„Kleine Drachen wollen meistens eigne Wege gehen …“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

So wie dem kleinen grünen Drachen Tabaluga geht es auch den Kindern und Jugendlichen, die ins Tabalugahaus in Duderstadt kommen. Hier werden sie trotz Handicap Schritt für Schritt mutiger.

Rollstuhlfahrer, Blinde, Autisten, Gehörlose, geistig Beeinträchtigte – sie alle haben es im Leben nicht leicht. „Auch wenn die Gesellschaft alles tut, um Integration zu ermöglichen, liegen Theorie und Wirklichkeit oft weit auseinander“, so Kathrin Wüstefeld, Leiterin des Tabalugahauses Duderstadt. Die 36-Jährige kümmert sich an gefühlt 365 Tagen im Jahr um die Einrichtung und seine Besucher. Sie kennt die Höhen und Tiefen, die die beeinträchtigten Kinder durchleben.

„Viele Menschen denken nicht über das Thema Behinderung nach. Sie verknüpfen das Sichtbare mit dem Möglichen. Unsicherheit und Unwissenheit der Anderen – das begleitet Menschen mit Handicap jeden Tag“, erklärt sie. Leider liege diese Problematik häufig darin begründet, dass es wenige Schnittstellen im Alltag gäbe. In Duderstadt sei das aber anders. Hier funktioniere gelebte Integration, denn beide Seiten würden miteinander konfrontiert. Nicht zuletzt durch die Initiative Schutzräume für Kinder und das Tabalugahaus, erklärt Wüstefeld ihre Beobachtungen und schaut zu der kleinen Gruppe hinüber, die bereits vor einem Stallgebäude wartet und gespannt den Ausführungen zum Bio-Bauernhof Gut Herbigshagen lauscht – denn heute stehen Esel, Kühe und Ziegen auf dem Nachmittagsprogramm.

Die Jungen sind zwischen 14 und 17 Jahren alt und besuchen gemeinsam die Erich-Kästner-Schule in Marburg, eine Grund- und Förderschule. Und weil Schule nicht immer nur Lernen heißt, sind die sechs derzeit auf Klassenfahrt in Duderstadt. „Jeder Mensch ist etwas Besonderes“, findet Lehrerin Helge Sellmann, die seit 1985 in der integrativen Beschulung aktiv ist. „Wir als Schule setzen uns für Toleranz und gegenseitige Akzeptanz ein.“ Eine Einstellung, die sich mit dem Konzept des Tabalugahauses deckt.

Dort, mitten im Stadtzentrum von Duderstadt, haben sich die Marburger häuslich niedergelassen und genießen die freien Tage, denn dafür ist das Haus da. Mobilitätseingeschränkte und geistig behinderte Kinder können die Angebote des Tabalugahauses nutzen. Raus aus dem Alltag, rein ins Vergnügen. „Hier können die Kinder fernab der alltäglichen Probleme entspannen und neue Energie tanken“, erläutert Hausleiterin Kathrin Wüstefeld, die das Projekt von Beginn an begleitet hat.

Durch die zentrale Lage am Marktplatz können die Jugendlichen am Geschehen teilhaben. „Ich mache hier schon andere Sachen als zu Hause“, sagt Florian, der am Morgen bereits allein in der Postfiliale war. „In diesem geschützten Umfeld fällt es vielen leichter, neue Dinge auszuprobieren. Diese Gruppe ist ziemlich selbständig, aber das ist nicht immer so“, sagt Wüstefeld.

