Kreative Vernetzung

© Mona Lambeck
Text von: Elena Schrader

Ein aktueller Kulturwirtschaftsbericht deckt auf: Die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft für Südniedersachsen ist enorm. Wie Potenziale gefördert werden und was der Region noch fehlt.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Winter-Ausgabe 2011.

Im Großen und Ganzen sind sich die Kultur- und Kreativschaffenden in Südniedersachsen einig: „Die Kreativität sollte trotz allem immer im Vordergrund stehen. Wenn man nur die Wirtschaft nach vorne stellt, ist es keine Kreativwirtschaft mehr.“ Michael Schluff, Geschäftsführer des Kulturzentrums musa e.V. in Göttingen, bringt die große Herausforderung der Branche auf den Punkt.

Von Kultur- und Kreativwirtschaft ist in unserem Land noch nicht sehr lange die Rede. Um zu zeigen, dass künstlerische und kulturelle Leistungen ökonomische Bedeutung haben und dass der Kulturbetrieb nicht länger nur im Zusammenhang mit öffentlichen Zuschüssen Erwähnung finden muss, sind seit einigen Jahren vermehrt auch in Kommunen Kulturwirtschaftsberichte erarbeitet worden.

Seit diesem Jahr gehört auch Göttingen zum Kreis der Städte. Dieser Bericht zeigt, dass es außerhalb der Metropolen gerade die Hochschulund Wissenschaftsstandorte sind, die kreativ schaffende Menschen anziehen. Göttingen macht da keine Ausnahme. Beispielhaft für die Stadt, die Wissen schafft, ist die erfolgreiche Arbeit traditionsreicher Verlage. Aber auch die Designwirtschaft und der Presse- oder der Architekturmarkt belegen die wachsende Bedeutung der Kulturwirtschaft für die Region Göttingen.

„Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der bisher zu wenig beachtet wurde und der künftig mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient hat“, resümiert Dagmar Schlapeit-Beck, Kulturdezernentin der Stadt Göttingen. „Dabei kann ihre ökonomische Bedeutung gar nicht deutlich genug herausgestellt werden.“

Seit Ende der achtziger Jahre entwickelte sich die Branche bezogen auf Umsatz und Beschäftigung zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige. Die Kultur- und Kreativwirtschaft erzielte im Jahr 2009 bundesweit einen Umsatz von über 131 Milliarden Euro, das bedeutet einen Anteil von über 7 Prozent an der Gesamtwirtschaft. „Sie produziert zusammen mehr Umsatz als die deutsche Chemieindustrie“, erklärt Schlapeit-Beck, „und ist vergleichbar mit den großen Industriesektoren Automobil, Maschinenbau und der Informations- und Kommunikationstechnologie.“

Rund 238.000 Unternehmen mit gut einer Million Erwerbstätigen sind in der Branche tätig, die insbesondere von Freiberuflern sowie von Klein- und Kleinstbetrieben geprägt ist. Zur Kultur- und Kreativwirtschaft gehören elf Teilmärkte bzw. -branchen. Bund und Länder haben sich dabei an der Definition der Enquête-Kommission ,Kultur in Deutschland‘ orientiert. Dazu zählen: der Architekturmarkt, der Buchmarkt, die Designwirtschaft, die Filmwirtschaft, der Kunstmarkt, der Markt für darstellende Künste, die Musikwirtschaft, der Pressemarkt, die Rundfunkwirtschaft, die Software-/Games-Industrie und der Werbemarkt.

In Göttingen ist die Kultur- und Kreativwirtschaft laut Kulturwirtschaftsbericht mit 11 Prozent aller Göttinger Unternehmen berproportional stark. Der Bundesdurchschnitt liege bei 9,3 Prozent. Allerdings seien die Umsätze der Branche in Göttingen unterdurchschnittlich, da es sich hauptsächlich um Kleinstunternehmen handele.

Kreative Freiräume und kulturelle Leuchttürme

Besonders Universitätsstandorte zeichnet eine Atmosphäre aus, die von Gründergeist geprägt ist. Hochschulen sind Orte der Kreativität. In ihnen werden Wissen und Anregungen für die Weiterentwicklung von Ideen vermittelt. Sie bieten kreative Freiräume, Raum zum Ausprobieren, für Experimente.

Die Stabsstelle für Beteiligungsmanagement, Technologietransfer und Metropolregion an der Göttinger Universität berichtet von zahlreichen Ausgründungen vor allem aus den Bereichen Biotechnologie, Life Science und Naturwissenschaft. Aber auch Ausgründungen aus geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachbereichen nehmen zu.

