wie heute der Konkurrent, der einem die Flächen wegpachten will.

Sie lebten Ihr soziales Engagement auch im Betrieb: Die von Ihnen als Domänenpächter bewirtschaftete Fläche schrumpfte später um ein Drittel. Erzählen Sie uns, warum?

Ich habe gemerkt, dass wir neben den Großbetrieben für eine gesunde Landwirtschaft auch starke, mittlere bäuerliche Betriebe brauchten. Um deren Wachstum, um deren Erhalt zu sichern, habe ich nach und nach rund 100 Hektar Acker und Grünland abgetreten. Aber selbst von diesen Betrieben gibt es heute keinen mehr, der eigenständig ist.

Wie kam dann der Einstieg in die Politik?

Ich habe beide Weltkriege, Weltwirtschaftskrise und Hitler-Diktatur miterlebt. Nach 1945 fühlte ich mich verpflichtet, für eine bessere Welt zu sorgen und bin Sozialdemokrat geworden, später Landtagsabgeordneter und Minister. Ohne meine Frau, die dann die Domäne übernommen und mir ein Leben in „Politik und Landwirtschaft“ ermöglicht hat, wäre das nicht möglich gewesen. Ein Dank übrigens auch an meine Berufskollegen, die ja politisch meist doch eher konservativ sind: Sie haben es mir bis heute nicht übel genommen, dass ich als Landwirt in die SPD eingetreten bin.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten…?

Ich hoffe, dass es uns gemeinsam gelingt, also Landwirten und Gesellschaft, eine Landwirtschaft umzusetzen, die das Überleben der Betriebe sichert, aber die auch eine schöne Landschaft pflegt, in der sich neben den Menschen auch die Tiere und Pflanzen wohlfühlen.

Vielen Dank für das Gespräch.