Das Tabalugahaus in Duderstadt wurde 2012 eröffnet. Durch die finanziellen Mittel und die Initiative von Hans Georg Näder, Inhaber der Otto-Bock-Firmengruppe, können seither Eltern oder Betreuer mit Kindern und Jugendlichen dort Urlaub vom Alltag machen. Näder wollte schon seit Langem etwas Gutes tun, dann traf er den Musiker Peter Maffay. Gemeinsam planten sie das Projekt, und es entstand das Tabalugahaus – die Maffay Stiftung fungiert heute als Kooperationspartner. Das Tabalugahaus wurde von Näder komplett privat finanziert, Träger ist die eigens dafür gegründete Gesellschaft ‚Schutzräume für Kinder Duderstadt gGmbH‘. „Ich bin in der ruhigen, freundlichen Umgebung Duderstadts aufgewachsen, als ein behütetes Kind, dem viele Möglichkeiten offenstanden. Deshalb bin ich glücklich, Kindern, die nicht so unbeschwert aufwachsen, etwas von dieser Geborgenheit zurückgeben zu können“, erklärt Näder seine Beweggründe. In wirtschaftlicher Hinsicht steht die Einrichtung auf eigenen Beinen und finanziert sich ausschließlich durch Spendengelder. Fünf Euro pro Person täglich kostet die Gruppe der Aufenthalt, um die Verpflegung kümmern sich die Besucher selbst.

„Seit wir hier sind, haben wir schon eine Stadtführung gemacht, waren in einem echten Folterkeller und im Grenzlandmuseum“, berichtet Jan. Tatsächlich bietet das Tabalugahaus viele Aktivitäten mit Kooperationspartnern in der Region an. Mit der Heinz Sielmann Stiftung geht es auf Entdeckungsreise in den Wald und zum Apfelsaft mos ten, Pferdeerlebnisse gibt es in Bettenrode. Fledermäuse, Bären, Stockbrot und Lagerfeuerromantik, Kräuterkunde, trommeln – die Liste der Dinge, die sich rund um Duderstadt erleben lassen, ist lang. Die Marburger Truppe freut sich besonders auf den Schwimmbadbesuch kurz vor der Abreise.

Doch zunächst warten Esel Leopold und seine Freunde auf die Jungs. Kuschtrim leidet an einer Tierhaarallergie und bleibt lieber auf Distanz. Die anderen wagen sich an die Zäune. Es raschelt, riecht nach Stroh und frischem Heu. „Ist das Pony bissig?“, will Florian wissen. „Lieber vorsichtig, sonst ist die Hand hinterher ab“, sagt er. „Genau um so etwas geht es“, mischt sich Betreuerin Annette Distel ein. „Die Kinder überwinden hier ihre eigenen Grenzen. Das geht in dieser Atmosphäre und weit weg vom Gewohnten einfacher.“

Auch Kathrin Wüstefeld hat ihre Erfahrungen gemacht. Eine Gruppe sei das erste Mal ohne Eltern unterwegs gewesen. Ein Mädchen, das bereits 20 Jahre alt war, war das erste Mal in einer Disco – trotz Rollstuhl, Problemen mit der Atmung und Liegendtransport. „Das war Wahnsinn und auch für mich unvergesslich“, gesteht sie.

Beim Stall auskehren sind dann alle wieder mit dabei. Mit Forke und Schaufel rücken die Jungs dem Mist zu Leibe – mal mehr, mal weniger begeistert. Doch solche Aktivitäten schweißen die Gruppe noch mehr zusammen und geben allen das Gefühl, dass sie etwas selber schaffen und erreichen können – wenn sie nur wollen.

Viele kranke Kinder würden ‚betüdelt‘ und dürften nie etwas alleine machen. Das sei nicht richtig, erklärt Sellmann. Schließlich könne nicht immer jemand aufpassen. Die Selbständigkeit der Kinder und Jugendlichen bringe für beide Seiten Vorteile. Vielen Menschen sieht man ihre Behinderung auf den ersten Blick gar nicht an. Manche sind einfach etwas langsamer als andere, einige reagieren zeitverzögert, jeder Mensch ganz individuell für sich. Genauso, wie überhaupt alle Menschen verschieden in ihren Interessen, Ausprägungen und ihrem Können sind. „Aber was soll‘s“, sagt Annette Distel. „Jeder Mensch hat ein Recht auf Zufriedenheit und Glück, und wenn wir mit unserer Arbeit dazu beitragen können, ist das jede Mühe wert.“