Kooperation statt Konkurrenz

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Die große und zum Teil emotional geführte Diskussion um die Fusion der beiden Landkreise Göttingen und Osterode am Harz ist seit der endgültigen Entscheidung für diesen zukunftsweisenden Schritt deutlich abgeebbt.

Auf Verwaltungsebene laufen die Vorbereitungen seither jedoch auf Hochtouren. Ämter müssen zusammengeführt, neue Standorte und Entscheidungswege festgelegt werden. Ab dem Fusionsdatum am 1. November 2016 soll schließlich alles reibungslos weiterlaufen. Landrat Bernhard Reuter wünscht sich einen „möglichst geringen Reibungsverlust“, am besten sei es, wenn die Bürger bei ihren Behördengängen gar nichts von der Fusion mitbekommen. Doch strittige Punkte wie die Art und Weise der Zusammenführung der Kreisvolkshochschule oder der Leitstelle für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste lassen das öffentliche Interesse an diesem komplexen Thema immer wieder aufkeimen.

Unstrittig schneller als viele andere Fusionsakteure handeln die Wirtschaftsförderer der beiden noch gut eineinhalb Jahre bestehenden Landkreise. Die WRG – Wirtschaftsförderung Region Göttingen GmbH und die Wirtschaftsförderung des Landkreises Osterode fusionierten bereits im Januar 2015 und somit fast zwei Jahre vor dem eigentlichen Starttermin für den neuen Landkreis.

„Die Wirtschaft wartet nicht, wir wollten schnell handeln und sind froh, jetzt schon gemeinsam an der weiteren Stärkung unserer Region arbeiten zu können“, so Detlev Barth. Der Geschäftsführer der WRG freut sich über diesen frühen Schritt in die Zukunft. Seine große Präsenz bei Wirtschaftsveranstaltungen im Vorfeld, wie etwa einer großen Infoveranstaltung in der Osteroder Stadthalle, demonstrierte den Osteroder Unternehmern die Wichtigkeit, die Barth einer Kooperation auf Augenhöhe einräumt. Gleichzeitig suchte die WRG auch Gespräche mit dem seit dem Jahr 2000 etablierten Mekom Regionalmanagement Osterode am Harz e.V.

Schnell war man sich über das verbindende Ziel einig: Gemeinsam soll die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts am Harzrand erhalten und gesteigert werden. „Schon Ende 2013 kam die WRG erstmals auf uns zu und schlug vor, über eine mögliche Kooperation zu sprechen“, erinnert sich Mekom-Vorstandsassistentin Sylvia Wulf, und infolgedessen hielt der Mekom-Vorsitzende Rainer Beyer auf der Infoveranstaltung ein Grußwort und vertrat den Verein, in dem sich inzwischen 86 Mitgliedsunternehmen aus allen Branchen engagieren. Per Mitgliederbefragung erfuhr Mekom zwar, dass die Mitglieder, die meist über einen überregionalen Kundenstamm verfügen, wenig Auswirkungen der Fusion auf ihr Geschäftsfeld erwarten, dennoch aber den Vorschlag befürworteten, zugunsten der Wirtschaftsförderung am selben Strang mit der WRG zu ziehen. Die vorbereitenden Gespräche stießen somit auf offene Ohren.

In der Zwischenzeit verliefen die Gespräche zwischen den beiden Akteuren derart erfolgreich, dass schließlich zum 1. Februar 2015 sogar ein Gemeinschaftsbüro bezogen wurde. In den ehemaligen Räumen des Restaurants ,Es‘ mitten in der Osteroder Altstadt arbeiten Mekom und WRG künftig kooperativ, aber voneinander unabhängig an der Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Neben Kerstin Wittenberg, die bereits seit 16 Jahren in der Osteroder Wirtschaftsförderung tätig ist und die ihre Weiterbeschäftigung in der neuen WRG als wichtiges Zeichen sieht, „dass wir Osteroder Wirtschaftsförderer vor Ort bleiben“. Zudem wurde das WRGTeam Anfang März von Gunnar Kothrade in Osterode und Ines Vogel in Göttingen verstärkt. „Mit den jungen Absolventen vertrauen wir dem Nachwuchs und setzen auf frische Ideen für die Region“, so Barth, der ebenfalls regelmäßig im neuen Büro tätig sein wird und sich mit dem für ihn typischen Schmunzeln im vergrößerten Landkreis als „Fernfahrer in Sachen Wirtschaftsförderung zwischen Staufenberg und Bad Sachsa“ charakterisiert.

Neben den eigentlichen Büroräumlichkeiten verfügt der neue Standort auch über einen Eventraum für bis zu 50 Personen. Neue gemeinsame Veranstaltungen können dort durchgeführt werden. Natürlich bleiben auch erfolgreiche Formate wie das ,Unternehmerfrühstück an der Sieber‘ oder der Unternehmertag der Mekom sowie ,WRG vor Ort‘ im Jahreskalender. „Wir werden sowohl gemeinsame als auch getrennte Projekte umsetzen – alles in direkter Kommunikation und ohne irgendeinen Konkurrenzgedanken. Ich denke, es passt so gut, weil wir uns beide als ,Netzwerker der Netzwerke‘ in der Region sehen“, sagt Sylvia Wulf, die seit 2012 als einzige hauptamtliche Angestellte für Mekom tätig ist, mit Blick auf die neue Konstellation und die sich bietenden Chancen.

„Keiner will dem anderen irgendwelche Pfründe streitig machen. Es geht einzig um die Stärkung der Wirtschaft“, unterstreicht Barth Wulfs Aussage. Für die von Problemen wie etwa dem Fachkräftemangel betroffene Region bergen dieser gemeinsame Ansatz der Wirtschaftsförderung und die enge Zusammenarbeit der wichtigen regionalen Akteure sicher ein großes Potenzial. Unternehmern bieten sich eine gemeinsame Anlaufstelle und somit kurze Wege zur Klärung ihrer Anliegen.