„Das Besondere an der Region ist eben dieser Bezug zur Wissenschaft“, sagt Kulturdezernentin Schlapeit-Beck. „Junge Menschen bringen mehr als ihre Ideen. Wir müssen an diesen Stärken anknüpfen, sie herausstellen, profilieren und unterstützen und in Zukunft auch noch enger mit der Universität zusammenarbeiten.“

Die Bedeutung beschränkt sich jedoch nicht auf die volkswirtschaftlichen Potenziale. Für Göttingen als Universitätsstadt und die Region spielen kulturelle Lebendigkeit, Vielfalt der Milieus, kulturelle Szenen und urbane Atmosphäre eine wichtige Rolle in der Außenwirkung.

Martin Keil, Inhaber des Kulturhauses ,TangoBrücke‘ in Einbeck, sieht gerade darin einen wesentlichen Nutzen der Kultur- und Kreativwirtschaft: „Es geht um die weichen Standortfaktoren. Sie sind es, die Menschen davon überzeugen, hierher zu ziehen.“

Keil bietet in der TangoBrücke im Wochentakt anspruchsvolle kulturelle Veranstaltungen in der Innenstadt von Einbeck an und hat die Initiative ,Kultur im Team‘ angestoßen – eine offene Organisation von Menschen, Gruppen, Kulturinstitutionen und Schulen in und um Einbeck, die in unterschiedlichsten Projekten zusammenarbeiten.

„Kulturelle Leuchttürme, wie z.B. die Internationalen Händel-Festspiele, der Göttinger Literaturherbst oder das Göttinger Jazzfestival sind weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und bringen Menschen in die Region“, sagt Keil, „und natürlich auch Geld.“

Göttingen verfügt über ein reiches kulturelles Angebot. Initiativen und Kulturinstitutionen stellen zahlreiche Aktivitäten bereit. Die Stadt weist in allen Kunst- und Kultursparten ein breites Angebotsspektrum auf, wie die universitäre Kunstsammlung von höchstem Rang. Stärken in den Sparten Theater, Musik, Film/Kino/Medien und Soziokultur zeigen die Leistungsfähigkeit Göttingens als Stadt mit einem ausgeprägten studentischen Milieu und spiegeln die besondere Bevölkerungsstruktur der Stadt wider.

„Gerade die Musikszene der Region ist überdurchschnittlich erfolgreich“, sagt Michael Schluff von der musa e.V. „Die Infrastruktur für junge Künstler ist hervorragend: zahlreiche Tonstudios, unterschiedliche Auftrittsmöglichkeiten und Musikrichtungen – von Jazz, Punk bis hin zu Liedermachern.“

Botschafter der Stadt Göttingen undAuch hier solle man den Wirtschaftsaspekt nicht unterschätzen, so Schluff. „Bands wie Ganz Schön Feist oder die Guano Apes sind der Region!“

Förderung und Forderungen der Kultur- und Kreativbranche

„Es gibt viele kluge Menschen in Südniedersachsen und noch mehr innovative Ideen. Doch leider können die wenigsten auch langfristig überleben. Genau hier möchten wir unterstützen“, erklärt Göttingens Kulturdezernentin. „Wir bieten z.B. den GöBiFonds an – einen Fonds zur Förderung von kleingewerblichen örtlichen Existenzgründungen. Jede dritte Förderung geht bereits an junge Gründer in der Kreativbranche.“

Außerdem bietet die Stadt noch das Gründungszentrum GöTec, die Gute-Gründer-Auszeichnung, die Mobil Macher UG und die Existenzgründungsberatung Mobil. In den vergangenen Jahren wurden bereits ca. 25 Unternehmensgründungen aus dem Bereich der Kultur- und Kreativbranche pro Jahr von der städtischen Beratungsstelle Mobil unterstützt, das waren ca. 10 Prozent aller Unternehmensgründungen in Göttingen.

„Unser erstes Ziel ist es jedoch, die Menschen in der Region zu vernetzen“, sagt Schlapeit-Beck. „Bisher wurde einfach zu wenig getan, um dieses Ziel zu erreichen. Das war auch das bisherige Feedback aus der Branche selbst. Die Forderung nach Vernetzung, mehr Unterstützung, Beratung und einem allgemeinen Überblick über die regionalen Akteure wurde immer lauter.“

Als vor einigen Jahren mit Hilfe von Forschungsgutachten bundesweit der Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft ein großes Potenzial bescheinigt wurde, das es zu entwickeln galt, hat das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes insgesamt acht Regionalbüros eingerichtet.

Tania Breyer ist die Projektleiterin für das Regionalbüro Niedersachsen und Bremen. „Im Mittelpunkt der Orientierungsberatungen stehen Inhalte wie die Klärung erster unternehmerischer Ideen, die wirtschaftliche Weiterentwicklung einer Geschäftsidee oder die Verknüpfung mit Angeboten für die Kreativ- und Kulturwirtschaft vor Ort“, erklärt Breyer.

