Klangmeer in Bewegung

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin, redaktion

Der 11. Eichsfelder Orgelherbst steht im Zeichen ,alter Bekannter‘ und neuer Spielorte.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Sommer-Ausgabe 2012.

Wie ein Irrwisch wirbelt Michael Taxer an der Orgel. Seine Hände fliegen rasend schnell über die schwarz-weißen Tasten; seine Füße tippeln wie beim Steppen, treffen mit Ballen und Ferse die Pedale; der hölzerne Spieltisch wackelt.

Dabei erzeugt der gedrungene Mann mit dem Vollbart ein Klangmeer, dessen Wellen sich von der Empore der St. Marienkirche an ihren langen gotischen Pfeilern vorbei bis hinein in den Altarraum entfalten und dort verhallen.

„Musik ist immer auch Bewegung“, sagt Heiligenstadts Kirchenmusikdirektor.

Diese Aussage sowie die Leidenschaft und Intensität, mit der Taxer die langen Metallröhren zum Schallen bringt, erinnern so gar nicht an die schweren, todtraurigen Klänge, die man normalerweise mit Kirchen- und Orgelmusik assoziiert.

Frische und Heiterkeit im Programm

So überrascht es nicht, dass das Programm des 11. Eichsfelder Orgelherbstes auch frische und heitere Elemente bereithält.

Seit dem Jahr 2001 richtet der Verein ‚Freunde der Kirchenmusik im Eichsfeld‘ die Konzertreihe aus, die immer am ersten Septembersonntag in der Heiligenstädter Propsteikirche St. Marien beginnt und an den vier darauffolgenden Wochenenden fortgeführt wird.

Den Auftakt macht in diesem Jahr Moritz von Cube, „einer der besten Countertenöre Europas“, so Michael Taxer, der den Mann mit der Knabenstimme an der Orgel begleiten wird.

Ihm folgen Taxers evangelischer Kollege, Christoph Demmler, der sein Orgelkonzert unter das Motto ‚von Berlin ins Eichsfeld‘ gestellt hat, und die Göttinger Sopranistin Veronika Hilberath.

An den letzten Wochenenden treten schließlich mit dem Dresdener Blechbläserquartett und dem Mädchenchor am Essener Dom zwei Formationen auf, die der Vereinsvorsitzende Otto Diederich schon als „gute alte Bekannte“ einstuft, sind sie doch seit dem ersten Orgelherbst fester Bestandteil.

Stück für Stück in die Region

Ein Novum dagegen ist, dass die Dresdener Blechbläser am vorletzten Konzertsonntag nicht in Heiligenstadt spielen, sondern in der St. Bonifatiuskirche in Leinefelde. „Wir wollen den Orgelherbst Stück für Stück auch auf andere Ortschaften des Eichsfelds ausdehnen, um die Identifikation mit der Region zu stärken“, erklärt Diederich.

Damit der Orgelherbst mehr solcher Abstecher unternehmen kann, sind jedoch bestimmte Voraussetzungen nötig, wie Diederich erläutert: „Das wichtigste ist natürlich eine entsprechende Orgel. Dieser muss aber daneben ein klanglich gut geeigneter Kirchenbau zur Seite stehen.“

Sukzessive Steigerung

Um diesen Vorgaben auch weiter in St. Marien zu genügen, soll das 1941 eingeweihte Instrument umfangreich renoviert werden.

Damit soll die Grundlage geschaffen werden, das Niveau des Orgelherbstes sukzessiv zu steigern: „Wir wollen, dass internationale Spitzenkünstler sagen, auf dieser Orgel will ich auch mal spielen“, gibt Taxer die ehrgeizige Marschroute vor.

Doch der wunderschöne Klang, den der studierte Pianist seinem ‚musikalischen Kaleidoskop‘ attestiert, wird alleine nicht reichen.

Nicht zuletzt spielt hier das finanzielle Budget eine enorme Rolle. Taxer und Diederich zeigen sich dennoch zuversichtlich.

Ein erster Schritt dahin soll bereits im nächsten Jahr gemacht werden, wenn die beiden ein international bekanntes Symphonieorchester nach Heiligenstadt holen wollen.