Text von: redaktion

Die Frauenquote ist ein äußerst umstrittenes Thema: Sie legt fest, dass in bestimmten Großunternehmen die Aufsichtsräte zu mindestens 30 Prozent von weiblichen Mitarbeitern besetzt werden. faktor hat Top-Entscheiderinnen in Südniedersachsen dazu nach ihrer ganz persönlichen Meinung gefragt – und eindeutige Antworten erhalten.

Kirsten Weber – Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Mitte e. V.

„Jede Frau, die das Können hat, kann auf eine Frauenquote verzichten – die Einführung bzw. Ausweitung einer Frauenquote ist der falsche Weg! Das besonders häufig bemühte Argument für die Frauenquote ist, dass eine Frau bei gleicher Eignung die gleiche Chance haben soll wie ein männlicher Bewerber. Dumm nur, dass eine Quotenregelung genau dem (Leistungsprinzip) widerspricht. Die Entscheidung für oder gegen einen Bewerber darf sich nur nach objektiven Kriterien – Eignung hinsichtlich Stellen- und Persönlichkeitsprofil, Befähigung hinsichtlich Leistung und Qualifikation – richten. Zu befürchten ist zudem, dass viele Unternehmen eine Auseinandersetzung um die Quote dadurch zu vermeiden suchen, dass sie – auch bei vielleicht nicht gleicher Eignung – die Bewerberin einstellen. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Frauenquote nicht hilft, sondern es nur schlimmer macht. Jede Frau, die Jahre gebraucht hat, um sich ihre Führungsposition und den zugehörigen Respekt zu erarbeiten, darf sich dann wieder den Stempel ,Quotenfrau‘ aufdrücken lassen.“

Susanne Heller – Inhaberin Betten Heller

„Natürlich bin ich dafür, dass Frauen bei gleicher Qualifikation auch die gleichen Chancen auf Führungspositionen haben wie Männer. Allerdings glaube ich nicht, dass eine Frauenquote das geeignete Instrument ist, dies durchzusetzen. Frauen, die aufgrund einer Quotenregelung in eine Führungsposition gelangen, werden es schwer haben, sich durchzusetzen und sich den Respekt und die Wertschätzung der Kollegen zu verschaffen. Ich möchte keine Quotenfrau sein! Vielmehr müssen die Hindernisse beseitigt werden, die Frauen bisher davon abhalten, Führungspositionen zu übernehmen: Flexible Kinderbetreuung, Karrierechancen auch in Teilzeit, weibliche Vorbilder, starke berufliche Netzwerke, die Anerkennung der Qualifikation von Frauen und das Wissen, dass heterogene Teams in der Regel bessere Entscheidungen treffen, können Frauen ermutigen und ermächtigen, auch im Beruf mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Anna-Lena Keilholz – Geschäftsführerin der HKS Sicherheitsservice GmbH

„Die Besetzung von Führungspositionen sollte sich meines Erachtens nicht strikt nach einer Quotenregelung richten. Stattdessen müssen seitens Politik und Wirtschaft Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ein Umdenken der deutschen Unternehmenslandschaft bewirken. Frauen muss es ermöglicht werden, das Familien- und Berufsleben so zu vereinbaren, dass diese doppelte Verantwortung kein Hindernis in der beruflichen Laufbahn und der Übernahme einer zeitintensiven Führungsposition darstellt. Entscheidend für die Besetzung einer Leitungsfunktion und den beruflichen Erfolg sind doch vor allem Faktoren wie fachliches Können, Engagement, Ehrgeiz und Willensstärke – egal ob bei Frauen oder Männern. Was nutzt die Quote, wenn diese Faktoren fehlen?“

Daniela Ruhstrat – Geschäftsführerin Ruhstrat Haus­ und Versorgungstechnik GmbH

„Als Unternehmerin halte ich nichts von staatlichen Eingriffen in betriebliche Entscheidungen. Ich vertrete bei der Bewerberauswahl immer die Ansicht, die am besten Geeignete oder den am besten Geeigneten für die zu besetzende Stelle zu finden, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Religion oder Ähnlichem. Bei uns im Handwerk bewerben sich häufig gar keine Frauen. Man muss das Problem eher auf gesellschaftlicher Ebene lösen mit ,geschlechtsneutraler‘ Erziehung und Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie – für Mann und Frau. Häufig sind wir Frauen schon jetzt besser qualifiziert als die Männer, arbeiten aber in Teilzeit für weniger Geld und organisieren ,nebenbei‘ Haushalt und Kinder. Daran können wir nur selbst etwas ändern, indem wir uns für unsere persönlichen Ziele einsetzen.“