So klar die Vorzüge kreativen und selbstbestimmten Handelns auch auf der Hand liegen mögen, warnt Breyer jedoch auch vor den Tücken der Branche: „Je freier und unabhängiger man arbeitet, umso größer ist auch das Risiko: vor allem finanziell. Es gibt kaum gewachsene Strukturen, die einen auffangen können. Umso wichtiger ist eben das Netzwerken in der Region.“

Auch die soziokulturellen Zentren decken traditionell einen Bereich der Basisarbeit für die Förderung der Kreativwirtschaft ab. Der musa e.V. hilft beispielsweise jungen Musikern beim Start.

„Viele von ihnen wissen nicht: Was muss ich tun? Wo kann ich hin?“, erklärt musa-Geschäftsführer Schluff die Notwendigkeit der Eigeninitiative. „Wir bieten Räume, Beratung und Weiterbildung für Kreative und darüber hinaus den Raum für Vernetzung und Projekte.“

Der notwenige Blick über den Tellerrand

Doch Schluff sieht bei allen guten Vernetzungsansätzen auch ein ganz entscheidendes Problem: „Viele Kulturschaffende wollen ihre Kultur nicht in Geld ausdrücken und befassen sich deshalb nicht mit Themen wie Finanzierung und Umsatz.“ Dass man aber über den Tellerrand blicken und das Kreative mit dem wirtschaftlichen Denken verbinden muss, das hat auch Judith Kara erkannt.

Die Inhaberin der Göttinger Ballettschule ,Art La Danse‘ spricht aus eigener Erfahrung: „Viele Kreative lehnen sich zurück und leben in erster Linie für die Kunst. Aber so funktioniert das nicht. Man bekommt zwar Fördergelder, aber das reicht nicht aus. Man muss – gerade wenn man sich selbständig machen möchte – selbst etwas tun und wirtschaftlich denken. Ich muss auch jeden Pfennig zweimal umdrehen.“

Um dieses Bewusstsein noch weiter zu stärken, sollten alle an einen Tisch gebracht werden – die Kulturellen und die ,Wirtschaftler‘ – um so den Erfahrungsaustausch zu fördern. Es fehle in der Region noch das Wissen für Kreative: Fortbildungskurse z.B. zur Einnahmeüberschussrechnung.

Aber auch mögliche Sponsoren könnten so gefunden werden. Der Nutzen von Netzwerken ist den meisten Menschen in der Kreativ- und Kulturwirtschaft inzwischen jedoch klar.

„Neue Ideen entwickeln, nicht immer in der eigenen Soße schwimmen – darum haben wir auch in Kassel unser Gründungszentrum ins Leben gerufen“, sagt Sebastian Fleiter, Gründer der Nachrichtenmeisterei in Kassel. Ab 2003 entstand mit ihm die Initiative von Kultur- und Kreativschaffenden in der alten Nachrichtenmeisterei am Kulturbahnhof.

Im Vordergrund der Arbeit steht es, Räume zur kreativen Nutzung zu erschließen und Netzwerke zwischen den einzelnen Akteuren zu spannen – von freischaffenden Künstlern, Musikern, Produktdesignern über Veranstaltungstechniker und Softwareentwickler bis hin zu Event-Dienstleistern im Ausstellungs- und Messebau. „Wir haben bewusst die ganze Vielfalt bei uns sitzen. Zusammen ergeben sich neue spannende Dinge, an die man selber nicht denkt.“

So ist Fleiter auch zu seinem erfolgreichen Projekt ,The Electric Hotel‘ gekommen, für das er erst im November 2011 zum ,Kultur- und Kreativpiloten Deutschland‘ ernannt wurde – ein energieerzeugender Airstream-Trailer, der leere Handys von Festival-Besuchern vor Ort mit erneuerbarer Energie versorgt.

Dieser Titel wird von der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung verliehen, um die Branche zu fördern und ihre Bedeutung stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Auch ,The Electric Hotel‘ sei das erfolgreiche Produkt branchenübergreifender Vernetzung gewesen. „Wenn ich mal mit Judith Kara von der Ballettschule zusammensitzen würde, wer weiß, ob wir nicht auf dem nächsten Wacken-Festival vor unserem Trailer nicht eine kleine Ballettperformance bringen. Solche Ideen entstehen aber erst im Dialog. Entscheidend ist, dass man offen ist und ,Kreativität‘ nicht nur auf seine eigene Arbeit bezieht. Man muss den Zufällen eine Chance geben!“

Der Wunsch der Beteiligten nach Vernetzung ist groß. Mit Tania Breyer und dem Regionalbüro ist ein erster wichtiger Schritt getan. „Wir sind gerade dabei eine Vernetzungsinitiative für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Südniedersachsen anzuschieben. Gespräche diesbezüglich laufen bereits.“