Komplex und anfällig

Text von: Stefan Liebig

Unglaubliche Belastungen haben unsere Knie täglich zu ertragen – Verschleiß und Verletzungen sind ihre natürlichen Feinde.

Knapp wird es für Sami Khedira. Der Mittelfeldmotor der deutschen Fußballnationalmannschaft hat sich in einem Freundschaftsländerspiel gegen Italien einen Kreuzbandund Innenbandriss zugezogen. Die Weltmeisterschaft in Brasilien im nächsten Sommer ist für ihn in weite Ferne gerückt. Wenn alles optimal läuft, kann er es vielleicht noch schaffen, rechtzeitig fit zu werden. Aber bei Kreuzbandrissen und auch bei Meniskus- und Bänderrissen weiß man nie, wie lange die Genesung dauert. Für viele Sportler bedeutet diese Art von Verletzung sogar das Ende der Karriere und dauerhafte Schmerzen. Dies ist der Grund, weshalb die Offiziellen der BG Göttingen beim Medizincheck großen Wert auf eine genaue Knieuntersuchung legen, bevor sie einen Spieler verpflichten. Rainer Junge, Geschäftsführer des gleichnamigen Reha-Zentrums, widmet sich dieser Aufgabe mit großer Gründlichkeit: „Wir müssen sehr genau prüfen, ob die Sportler Defizite in diesem Bereich haben.“

Was aber ist das Knie eigentlich, und was macht es so anfällig und so wichtig für den menschlichen Bewegungsapparat? Das Kniegelenk ist das größte Gelenk im menschlichen Körper. Es besteht mit dem Oberschenkelknochen, dem Schienbein und der Kniescheibe aus drei Knochen und wird von Menisken, Gelenkkapsel, Bändern und Muskulatur komplettiert und stabilisiert. Kein Wunder, dass bei einem solch komplexen Gebilde viele Störungen auftreten können. Verletzungen durch Unfälle, wie eingangs beschrieben, sind die eine Problematik, die schnell zu einem großen Einschnitt in die Lebensqualität führen können. Knieschmerzen können außerdem durch Fehler in der Lauftechnik, muskuläre Dysbalancen sowie angeborene Fehlstellungen wie O- oder X-Beine entstehen.

Das andere große Problemfeld stellt die Arthrose dar. Jeder Zweite über 50 leidet unter dieser schmerzhaften Verschleißerscheinung an den Gelenken, wobei Hüft- und Kniegelenke am stärksten betroffen sind. Gegen die zunehmenden Schmerzen helfen anfangs noch konservative Maßnahmen wie Physiotherapie und Medikamente. Doch mit fortschreitendem Gelenkverschleiß wird es immer wahrscheinlicher, dass ein künstliches Gelenk eingesetzt werden muss. Bei der zunehmenden Lebenserwartung der Menschen sollte dieser Schritt jedoch so lange wie möglich hinausgezögert werden. Bei einer zu erwartenden Haltbarkeit eines künstlichen Kniegelenks von etwa 10 bis 15 Jahren könnte nämlich sogar eine zweite Kniegelenksoperation fällig werden. Bei einem so schwerwiegenden Eingriff sollte das gut abgewogen sein.

Grund für die Verschleißerscheinungen sind die riesigen Belastungen, denen unser Knie im Alltag ausgesetzt ist. Etwa 1.500 Mal pro Tag beugt und streckt sich das Durchschnittsknie. Das ist allerdings nicht nur als Belastung zu sehen, sondern notwendig, da diese Bewegung die Produktion von Gelenkschmiere anregt. Was gerade im sitzenden Büroalltag häufig zu kurz kommt. Auch beim Sport halten die Knie extremen Belastungen stand: Beim Joggen beispielsweise kann je nach Laufstil das Achtfache des eigenen Körpergewichts auf dem Knie lasten. Und auch das alltägliche Treppensteigen sollte niemand unterschätzen. Dabei belastet das Heruntergehen die Knie noch deutlich stärker als das Hinaufgehen, denn die Stoßkräfte wirken komplett auf das Kniegelenk. Das hilft zu verstehen, warum es so häufig zu Schmerzen im Knie kommt und warum die Gelenkabnutzung, aber auch die Verletzungsgefahr ein so großes Problem darstellt. Denn nur, wenn dieses komplizierte Gelenk einwandfrei arbeiten kann, tut es seinen Dienst schmerzlos. Kniescheibe, Unter- und Oberschenkelknochen müssen perfekt mit den Bändern und Menisken zusammenarbeiten. Reibt beispielsweise die Kniescheibe bei der Bewegung am Knorpel, weil sie auf Grund einer zu schwachen Oberschenkelmuskulatur nicht in der Mitte des Gleitlagers läuft, kann das schnell zu Entzündungen und starken Schmerzen im Knie führen.

Die Stabilität des Kniegelenks, das sich zwischen Hüft- und Sprunggelenk bewegt, hängt maßgeblich von deren Stabilität ab. Kippt etwa ein Fuß aufgrund einer zu schwachen Fußmuskulatur nach innen, kommt es zu einer Verdrehung des Unterschenkels, die dazu führt, dass das Kniegelenk nicht einwandfrei arbeiten kann und Knorpelflächen und Sehnen falsch belastet werden. Auch eine zu schwache Hüftmuskulatur kann Fehlbelas tungen des Kniegelenks und Schmerzen auslösen, da sich in diesem Fall der Oberschenkel nach innen dreht.

Wer Schmerzen im Knie verspürt, sollte diesen Bereich zunächst mit Eis kühlen und die Beine hochlagern, dann aber auf jeden Fall den Arzt aufsuchen und nicht abwarten, bis es gar nicht mehr geht. So können Auslöser der Kniebeschwerden exakt bestimmt und mögliche Schmerzauslöser wie Meniskusschäden ausgeschlossen werden. Neben der Linderung der akuten Knieschmerzen ist eine Untersuchung und eventuell eine medizinische Bewegungsanalyse anzuraten, um den Ursachen der Beschwerden auf den Grund zu gehen und bestehende Muskelverkürzungen, Fehlbewegungen im unteren Sprunggelenk oder eine zu starke Kniebeugung z.B. beim Laufen zu erkennen und zu korrigieren.

Um Knieschmerzen vorzubeugen, sollten körperliche Schwachstellen (Füße, Hüftgelenke, Muskulatur der Waden, der Oberschenkel oder des Gesäßes) gezielt trainiert werden. Dabei ist es ratsam, unter physiotherapeutischer Anleitung zu üben. Sportler sollten das Training nach Knieverletzungen maßvoll wieder aufnehmen. Vor einer allmählichen Steigerung des Pensums ist die Technik zu optimieren. Übergewichtige Menschen können mit einer ausgewogenen Reduktionsdiät und alternativen Ausdauersportarten wie Radfahren, Walken, Nordic Walking oder Schwimmen (außer im Bruststil) die überflüssigen Pfunde abnehmen und so ihre Knie entlasten. Wer also rechtzeitig Rücksicht auf seine Kniegelenke nimmt, hat deutlich bessere Chancen der Arthrose bis ins hohe Alter zu trotzen.