Kult mit Seele

©Volkswagen-Nutzfahrzeuge
Text von: Sebastian König

Das ‚Bulli-Werk‘ im Hannoveraner Stadtteil Stöcken feiert seinen 60. Geburtstag.

Seine großen, treuen ‚Augen‘, die  geschwungene Form und die wunderbaren  Farben lassen die Herzen  von Auto-Nostalgikern höher schlagen.  Gemeint ist das erste Kastenwagenmodell  aus dem Hause Volkswagen. Obwohl  dieser später als T1 bekannt wird, lautet  seine Typenbezeichnung bei VW als Modell  Nummer zwei nach dem Käfer eigentlich  T2. Kultstatus erlangt der Klassiker aber  ohne hin unter seinem Beinamen ‚Bulli‘.  Kaum jemand, der keine schöne Erinnerung  mit dem T1 oder einem seiner fünf Nachfolgemodelle  ver bindet. Denn der Bulli wird für  viele zum treuen Begleiter.

Ob im Familienurlaub an der See, beim  Camping in den Bergen oder beim Sonne tanken  im Süden – der Bulli ist mit dabei.

Hier und da entwickelt er sich sogar zum  Familienmitglied. Er wird gepflegt, umsorgt  und zahlt diese Liebe mit treuer Zuverlässigkeit  zurück. Bis zu neun Personen finden  Platz und können dank der Rundumverglasung  die Fahrt in vollen Zügen genießen.  Dabei ist er weit mehr als nur ein Familienbus,  denn der Klassiker kann auch ganz anders:  Als variabler Transporter bringt er Waren  von A nach B oder dient als rollende Werkstatt. Das zuverlässige ‚Lastentier‘ begleitet so manches Unternehmen auf dem Weg nach  oben. Seine Anpassungsfähigkeit ist legendär.

Schon 1954 können die Kunden unter 30 verschiedenen Modellen wählen. Damit  kommt der Bulli genau richtig, um den Schwung  des Wirtschaftswunders mitzunehmen und  selbst ein Teil dieser Blütezeit zu werden. Die Idee zu dem revolutionären Fahrzeug,  das als erster Transporter überhaupt gilt,  stammt aus der Feder des Niederländers Ben Pon. Per Hand fertigt der Autohändler 1947  die erste Skizze für den Kastenwagen T1 an  und setzt damit den Startpunkt für eine weltweite Erfolgsgeschichte. Schon 1950 geht  das Modell in Serie und wird zunächst in Wolfsburg gebaut. Die Nachfrage ist riesig. Deshalb entscheidet Heinrich Nordhoff, damals  Generaldirektor des Volkswagenwerks, dass ein eigenes Werk für die Produktion des T1 errichtet werden soll. Mehr als 200 Städte  bewerben sich für den neuen VW-Standort.

Am Ende fällt die Wahl auf Hannover, genauer  gesagt auf den Stadtteil Stöcken. Die Nähe  zum Mittellandkanal und damit auch die  direkte Verbindung zum Stammwerk in  Wolfsburg sind einer der entscheidenden  Vorteile. 1955 erfolgt die Grundsteinlegung,  und schon am 8. März 1956 laufen die ersten Bullis vom Band. Seitdem schlägt das ‚Bulli-Herz‘ mitten in Niedersachsen.  Der Standort in Stöcken feiert in diesem  Jahr seinen 60._Geburtstag. Bis dato haben  rund 9,5_ Millionen Fahrzeuge der T-Reihe das Werk verlassen. Inzwischen ist VW beim  T6 angelangt.

Heute sind mehr als 14.000  Mitarbeiter bei VW in Stöcken beschäftigt.

Statistisch arbeiten somit mehr Menschen  im Werk, als der Stadtteil Einwohner zählt.  Die Bedeutung von Volkswagen für Hannover ist zwar nicht mit der für Wolfsburg vergleichbar,  aber dennoch ist die Bulli-Schmiede  der größte industrielle Arbeitgeber von  Hannover und somit ein wichtiges Standbein. Deshalb dürften die Menschen auch hier  in den vergangenen Monaten die negativen  Schlagzeilen um VW aufmerksam verfolgt  haben. Ob und welche Auswirkungen der  Abgas-Skandal auf die Nutzfahrzeugsparte und damit auf den Bulli haben wird, steht noch in den Sternen. Fakt ist: Der ebenfalls  in Stöcken produzierte Amarok ist von den Rückrufaktionen betroffen.

Dass auch der Bulli dadurch nachhaltigen  Schaden nimmt, ist kaum zu befürchten. Der  Klassiker ist nach wie vor beliebt. Im vergangenen  Jahr wurden allein 10.000 Exemplare  des Campingmobils ,California‘ gebaut. Bemerkenswert  ist auch die Bulli-Erfolgsgeschichte  in Südamerika. Denn im brasilianischen São Paulo wird der Bulli in der Modellversion T2 bis zum Jahr 2013 gebaut und erfreut sich dort großer Beliebtheit.

Die Produktion wird lediglich eingestellt, weil  die Integration von Sicherheitssystemen wie Airbag und ABS in das 60 Jahre zuvor konzipierte Fahrzeug scheitert. Damit gehen die großen runden Augen wohl für immer. Der  Geist aber lebt weiter, zumindest so lange, wie in Stöcken und an allen anderen  VW-Standorten immer neue Bulli-Generationen entstehen und ihre Fans begeistern.

Das Werk

1955 begannen in Hannover ca. 2.000 Arbeiter mit dem Bau der damals größten Fabrik -halle Europas und bereits ein Jahr später liefen im neuen ,Transporterwerk‘ die Bänder an. Heute produzieren hier rund 14.000 Menschen VW-Nutz- und Sonderfahrzeuge. Zur Produktpalette zählen neben T6 Multivan / Transporter, Amarok auch Pressteile, Leichtmetallguss und Komponenten. Werksbesichtigung: (kostenlos) von Mo bis Do, je um 10 Uhr und um 13 Uhr, Anmeldung erforderlich, unter: Tel. 0511 7982139 www.volkswagen-nutzfahrzeuge.de