Bianca Holler – Head of Global Human Resources Ottobock

„Ich glaube, dass wir langfristig keine Frauenquote benötigen, die Wirtschaft aber aktuell noch nicht die entsprechende Reife hat. Unter anderem fehlt es an Flexibilität in der Ausgestaltung von Führungsrollen. Ich bin jedoch überzeugt, dass sich die Rolle von Führungskräften künftig stärker in Richtung einer koordinierenden ,Enabler‘- Funktion entwickeln wird. Dadurch entstehen Möglichkeiten für Job-Sharing und flexiblere Arbeitsmodelle, um Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Zusätzlich ist die Politik gefragt, individuelle Betreuungsangebote zu schaffen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung und die Vorteile, die Diversität – die Vielfalt und Vielfältigkeit von Mitarbeitern – mit sich bringt, dürfen wir das Potenzial motivierter, gut ausgebildeter Frauen nicht ungenutzt lassen. Bei Ottobock wollen wir deshalb Frauen nach Kräften fördern.“

Birgitt Witter-Wirsam – geschäftsführende Gesellschafterin HolzLand Hasselbach, Vizepräsidentin der IHK Hannover, Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses Göttingen sowie Präsidentin des Arbeitgeberverbands Mitte e.V.

„Für mich persönlich ist das Thema ein rotes Tuch. Sie ist nicht nötig! Warum? Ehrlicherweise gibt es einfach noch zu wenig erfahrene Frauen, die es wirklich wollen. Den meisten ist der Preis einfach zu hoch. Denn dieser lautet häufig: fast kein Familienleben und/oder keine Kinder, und der Partner bleibt meistens auch noch auf der Strecke. Zudem sind in den Führungspositionen noch immer Machtspielchen und Ellenbogen gefragt. Frauen mit zu viel Herz – und Verstand – haben es da schwer und müssten ihr Verhalten anpassen. Denn letzten Endes sollte immer der oder die Geeignetste für den Job gewinnen. Dass dies auch ohne Quote funktioniert, dafür ist die IHK selbst das beste Beispiel: Im September 2020 tritt Maike Bielfeldt ihren Posten als Hauptgeschäftsführerin der IHK Hannover an. Sie hat sich aus 120 Bewerbern durchgesetzt, weil sie einfach die besten Qualifikationen hat und damit alle überzeugen konnte! In Zukunft werden sich die Führungspositionen auch automatisch weiter unter den Geschlechtern aufteilen. Denn inzwischen studieren ebenso viele Mädchen wie Jungen und haben damit die gleichen Voraussetzungen. Noch ein Beweis, dass wir die Quote nicht brauchen? Aus dem Titel ,Frauenbeauftragte‘ ist inzwischen der ,Gleichstellungsbeauftragte‘ geworden. Die Zeiten haben sich geändert. Und welche Frau möchte nur wegen der Quote schon einen Posten haben!“

Ulrike Beisiegel – Präsidentin der Georg­August­Universität Göttingen

„Ich glaube nicht, dass die Frauenquote eine adäquate Lösung darstellt – vielmehr brauchen wir einen echten Kulturwandel im Wissenschaftssystem. Die Diskussionskultur in Männerkreisen ist eine andere als unter Frauen, es herrschen andere Spielregeln und Codes. Diese gegenseitig zu erkennen und anzuerkennen, ist wichtig. Und dazu müssen wir uns alle unserer unbewussten geschlechtsspezifischen Vorurteile im Kopf bewusst werden und diese abbauen. Ob in der Forschung oder in Unternehmen – wir sollten eine ausgewogene Mischung aus Frauen und Männern anstreben, die das Beste aus beiden Kulturen vereint. Wenn wir dieses Ziel erreichen, wäre dies wohl einer der bedeutendsten Kulturwandel der vergangenen 50 Jahre.“